Zeitung Heute : Geklont: Projekt Noah

Ralph Obermauer

Post für das Labor von "Advanced Cell Technology". Am Morgen hat der Paketdienst eine schwarze Box gebracht, die an eine Picknick-Kühltasche erinnert, und darüber freut sich Phil Damiani schon den ganzen Tag. Die Flasche aus der Kiste hat die Größe einer Thermoskanne und steht jetzt im Kühlcontainer des Labors. Als Damiani sie hervorzieht, ergießt sich zischend flüssiger Stickstoff auf den Boden. Die Kälte konserviert frische Eizellen von Rindern, die ein Laborant auf dem Schlachthof von Kansas gesammelt hat. Für den Wissenschaftler Phil Damiani sind sie wertvolles Arbeitsmaterial. "Daraus könnte man doch einen Büffel bauen", überlegt der Gentechniker laut.

Phil Damiani ist ein ganz besonderer Tierfreund. Der jungenhafte Besitzer eines Hundes und einer Katze liebt Tiere seit seiner Jugend. Und er liebt sie so sehr, dass er nun selbst im Labor aussterbende Arten wieder zum Leben erweckt - durch Klonen. Manche Menschen halten Klonen für böse, es jagt ihnen Angst ein, aber der 34-Jährige, einer von zwei leitenden Wissenschaftlern der Firma Advanced Cell Technology (ACT) in Worcester in Massachusetts, sieht die Sache ganz nüchtern: "Das ist natürlich keine Gesamtlösung für das Problem der aussterbenden Arten, aber einen Beitrag kann die Technik vielleicht schon leisten."

Damiani und sein Kollege Robert Lanza stehen kurz vor einem Riesenerfolg: Sie wollen der Welt den Gaur zurückgeben, eine fast ausgestorbene Wildbüffelart, die in Südostasien beheimatet war und deren meist unfruchtbare letzte Vertreter heute in Zoos leben. In wenigen Tagen soll das geklonte Tier, das von einem normalen Hausrind ausgetragen wird, in Iowa zur Welt kommen.

Eigentlich ist alles ganz einfach. Man nimmt die Eizelle einer Rinderkuh, rupft die Rinder-Chromosomen heraus, hält eine Gaur-Zelle daneben und versetzt beiden einen Elektroschock. "Das verursacht den Fusionsprozess, einen artenkreuzenden Kerntransfer." Es scheint wirklich kinderleicht, wenn Phil Damiani im Konferenzraum an der Tafel mit übersichtlichen Zeichnungen erklärt, wie man eine Spezies wieder zum Leben erweckt. "Nach ein paar Tagen hat man ein Embryo aus Rinder-Ei und Gaur-DNA. Das implantiert man in ein Hausrind", sagt Damiani mit sanfter Stimme. Am unteren Ende des Diagramms deutet ein Pfeil auf einen Gaur-Büffel.

"Jurassic Park" war nur eine gruselige Kinofantasie, in der Wissenschaftler die vor Urzeiten verschwundenen Dinosaurier wieder zum Leben erweckten. Damiani und sein Kollege Lanza haben in der Realität etwas Ähnliches geschafft: Sie haben eine ausgestorbene Tierart mit Hilfe von vollständig erhaltener DNA geklont und lassen das produzierte Embryo durch eine artfremde Leihmutter austragen. Als vor acht Jahren eines der letzten Gaur-Exemplare starb, nahmen die ACT-Forscher Zellen aus dessen Haut und froren sie ein. Später züchteten sie aus den Proben Zellkulturen, die die gesamte Erbinformation des Gaur enthalten. Eine Zelle verschmolzen sie mit einer von Rinder-Chromosomen gereinigten Eizelle eines Rindes, zogen sie zum Gaur-Embryo heran und pflanzten sie der Hausrind-Kuh "Bessie" ein. In wenigen Tagen nun soll das Gaur-Kalb zur Welt kommen, eine identische Kopie des 1992 gestorbenen Tieres. Das Rinderbaby entwickelt sich bestens und ist kerngesund. Schon vor seiner Geburt haben ihm die Wissenschaftler einen Namen gegeben, der für ein ehrgeiziges Programm steht: "Noah".

