Zeitung Heute : Gelassenheit demonstrieren

Helmut Schümann

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Vater, Vater, was hast du getan“, rief der jüngere Mann. „Ich war beim Friseur“, sagte der ältere Mann. „Ja aber, du siehst Scheiße aus“, sagte der jüngere Mann, „kurz vor der Glatze“. Der ältere Mann seufzte. „Schau Paul,“ sagte er, „habe ich mich eingemischt, als du Pubertist warst und dir diese Dreadlocks gemacht hast?“ Paul, der jüngere Mann, grinste. „Nein, aber meine Frisur sieht gut aus“, sagte er. „Die einen sagen so, die anderen sagen so“, sagte der ältere Mann. Der jüngere Mann hat gerade ein paar Anstrengungen mit der Weiblichkeit. „Liegt aber nicht an meinen Dreadlocks, liegt an der Weiblichkeit“, sagte Paul, „du aber siehst Scheiße aus.“

Was war geschehen? „Paul“, sagte der ältere Mann beim Männergespräch am Abendbrottisch, „ich hatte einen harten Tag. Ich habe der Friseuse gesagt, sie solle schneiden. Ich zog die Brille ab. Und als ich sie wieder aufsetzte, war es zu spät.“ Paul sagte: „Ich würde sagen: verbockt.“ Der ältere Mann lächelte altersmilde. „Wächst wieder nach“, sagte er, „Geduld ist eine Tugend.“ Paul dachte nach, dann leuchtete er auf. „In dem Fall ist Geduld aber offensichtlich der Verlust an Eitelkeit“, sagte er.

Der ältere Mann war etwas erstaunt über den philosophischen Ansatz seines vormaligen Pubertisten. „Ich war noch nie eitel“, sagte er. „Im Gegensatz zu dir hatte ich es nicht nötig, mit viel zu weiten Hosen, die in den Kniekehlen gebunden werden, rumzulaufen.“ Paul schaute auf den Haaransatz des Vaters „Die würden wenigstens von deiner Frisur ablenken“, sagte er. Die Mutter mischte sich auch noch ein, es war einfach nicht der Tag des Vaters. „Du und nicht eitel“, sagte sie.

Der ältere Mann erhob sich, müde schaute er, unendlich müde. „Schau, Paul“, sagte er, „es gibt eine Zeit für Schnickschnack. Und dann gibt es eine Zeit für Gelassenheit. Solltest du mal lernen, gerade für deine Anstrengungen mit der Weiblichkeit.“ „Hört, hört“, sagte die Mutter. Der ältere Mann ging zur Garderobe. „Komm, Paul, lass uns ein Bier trinken gehen.“ Paul grinste, „ja gut“, sagte er, „aber erkläre mir eins. Wenn du so uneitel bist und so altersgelassen, warum setzt du jetzt eine Mütze auf?“ Grimmig blickte der Vater unter der wollenen Kopfbedeckung hervor.

Gegen Haarschnittunfälle und die zu erwartende Kälte hilft der Kauf einer Wollmütze.

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