Zeitung Heute : Gehorsam gegenüber der Gastfamilie ist überlebenswichtig

Ein halbes Jahr lebte Sophia Raus, Schülerin des Canisius-Kollegs, als Weiße in Mitchell’s Plain, einem Farbigen-Vorort von Kapstadt

Rolf Brockschmidt

In die USA wollte Sophia Raus auf keinen Fall zum klassischen Auslandsaufenthalt nach der 10. Klasse. Die damals 16-jährige Schülerin des Canisius-Kollegs schwankte zwischen Australien und Südafrika und entschied sich schließlich für letzteres. „Ich fand Südafrika interessanter. Es war etwas ganz anderes und nicht so üblich. Außerdem reizte es mich, eine völlig andere Kultur zu erleben.“ Über die Organisation AIFS bewarb sie sich und bekam ein halbes Jahr vor Abreise einen positiven Bescheid. Aber wo sie wohnen würde, erfuhr sie erst einen Monat vorher: In Mitchell’s Plain, einem Vorort von Kapstadt mit 260 000 Einwohnern, einer Arbeitslosigkeit von 16,2 Prozent, einer Mordrate von sieben auf 10 000 Einwohner und einer Gewaltverbrechensrate von 193 auf 10 000 Einwohner. In Mitchell’s Plain wohnen überwiegend Mischlinge (coloureds), eine Folge der Apartheid. „Mein Vater war begeistert, dass ich mir das zutraute. Meine Mutter wurde etwas skeptischer, als wir beim Vorbereitungstreffen hörten, dass Mitchell’s Plain eine gefährliche Gegend sei. Aber ich habe mich auf die Organisation verlassen.“

Bei dem Vorbereitungstreffen wurde ihr eingeschärft, dass sie der Gastfamilie unbedingt gehorchen müsse. Das sei überlebenswichtig. 30 deutsche Schüler gingen allein über AIFS im Juli vergangenen Jahres nach Südafrika, mehr als jemals zuvor.

Der erste Eindruck von ihrer Gastfamilie war sehr positiv, erzählt Sophia Raus, die mittlerweile 17 Jahre alt ist. Sie staunte nicht schlecht, als sie das kleine Haus sah, in dem sie mit ihren Gasteltern und ihrer gleichaltrigen „Schwester“ wohnen sollte. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Manager eines kleinen Elektrogeschäftes. Das Haus hatte zwei Zimmer, einen Wohnraum und eine Küche. Obwohl Sophia sich schon in Berlin auf allerlei Eventualitäten eingestellt hatte, war es zunächst eine ungewöhnliche Situation für sie, mit ihrer „Schwester“ in einem Zimmer zu wohnen. Es sei aber gemütlich eingerichtet gewesen. Der 21-jährige Sohn der Familie, ihr „Bruder“, wohnte mit seiner Verlobten und zwei Kindern in einem kleinen Holzhaus im Garten. „Der sah nicht sehr einladend aus, ein Betonplatz, der auch zum Grillen genutzt wurde.“

Am Anfang habe sich die Familie Mühe gegeben, Englisch zu sprechen, damit Sophia auch alles versteht. Aber eigentlich sprechen die Farbigen Afrikaans oder einen Slang aus Afrikaans und Englisch. „Sie sprechen eben manchmal auch Englisch nach der afrikaansen Grammatik, so dass sich bei mir auch Fehler eingeschlichen hatten“, erzählt Sophia. Mit der Zeit sei die Familie wieder in ihre gewohnte Sprache Afrikaans verfallen, so dass sie nicht alles verstanden habe.

Tief schürfende Gespräche habe sie mit ihrer „Schwester“ nicht geführt, die habe viel Fernsehen geschaut, „aber wir haben uns auch nicht gestritten. Ich hatte eigentlich mehr Kontakt mit ihren Cousinen aus der Nachbarschaft, die mich immer unbedingt beschäftigen wollten.“

Sophia besuchte eine Highschool, zu der sie zu Fuß gehen konnte. „Der Standard der Schule war besser als ich gedacht hatte. Wir mussten viel abschreiben und auswendig lernen.“ Frontalunterricht kannte sie nicht aus Berlin, fand ihn aber gut. Neu war für sie die Schuluniform, die jeder extra kaufen musste. „Der Direktor sagte, die Uniform sei nicht dazu da,die Unterschiede zwischen Arm und Reich auszugleichen. Sie diene der Sicherheit. Man erkennt sofort, wer nicht auf das weitläufige Gelände gehört.“

