Zeitung Heute : Geld abheben

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Meine Bank muss sparen. Das sehe ich ein. Schließlich müssen wir alle sparen. Deshalb hat sie vor zwei Jahren die Filiale am S-Bahnhof Nikolassee weggespart. Doch auch ohne Leuchtschrift ist der Name der Bank gut erkennbar, zugegeben, als fleckiger Schatten. Am Schaufenster lese ich den tröstlichen Gruß, dass sie meine „persönliche Bank“ ist.

Sie hat mir auch eine Anregung für meine kleinen grauen Zellen hinterlassen. Das ist gut, das brauchen Rentner. An dem verwaisten Flachbau kann ich täglich studieren, was alles passiert, wenn nichts passiert. Seit einigen Wochen kann ich sogar das rohe Mauerwerk unter der edlen Fassadenverkleidung erkennen, allerdings nur an einer Stelle. Eine Steinplatte ist abhanden gekommen, einfach weggebrochen, futsch.

Wo keine Kunden sind, muss natürlich auch kein Kundenparkplatz sein. Der ist folglich abgeschlossen. So verwandelt er sich ungestört von ganz allein. Man muss bloß geduldig abwarten, ob ein Biotop oder ein Müllplatz daraus wird. Jedenfalls wächst er so langsam zu. Das Unkraut steht mannshoch, vom benachbarten Garten wuchert eine Hecke herüber, dazwischen liegen Glasscherben, verbeulte Plastikflaschen und Dosen. Eine vergessene leere Mülltonne steht daneben. Wenn ich mir die Idylle begucke, denke ich immer, dass es ein Klacks wäre, ausrangierten Hausrat über den niedrigen Holzzaun zu schmeißen.

Bis Ende Juni konnte man im Vorraum der gewesenen Filiale noch Geld abheben und Kontoauszüge ausdrucken. Der Geldautomat steht jetzt im S-Bahn-Gebäude, der Drucker ist wegrationalisiert. Nicht nur Personal ist teuer, nicht wahr, sondern auch die Technik. Egal, unsereiner ist froh, dass er nicht so oft persönlich zur „persönlichen Bank“ am Mexikoplatz muss. Wir müssen rechnen und mit den Kräften haushalten, können uns also das Fahrgeld für die S-Bahn oder das Benzin oder den Fußmarsch sparen.

Der Geldautomat macht sich gut in der Bahnhofshalle. Tipptopp glänzt die weißgelbe Umkleidung mit den Leuchtsäulen, wie ein lichter kleiner Tempel. Alle heben dort Geld ab. Wenn man geschickt ist, sieht gar keiner, welche Geheimzahl man eintippt. Und meine Bank ist mir hier auch von Ferne ganz nah. Sie grüßt so aufmerksam vom Geldtempel: „Ihre persönliche Bank.“

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