Zeitung Heute : Geht es jetzt endlich wieder aufwärts?

Gute Nachrichten – das Jahr 2003 hat davon eine Menge gehabt. Und verheißungsvoll blicken viele Menschen auf die kommenden zwölf Monate. Die Reformgesetze sind verabschiedet, die Konjunktur kommt in Fahrt. Wir schauen zurück und nach vorn – voller Optimismus.

Lutz Haverkamp

DEUTSCHLAND – POSITIV GESEHEN

Das Jahr 2003 begann am 14. März. An diesem Tag hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Agenda 2010 vorgestellt. Dieses Konzept bestimmt bis heute die innenpolitische Debatte, wurde als Aufbruch in eine neue Gesellschaft und ein neues Deutschland gefeiert und gleichzeitig als halbherziges und nicht weit genug gehendes Stückwerk verdammt. Die Verabschiedung der Reformgesetze, die positiven Anzeichen für eine sich aufrappelnde Konjunktur und der Jahreswechsel 2003/2004 fallen zusammen – rein zufällig und doch Anlass genug für einen Blick auf das, was im zu Ende gehenden Jahr besser geworden ist und im kommenden Jahr besser werden könnte. Das Folgende ist keine ausgewogene, umfassende Bilanz – es ist die Konzentration des Positiven.

Alle gieren nach guten Nachrichten. Und die ersten kamen mit dem Ende des Sommers. In ihrem Herbstgutachten sagten die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein Wachstum der deutschen Konjunktur von 1,7 Prozent für das kommende Jahr voraus. Das reiche zwar lange noch nicht für eine wirkliche Verbesserung am Arbeitsmarkt, aber es ist ein Hoffnungsschimmer nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation. Und vielleicht ist es ja auch ein bisschen mehr. Das Münchner ifo-Institut erwartet 1,8 Prozent und Bundeswirtschaftminister Wolfgang Clement hat auch schon mal die Marke von zwei Prozent in Aussicht gestellt.

Das hofft auchMartin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypovereinsbank, der in einem vertraulichen Papier die positiven Seiten des Jahres 2003 zusammengetragen hat und einen optimistischen Ausblick auf das Jahr 2004 wagt. „Die Konjunktur hat sich gebessert“, konstatiert Hüfner für das ablaufende Jahr. In den ersten Monaten sei das reale Sozialprodukt noch mit einer Rate von 0,8 Prozent (annualisiert) zurückgegangen. „Im zweiten Halbjahr ist es um knapp ein Prozent gewachsen. Für 2004 erwarten fast alle einen Anstieg zwischen ein und zwei Prozent, vielleicht sogar etwas mehr“, schreibt der Chefvolkswirt.

Die Analysten der Bundesbank finden ebenfalls erfreuliche Anzeichen: „Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich seit dem Frühjahr 2003 deutlich verstärkt“, heißt es im jüngsten Monatsbericht. Und weiter: „Im kommenden Jahr wird der private Verbrauch zunächst von der Einkommensteuersenkung und im weiteren Verlauf von der allmählichen Aufhellung des Arbeitsmarktes profitieren. Das Preisklima bleibt wahrscheinlich verbraucherfreundlich.“

Russland und Brasilien waren besser – aber nur aus Sicht der Börsianer. „Unter den Anlegern kann sich nur beklagen, wer in diesem Jahr keine Aktien besaß“, zieht Chefvolkswirt Hüfner für das Börsenjahr 2003 Bilanz. „Die Aktienkurse, die drei Jahre gefallen waren – insgesamt so viel wie in der großen Weltwirtschaftskrise des vorigen Jahrhunderts –, haben sich seit Jahresanfang per Saldo um über 30 Prozent erhöht“, heißt es in dem Papier. Den Tiefpunkt markierte der Deutsche Aktienindex (Dax) Anfang März bei 2188 Punkten, Mitte Dezember schwang er sich zu einem neuen Jahreshoch bei 3930 Punkten auf – satte 79 Prozent Steigerung. Das wird manche Anleger über die Verluste der letzten Jahre hinweggetröstet haben. Und viele Börsenanalysten blicken voller Freude ins nächste Jahr. Eine „Handelsblatt“-Umfrage unter 33 Banken und Investmenthäusern ergab, dass die Aktienprofis den Dax in den kommenden zwölf Monaten über der 4300-Punkte-Marke sehen.

Weltmeisterlich

Deutschland ist Weltmeister, denn kein anderes Land hat im Jahr 2003 mehr Waren und Dienstleistungen exportiert. Und besonders positiv, so resümiert der Chefvolkswirt der Hypovereinsbank, sei, dass der deutsche Unternehmergeist die „treibende Kraft des Aufschwungs in Deutschland“ gewesen sei. Wie man es nicht mache, habe Amerika vorgemacht, das mit neuen Staatsschulden und einer expansiven Geldpolitik die Konjunktur angekurbelt habe. Anders in Deutschland: „Die Unternehmen nehmen ihre Chancen auf den Weltmärkten war. So schlecht kann es also um die Wettbewerbsfähigkeit nicht bestellt sein“, folgert Hüfner. Damit hat Deutschland auch die Schlusslaterne in Europa abgegeben. Belgien, die Niederlande und Portugal werden für das Jahr 2003 ein schlechteres gesamtwirtschaftliches Ergebnis aufweisen. „Der konjunkturelle Aufschwung in Europa geht derzeit ausgerechnet von Deutschland aus“, freut sich Hüfner. Und die deutschen Unternehmer blicken optimistisch nach vorn. Denn der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Dezember zum nunmehr achten Mal in Folge und signalisiert damit einen Aufschwung im kommenden Jahr.

Selbst der schwächelnde Euro hat im zu Ende gehenden Jahr zu alter Stärke und gar darüber hinaus zurückgefunden. Die Aufwertung von rund 20 Prozent gegenüber dem US-Dollar freut zwar nicht die Exporteure, deren Waren sich dadurch im Ausland verteuern, sie zeigt aber, dass ausländische Investoren neues Vertrauen in den Standort Europa und Deutschland setzen. 24 Milliarden Euro haben Unternehmen und Investoren aus dem Ausland in den ersten drei Quartalen in den Produktionsstandort oder den Aktienmarkt Deutschland investiert.

„Es ist wichtig, nicht nur zu klagen, sondern auch Erfolge zu erwähnen. Ein bisschen stolz zu sein. Konjunktur und Wachstum sind nun einmal fünfzig Prozent Psychologie“, schreibt Hüfner am Ende seiner Betrachtung. Es seien mehr Reformen geschafft worden, als vor einem Jahr für möglich gehalten wurde. Jetzt komme es darauf an, das entstandene Reformklima im nächsten Jahr für neue Vorhaben zu nutzen. Denn, so warnt Volkswirt Hüfner: „Ich will nicht sagen, dass die Verhältnisse in Deutschland inzwischen wieder in Ordnung wären. Die Aufzählung ist sogar gefährlich, weil sie suggerieren könnte, als sei nun alles unter Dach und Fach. Das ist keineswegs der Fall. Bei der Erneuerung des Landes haben wir nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft.“

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