Außer zwei weiteren deutschen Schülern waren an ihrer Schule nur farbige Südafrikaner, die Klassenstärke lag im Schnitt bei 40 Schülern. Sechs Kurse müssen belegt werden, Englisch und Afrikaans sind Pflicht, andere wie Mathematik, Biologie, Erdkunde und Physik können gewählt werden. In Geschichte hatte die Klasse gerade Deutschland im Zweiten Weltkrieg durchgenommen, aber politisch hätten sie nicht Bescheid gewusst, außer über die USA. „Viele Mitschüler haben mich, die vermeintlich Reiche aus Europa, am Anfang noch versucht anzupumpen.“ Das habe sich dann aber gelegt. Mittwochs war eine Stunde Leseförderung angesetzt. „Die meisten haben sich unterhalten und Zettel geschrieben und den Lehrer hat es auch nicht sonderlich interessiert.“ Im Gegensatz zu Berlin wurden nach jeweils drei Monaten Klausuren in den einzelnen Fächern geschrieben. „Am besten lernt man das ganze Heft stur auswendig. Wer lernt, kann gute Noten bekommen.“

Den Zusatzunterricht für Afrikaans für Einsteiger fand sie ganz interessant, da dort viel mit Texten der südafrikanischen Geschichte und Literatur gearbeitet wurde. Ein Mal in der Woche gab es eine Stunde „Life orientation“, eine Art Werte-Unterricht über die Apartheid, Aids und Aufklärung. „Die Stunde hat ihren Sinn nicht erfüllt. Die Schüler haben sich meistens unterhalten und die Lehrer haben ihr Programm abgespult.“ Immerhin sei der sonstige Unterricht „binnendifferenziert“ gewesen, das heißt unterschiedliche Aufgaben für starke und schwache Schüler.

Einmal habe sie den Direktor der Schule auf dem Schulhof nicht gegrüßt. Sie wurde in sein Zimmer zitiert und darüber belehrt, dass man das Alter zu achten habe. „Aber wirklich alt war der nicht“, bemerkt Sophia trocken.Ihre Biologielehrerin hat sich sehr dafür interessiert, was sie in Berlin mache und sie wollte wissen, was sie am meisten vermisse. Sophia: „Meine Selbstständigkeit und die BVG.“ Ein wenig fühlte sie sich schon an der kurzen Leine gehalten, da die Familie sehr großen Wert auf Sicherheit legte. Alleine durfte Sophia nichts unternehmen. „In unserer Gegend gab es viele Vergewaltigungen und Entführungen. Meine Gastmutter hatte selbst Angst im Dunkeln. Aber mir ist nie etwas passiert.“

Erst als die Mutter im Fernsehen eine Reportage über die Berliner Polizei beim Mai-Einsatz gesehen habe, hätten sich die Zügel ein wenig gelockert. Gegen Ende ihres Aufenthaltes durfte sie ein Mal alleine zum Postamt und ein weiteres Mal mit ihren beiden deutschen Mitschülern ausgehen. Sie hat viel gelesen, aber auch mit ihren Hausbewohnern viele Videofilme gesehen. Aus den Gesprächen mit der Familie hat sie gelernt, dass die Ehre der Familie sehr wichtig sei. Ein Freund ihres Bruders habe sie mit nach Robben Island genommen und ihr auch Mandelas Zelle gezeigt. Doch für ihn war Mandela nur ein „Kaffer“, früher sei alles besser gewesen.

„Jeder wohnt immer noch in seinem Quartier, die Apartheid ist noch längst nicht überwunden. Die Weißen probieren tolerant zu sein, die Schwarzen werden gefördert und die Coloureds haben das Gefühl, benachteiligt zu sein, obwohl sie doch auch unterdrückt wurden.“ Dennoch sähen sich alle als Teil der Regenbogennation.“ Sonntags und mittwochs sei ihre „Schwester“ in die neuapostolische Kirche gegangen, sie habe sogar die Sonntagsschule geleitet. Sophia hat nur sonntags die Kirche besucht. Der Pfarrer sei sehr an ihr interessiert gewesen. „Er hat mich vor der Gemeinde in der Kirche begrüßt und am Ende auch wieder verabschiedet.“

Was sagt sie nach einem halben Jahr Südafrika? „Ich fand es aufregend, als einzige Weiße in einer anderen Kultur zu leben. Ich würde auch noch einmal hinfahren, aber dann direkt nach Kapstadt.“ Die Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit sei schon hart gewesen, aber Sophia bereut nichts. „Wer nach Südafrika gehen will, sollte sich zuvor keine Vorstellungen zurechtlegen, offen und vorsichtig sein, dann wird er auch nicht enttäuscht sein.“

Weitere Informationen im Internet: www.aifs.de

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