Im ACT-Labor, eine Autostunde von Boston, demonstriert Damiani, dass die ersten Schritte zur Rekonstruktion untergegangener Arten recht mechanisch sind. "Wie beim Videospielen", sagt der Gentechniker und blickt durch das Mikroskop. Langsam dirigiert er mit einem Joystick die Mikropipette zu einer Eizelle, stößt zu und saugt die zuvor mit einem Färbemittel sichtbar gemachte DNA raus. Was im Ei verbleibt, sind Proteine oder RNA, für die Entwicklung des Embryos wichtige Substanzen. Der Zellkern mit den Chromosomen und der Erbinformation für das Embryo wird später durch die Gaur-DNA aus dem Kern der geklonten Hautzelle ersetzt. Der Austausch zwischen dem artfremden Zellkern und dem umgebenden Plasma galt lange als Problem, doch das hat nun funktioniert. Wie sich in vielen Versuchen der Gentechniker zeigte, entwickelt sich keine Kreuzung zwischen Rind und Gaur, sondern ein reinrassiger Gaur-Büffel, das Ergebnis von Damianis Schaffen.

Es ist die erfolgreiche Kombination von drei Schritten, welche die Einzigartigkeit des Erfolgs von ACT ausmacht: das Klonen von Hautzellen, der Transfer des Zellkerns in die Eizelle einer fremden Art und dann das Heranwachsen in einer Leihmutter dieser Spezies. Leihmutterschaften mit einer fremden Spezies waren bereits anderen Labors gelungen, die Embryonen waren dabei allerdings nicht durch das Klonen von Zellen eines toten Tieres hergestellt worden.

Damiani legt Wert darauf, dass sein Tun mit dem der fiktiven Wissenschaftler in "Jurassic Park" nicht viel gemein hat: "In dem Film finden sie in einer fossilierten Mücke Blut mit erhaltener DNA eines Dinosauriers, ergänzen sie mit DNA von lebenden Amphibien und benutzen dann ein Straußenei für das Wachstum." Der Gentechniker schüttelt lächelnd den Kopf: "Also so einfach geht das leider nicht." Das Hauptproblem ist der Mangel an gut erhaltener DNA bei ausgestorbenen Tieren. Auch die Mammut-Zellen, die bei in der Tundra tiefgefrorenen Tieren gefunden wurden, taugen nicht. Die Techniker benötigen frische Zellen von höchstens fünf Tagen zuvor gestorbenen Tieren, die sie einfrieren. Ohne sie gibt es kein Comeback für eine ausgestorbene Art.

Damiani ärgert sich, wenn Kritiker bezweifeln, dass es ihm um Naturschutz geht, wenn sie behaupten, allein die Möglichkeit zu klonen lenke ab von der Bewahrung des natürlichen Lebensraums für Tiere. Niemand denke beim Artenschutz daran, den Erhalt der natürlichen Umwelt geringzuschätzen. "Damit können und wollen wir nicht konkurrieren", versichert er mit Nachdruck, "ganz ehrlich." Sinnvoll sei der Einsatz der neuen Technik nur als zusätzliches Instrument bei der Bekämpfung des Artensterbens. Der Gentechniker fordert alle Tiergärten auf, dem Beispiel von San Diego zu folgen. Im dortigen Zoo frieren Tierärzte heute schon DNA-Proben von bedrohten Arten ein.

