Zeitung Heute : Gekündigt und trotzdem nicht arbeitslos

Drei Berater sagen, wie ein übergangsloser Neuanfang gelingen kann

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Jeden ersten Donnerstag im Monat, pünktlich um 16 Uhr, beginnt im Berufsinformationszentrum (BIZ) in der Sonnenallee 282 die Informationsveranstaltung „Gekündigt – was tun?!“. Mal kommen nur eine handvoll Neuköllner, manchmal sind es auch drei Dutzend, um sich über das „Angebotskonzept“ des Arbeitsamtes Berlin-Süd zu informieren. Schon ein gutes Jahr bevor zum 1. Januar 2002 das Jobaqtiv-Gesetz in Kraft trat, mit der die Bundesanstalt für Arbeit auf eine neue, aktive Vermittlungsstrategie setzt, begann das Arbeitsamt Süd-West mit der gezielten Ansprache von Erwerbstätigen, die von einer Kündigung bedroht sind oder bereits gekündigt wurden, aber dem Kündigungsschutzgesetz (KschG) unterliegen. In der rund einstündigen Infoveranstaltung stellen Arbeitsberater klar, „dass das Amt nicht nur für Arbeitslose da ist“. Sie zeigen auch konkrete Angebote auf. Doris Meyer, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und hin und wieder auch Referentin bei der Informationsveranstaltung im Neuköllner BIZ, sagt das mit unüberhörbarem Engagement: „Wir wollen erreichen, dass Arbeitslosigkeit gar nicht erst eintritt. Ideal wäre es, wenn ein neues Beschäftigungsverhältnis unmittelbar ohne jede Arbeitslosigkeit beginnt.“

Um dieses Ziel zu erreichen, bietet die Behörde für Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis demnächst ausläuft, ein Bewerbungstraining am Wochenende an. Jeweils acht Stunden lang vermitteln Trainer einen Überblick über die aktuellen Erwartungen auf dem Arbeitsmarkt. Im Frontalunterricht, in Gesprächen und im Videotraining wird geübt, wie man sich als Bewerber erfolgreich präsentiert.

Noch intensiver ist das „Movement“-Angebot. Hinter der Bezeichnung verbergen sich die Worte Motivation, Orientierung, Vermittlung und Existenzgründung. In achtwöchigem Vollzeitunterricht wird nicht nur eine komplette Bewerbungsmappe erstellt. Auch eine Stilberatung, ein PC-Kurs und eine Unterweisung „Wie lese ich Stellenanzeigen richtig?“ gehören zu dem Programm, das ebenso wie das Bewerbungstraining für alle Teilnehmer kostenlos ist. „Die Vermittlungsquote“, berichtet Doris Meyer, „liegt bei 60 Prozent gleich nach oder sogar schon während der Trainings.“

Möglichst übergangslos seine Klienten in einen neuen Job zu bringen, ist auch die Zielsetzung von Albert Blomert. Der Berater vom Büro für Berufsstrategie in Mitte (Foto: Ulli Winkler) hat im vergangenen halben Jahr rund 150 Arbeitnehmer betreut. Das kommerzielle Angebot schlägt mit 390 Euro zu Buche. Viel Geld für die meisten Arbeitnehmer, erst recht, wenn sie gerade ihren Job verloren haben. Doch Blomert führt Beispiele von Klienten an, die mit Hilfe der Persönlichkeitspotenzialanalyse „in kürzester Zeit die völlig normale Phase der Orientierungslosigkeit nach einer Kündigung enorm abgekürzt haben.“ Die eigenen beruflichen Erfahrungen mit Unterstützung eines wissenschaftlichen Instrumentariums zu reflektieren, hält Blomert für unverzichtbar. „Wer lange in einem Betrieb, in einer Funktion oder in einer Branche gearbeitet hat, hält vieles von seinem Können für selbstverständlich. Es stellt sich eine Art Betriebsblindheit gegenüber den eigenen Fähigkeiten ein.“

Die Frage „Wie gut bin ich eigentlich?“ könne in der Betreuung durch einen Berater, der mit seinem Blick von außen die Diskrepanzen zwischen Selbstbild und Fremdbild aufzudecken helfe, sehr viel besser beantwortet werden. Die Beratung im Büro für Berufsstrategie beinhaltet ein mehrstündiges Interview, drei wissenschaftliche Persönlichkeitstests vom betriebspsychologischen Lehrstuhl der Ruhruniversität Bochum und eine ausführliche Präsentation der insgesamt 34 Einzelergebnisse. Nach einer ein- bis zweiwöchigen „Reflexionspause“ besprechen Kandidat und Berater noch einmal die Details und leiten daraus konkrete Handlungsschritte ab.

Gar nicht erst abzuwarten, bis der Vorgesetzte sich endlich zur offiziellen Kündigung durchringt, ist die Empfehlung von Personalberaterin Carolin Fischer. Die Diplom-Psychologin beim Outplacement-Spezialisten von Rundstedt & Partner rät zur Offensive: „Die Leute wissen üblicherweise schon lange, dass da was schief läuft. Unser Tipp: Gehen Sie zum Personaler und sagen ,Wie viel bin ich ihnen wert, wenn ich gehe’. Möglicherweise ist er froh über dieses Angebot und bietet Ihnen freiwillig umfangreiche Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Aufgabe an.“ Fischer hat für ihre Doktorarbeit über 700 Fach- und Führungskräfte unter die Lupe genommen. Als besonders erfolgreich stellten sich diejenigen heraus, „die eine große Eigenaktivität aufweisen und ,beratbar’ sind.“ Diese Erkenntnis ist in die Unternehmensphilosophie der Outplacementberatung eingeflossen. Üblicherweise übernimmt der Arbeitgeber die 3250 Euro für die Basisberatung des Mitarbeiters, von dem sich das Unternehmen trennen will. Klappt das – aus welchen Gründen auch immer – nicht, bekommen auch Selbstzahler eine Chance und dürfen den Betrag abstottern. Fischer: „Das amerikanische Prinzip, sich systematisch in beruflichen Dingen beraten zu lassen und in sich selbst zu investieren, setzt sich immer mehr durch – zumindest bei denen, die clever genug sind, ihre eigenen Grenzen zu sehen.“ rch

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