Zeitung Heute : Gehörschaden durch Musik

Der Tagesspiegel

Veranstalter von Rock- und Popkonzerten werden wegen des dabei verursachten Lärmpegels aufhorchen müssen. Denn eine junge, bei einem solchen Konzert gehörgeschädigte Besucherin hat vor Gericht ein Schmerzensgeld zugesprochen bekommen. Dem Urteil zufolge hatte der Veranstalter seine Verkehrssicherungspflicht vernachlässigt, weil der Lärm an jenem Ort, wo sich die Betroffene aufhalten konnte, viel zu groß war.

Schon lange mahnen Fachleute, auch beim „ Freizeitlärm" vorsichtig zu sein. Im Gegensatz zum beruflich bedingten Geräusch oder zum Verkehrslärm setzt sich mancher Zeitgenosse dem Konzert und der Musik aus dem CD-Spieler freiwillig und mit Genuss aus. An der Gefahr fürs Gehör ändert sich freilich wenig, und wenn die Sinneszellen einmal zerstört sind, gibt es keine Hoffnung auf Besserung. Etwa zehn Prozent der Jugendlichen, so schätzt die Bundesärztekammer vorsichtig, werden in den nächsten Jahren deutliche Einbußen des Gehörs merken.

Die Schäden hängen von Dauer und Stärke des Lärms ab. Die Experten der Kammer haben sich bereits 1999 intensiv mit dem Thema „Gehörschäden durch Lä rmbelastungen in der Freizeit" befasst, ihrer Einschätzung zufolge ist von einem Schallpegel in Höhe von 85 Dezibel (dB) an grundsätzlich mit einer Gehörschädigung zu rechnen. Bis 89 dB (das entspricht einem lauten Lastwagen in fünf Meter Abstand) kommt es dazu erst nach etliche Stunden dauerndem Lärm, über 89 dB schon nach kürzerer Zeit.

Die Dauer der Zeit wirkt sich fast linear auf die Gefahr aus: Wer sich nur 4,8 Minuten einer Belastung mit 105 dB aussetzt – zum Beispiel in einer Diskothek - erhält dieselbe „Dosis", wie sie erst nach acht Stunden mit 85 dB auftritt. Auch die vor Gericht gehörten Gutachter betonten, ein Schalldruck von 120 dB (dicht an einem Presslufthammer ist es vergleichbar laut) sollte innerhalb einer Zeitspanne von acht Stunden höchstens zehn Sekunden lang einwirken, sonst werde die „kritische Pegelgrenze" erreicht. Lege man eine Wirkungszeit von einer Stunde zugrunde, liege diese gefä hrliche Grenze des Schalldrucks bereits bei 90 dB.

Der Fall, der vor dem 5. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Rheinland-Pfalz in Koblenz verhandelt wurde (Aktenzeichen 5U 1324/00), trug sich schon 1997 zu, als die Betroffene erst 13 Jahre alt war. Sie hatte sich während des etwa 90-minütigen Konzerts nahe der Bühne und neben einer dort angebrachten Lautsprecherbox aufgehalten. Es gab zwar eine Sicherheitsbarriere zwischen der Bühne und dem Publikumsbereich, doch der Abstand zur Schallquelle betrug weniger als zwei Meter. Dort sollen noch Stärken von 104 dB angekommen sein, vielleicht sogar mehr. Und dieser Wert führt bereits nach 125 Sekunden zu Gesundheitsgefahren.

Das Mädchen musste am Folgetag zum Ohrenarzt gehen, der eine Innenohrschädigung sowie einen Tinnitus diagnostizierte. Das Oberlandesgericht Koblenz bestätigte das vorinstanzliche Urteil des Landgerichts Trier, in dem der Geschädigten bereits ein Schmerzensgeld zugestanden worden war. Darüber hinaus wurde der Veranstalter dazu verurteilt, auch für künftige Schäden aufzukommen, die sich aus der festgestellten Beeinträchtigung ergeben. Gideon Heimann

Weitere Informationen im Internet:

www.bundesaerztekammer.de/30/Richtlinien/Empfidx/Gehrsch.html

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