Neben dem Raum mit den Mikroskopen und Joystick-kontrollierten Mikropipetten steht im ACT-Labor ein kleines Arrangement mit Stromgenerator auf dem Arbeitstisch. "Hier versetzen wir den Zellen den elektrischen Impuls, der zur Fusion von Rinder-Eizelle und Gaur-Zelle führt", sagt Damiani. Natürlich, um Leben zu wecken, braucht man immer einen Stromstoß, auch das kennt man aus der Filmgeschichte. Der Apparat der ACT-Schöpfer sieht allerdings wenig spektakulär aus, ein unauffälliger, kleiner Kasten. Sein bescheidener elektrischer Impuls sorgt dafür, dass sich die Eizellen-Membran kurz öffnet und der Gaur-Zellkern hineinrutschen kann. Da es sich nicht um eine reguläre Befruchtung handelt, muss dem fusionierten Ei dann chemisch ein Wachstumssignal gegeben werden. Damiani und seine Kollegen mussten eine ganze Reihe von Stromstößen geben, bis das Experiment gelang: 692 Kerntransfers, 80 Embryos, 42 Implantierungen, acht Schwangerschaften, sieben Abtreibungen. Dann war "Noah" zum Leben erweckt.

Der biblische Name verweist auf den großen Ehrgeiz des Unternehmens - und auf einen ausgeprägten Sinn für Effekte. Ein Geschäft ist die Gaur-Wiederbelebung angeblich nicht für ACT, eher eine Art Nebenprodukt der kommerziell aussichtsreicheren Forschungen für die Landwirtschaft und die Medizin, etwa das Auftragsklonen von besonders einträglichen Farmtieren.

Beim nächsten Projekt des Tierfreunds Phil Damianis, der früher selbst exotische Arten wie Schlangen oder Frettchen hielt, soll es um das Klonen von Hauskatzen und Hunden gehen. Niemand hat das bisher geschafft, ACT arbeitet in Konkurrenz zur texanischen Firma Genetic Savings & Clone. Wer das Rennen gewinnt und die Patente anmelden kann, der macht das Geschäft mit den Haustiernarren. Damit ihre Pudel, Dackel oder Kater unsterblich bleiben, werden sich viele Halter ein identisches Klon bestellen - ACT nimmt heute schon DNA-Proben entgegen. Die Firma aus Massachusetts liegt ziemlich weit vorn im Klon-Rennen. Sie hält ein entscheidendes Patent auf Zellreproduktionen, eine Methode, die der Konkurrent aus Texas nun nicht mehr nutzen kann.

So ganz ernst nimmt Phil Damiani den neuen Markt nicht. Er beschäftigt sich in Gedanken lieber mit unbestreibar nützlichen Vorhaben wie dem Klonen von Blindenhunden oder aussterbenden Katzenarten. Als "Geste des guten Willens" wollen Damiani und seine Firma die "Noah"-Experimente verstanden wissen. Kritiker wollen das Vorhaben dagegen als raffinierten Werbeschachzug für die umstrittene Klontechnik entlarven. ACT hat nun jedenfalls eine Stiftung gegründet, die sich um die sinnvolle Verwertung der Technologie für den Artenschutz kümmern soll.

"Angeblich spielen wir Gott ...", spöttelt Damiani und fummelt am Stromgenerator herum, "das ist nun wirklich das Letzte, was ich will. Ich habe auch so genug Verantwortung." Während er das sagt, scheint es, als unterdrücke er ein Lachen. Einwände gegen die Manipulation der Natur nimmt er aber sehr ernst. "Unsere Arbeit stellt nun wirklich einen verhältnismäßig kleinen Eingriff dar", sagt er und verweist darauf, dass der Mensch doch gerade das Artensterben beschleunige: "Ein Fehler, den wir berichtigen sollten. Ich tue da, was ich kann." Zum Beispiel hilft er der spanischen Regierung. Die hat nämlich eine Bucardo-Bergziege bestellt, die war kürzlich ausgestorben. Außerdem bemüht sich Phil um eine Genehmigung der chinesischen Regierung für Panda-Zellen. Den Panda-Nachwuchs will er dann von amerikanischen Schwarzbären austragen lassen.

Leihmutter "Bessie", so sagt Damiani voraus, wird "Noah" als ihr Kind annehmen, wenn er geboren ist - so ähnlich ist das Gaur-Baby einem Hausrind. Noah wird so lange bei der Mutter in Iowa bleiben, bis er sich selbst ernähren kann. Dann soll das Wildrind in einem Zoo sein Leben fristen. Der Tiergarten will ungenannt bleiben.

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