Zeitung Heute : Geld ist nicht alles

Zusatzleistungen des Arbeitgebers können das Gehalt erheblich aufbessern. Doch das übersehen viele Bewerber

Regina-C. Henkel

Alexanderplatz, Kundenserviceabteilung im Kaufhof. Es ist Mittagszeit und zwei Verkäuferinnen unterhalten sich: „Auweia, ich muss ja heute zur Massage. Willst Du für mich gehen?“ Mehrere Kunden verdrehen die Augen. Einem der zufälligen Zeugen des Gesprächs platzt heraus: „Na, hier möcht’ ich auch arbeiten“, aber die Verkäuferin versteht nicht, was er meint.

„Kein Wunder“, sagt Gunter Becker, Vergütungsexperte bei der Kienbaum Management Consultants in Berlin. „Denn nur den wenigsten Angestellten ist klar, aus welchen Bestandteilen sich ihre Vergütung zusammensetzt. Sie schauen allein auf das, was auf ihrem Gehaltszettel unten rechts steht.“ Die betrieblichen Zusatzleistungen werden oft überhaupt nicht wahrgenommen und häufig als Selbstverständlichkeit betrachtet.

Dabei kann die Summe dessen, was Unternehmen ihren Mitarbeitern zukommen lassen, ansehnliche Größenordnungen erreichen. Das ist nicht nur ein Kostenfaktor für den Betrieb, sondern auch ein geldwerter Vorteil für den Arbeitnehmer, der unterm Strich den Gegenwert von mehreren hundert Euro Gehalt ausmachen kann. Die Verkäuferinnen und ihre Kollegen im Kaufhaus am Alex beispielsweise müssen zwar noch 5,50 Euro zur zwanzigminütigen Massage dazu zahlen. Doch ob sie den Service tatsächlich in ihrer Pause in Anspruch nehmen, wird nicht überprüft.

Milliardenkosten für Arbeitgeber

Damit nicht genug. Für den Mitarbeiter einen Teil oder sogar sämtliche direkte Kosten eines Betriebsangebots zu übernehmen, toppen manche Arbeitgeber zusätzlich noch dadurch, dass die Massage, die Weiterbildung oder die Weihnachtsfeier während der Arbeitszeit stattfinden. „Da kommen Summen im Milliardenbereich zusammen“ meint Vergütungsexperte Becker und kritisiert auf der anderen Seite: „Nur die wenigsten Mitarbeiter würdigen, dass der Arbeitgeber, der seinen Leuten beispielsweise das Handy auch zum privaten Gebrauch überlässt, die Kosten für die Anschaffung, die Verwaltung und die Bereitstellung tragen muss – von steuerlichen Auswirkungen ganz abgesehen.“

Doch die Unternehmen dürften sich nicht beschweren, wenn ihnen die Anerkennung ihrer Großzügigkeit versagt bleibe: „Wer mit seinen Pfunden nicht wuchert, also kein aktives Personalmarketing für seine betrieblichen Zusatzleistungen betreibt, ist selber schuld." Umgekehrt können sich aber auch Jobkandidaten nicht herausreden. Zumindest diejenigen nicht, die das Glück der Wahl zwischen mehreren Offerten haben und dabei nicht auf die betrieblichen Zusatzleistungen achten. „Der Dienstwagen für die private Nutzung oder die betriebliche Altersversorgung können ein echter Anreiz sein und auch die Wechselbereitschaft fördern“, sagt Gunter Becker.

Delikatessen – das war einmal

Der Vergütungsexperte hat zwar beobachtet, dass viele Arbeitgeber ihre Pakete zur Verbesserung des Arbeitsklimas und des individuellen Wohlbefindens nach dem Zusammenbruch der New Economy entschlackt haben. Und Auswüchse bei den so genannten Benefits seien mit Einsetzen der Wirtschaftsflaute endgültig gekappt worden. Joghurt zur Selbstbedienung im Firmenkühlschrank, teure Fruchtsäfte und Kekse aus der Delikatessenabteilung zur ganz normalen Abteilungsbesprechung – das war einmal. Doch Fahrt- und Essenszuschüsse, Vermögenswirksame Leistungen oder die Übernahme der Versicherungsgebühren für Dienstreisen sind in vielen Betrieben nach wie vor selbstverständlich.

Bei allem Sparwillen und teilweise auch -zwang: Ganz gekippt haben die Arbeitgeber die Zusatzleistungen nämlich nicht. Dazu sind sie ein zu wichtiges Gestaltungswerkzeug der betrieblichen Personalarbeit. Gerade nach Entlassungen sind die Unternehmen darauf angewiesen, dass sich die übrig gebliebenen und die neu hinzu kommenden Mitarbeiter wohl fühlen und leistungsbereit sind. „Mit Zusatzleistungen bewegt sich zwar nicht unmittelbar etwas auf dem Konto des Mitarbeiters“, meint Becker, „aber in seinem Kopf.“ Wichtig sei, dass Unternehmen ihre Benefits so gezielt einsetzten und ausgestalteten, dass sie vom Mitarbeiter als nutzbringend wahrgenommen würden.

Einen wichtigen Tipp hat Vergütungsexperte Becker für all jene Jobsucher parat, die sich idealerweise über die Zusatzleistungen ihres Wunscharbeitgebers bereits vor dem Bewerbungsgespräch informiert haben: „Sprechen Sie die Benefits auf keinen Fall im ersten Gespräch an. Da geht es nur ums Persönliche. Gehalt und betriebliche Zusatzleistungen sind erst beim zweiten Treffen ein Thema, das üblicherweise von Unternehmensseite eröffnet wird.“

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