Zeitung Heute : Geistiger Austausch in guter Tradition

Die wissenschaftliche Kooperation wird zum Schrittmacher der EU-Erweiterung / Von Andrzej Byrt

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Polnische und deutsche wissenschaftliche Institutionen, Universitäten und Hochschulen arbeiten seit Jahren zusammen. Die geopolitischen Veränderungen in Europa um die Wende der Achtziger und Neunzigerjahre haben diese Zusammenarbeit erleichtert und intensiver gestalten lassen. Wir hoffen, der Beitritt Polens zur Europäischen Union wird sich auf diese Kooperation fördernd auswirken, wobei es hervorzuheben gilt, dass Polen im Bereich Hochschulwesen und Forschung bereits seit langem faktisch zur EU gehört. Polnische Studenten studieren und polnische Wissenschaftler lehren und forschen an Universitäten und Hochschulen in ganz Europa. Wenn auch in geringerem Maße, so kommen doch viele Studenten aus EU-Ländern nach Polen.

Es ist keine Seltenheit, dass Wissenschaftler aus der EU an polnischen Hochschulen Gastprofessuren haben oder Forschungsarbeiten durchführen. Die EU-Erweiterung wird auch eine Erweiterung dieses Bereiches zur Folge haben, wobei sich allerdings nichts am Kern der Sache ändert. Er liegt ja darin, eine Chance zu bieten, die Kultur anderer Länder vor Ort kennen zu lernen und dadurch Klischees aufzuheben, kurzum zur Verständigung, Toleranz und Akzeptanz beizutragen.

Kenntnis und Erkenntnis gehören zur Ausbildung, insbesondere auf höherer Stufe. Daher sollen sich europäische Wissenschaftszentren wie auch Entscheidungsträger zum Ziel setzen, den Austausch von Studenten und Wissenschaftlern in der bald erweiterten EU zu fördern. Ein reger Kontakt von Eliten, die zweifelsohne von Menschen mit Hochschulabschluss – geschweige denn Wissenschaftern – gebildet werden, ist eines der wirksamsten Mittel, ein europäisches Bürgertum zu kreieren, das andere Kulturen und die gemeinsamen kulturellen europäischen Wurzeln zu achten versteht.

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat im vergangenen Jahr 10 000 polnische Studenten an deutschen Hochschulen gezählt. Ihr Aufenthalt umfasste nicht nur Studien über ein oder zwei Semester, sondern auch einmonatige Sprachkurse und Forschungsaufenthalte von einigen Wochen. Das Interesse an einem Auslandsstudium ist unter den polnischen Jugendlichen sehr groß. Das umfangreiche Angebot an Studien- und Forschungsplätzen in Deutschland resultiert aus einer großen Aktivität sowohl der polnischen als auch der deutschen Hochschulen wie auch aus der regen Zusammenarbeit deutscher und deutsch-polnischer Institutionen, die über Stipendien für Studenten und Wissenschaftler entscheiden. Eine hervorragende Arbeit leisten in Polen der DAAD, das Goethe Institut Inter Nationes, das Deutsche Historische Institut und viele Stiftungen, für die ich stellvertretend die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Alexander von Humboldt-Stiftung nennen möchte. Viele junge Menschen sind motiviert, Deutsch zu lernen und in Deutschland zu studieren, weil weise und weitsichtig in diese jungen Menschen investiert wird. Sie sind ja unsere Hoffnung darauf, dass die immer wieder auf die Probe gestellten Beziehungen zwischen unseren Völkern durch einen freundschaftlichen Dialog ohne Vorurteile geprägt werden, den so manche nicht immer gut überlegte politische Initiative nicht beeinträchtigen können wird.

Polen befindet sich in Europa auf dem fünften und weltweit auf dem sechsten Platz hinsichtlich der Zahl kooperierender wissenschaftlicher Institute mit Deutschland. Länder wie Frankreich, Italien, Großbritannien oder Spanien sind uns natürlich voraus. Also gibt es noch viel zu tun. Um Hochschulen und wissenschaftliche Institutionen zur Zusammenarbeit zu motivieren, wäre meines Erachtens unumgänglich, auch deutschen und ausländischen Studenten bewusst zu machen, dass es sich unbedingt lohnt und auch attraktiv ist, in Polen zu studieren. Und sei es nur für ein Semester.

Große Hoffnungen setzen wir auch in die Beschlüsse des Bologna-Prozesses, den wir sehr bald, nach der diesjährigen Konferenz in Berlin, den Berliner Prozess werden nennen dürfen. Dieser Prozess strebt unter anderem eine Angleichung der Studienstrukturen an. Er wird zweifelsohne wesentlich zur Kooperation zwischen den Hochschulen der Europäischen Union beitragen. Dieser Prozess hängt auch mit bereits geplanten Hochschulreformen in Polen zusammen. Ich bin überzeugt, all diese Maßnahmen, sowohl die internationalen wie auch die internen, werden in der wissenschaftlichen Kooperation Früchte tragen – und das liegt in unserem gemeinsamen Interesse.

Deutsche und polnische Hochschulen und Unternehmen sollten in allen Bereichen eng zusammenarbeiten. Zukunftsfelder sind nicht nur Biotechnologie, Chemie, Physik, Maschinenbau und viele andere moderne Disziplinen mit Schwerpunkt auf Technologie, sondern auch die Geisteswissenschaften, allen voran die Geschichte. Uns verbindet eine über dreißigjährige beispielhafte Tradition deutsch-polnischer Zusammenarbeit – das dürfen wir besonders heutzutage nicht vergessen.

Der Autor ist Botschafter der Republik Polen in Deutschland.

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