Zeitung Heute : Geld scheffeln

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Heike Jahberg

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Der Chefredakteur der „Financial Times Deutschland“ hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem er uns den Kapitalismus schmackhaft machen möchte. Ob er damit den Nerv der Mehrheit trifft? Menschen, die gerade die Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Rentenreform zu spüren bekommen, haben wenig Sinn für das freie Spiel der Kräfte. Aber, lieber Christoph Keese, geben Sie die Hoffnung nicht auf! Es gibt noch Fans des Kapitals.

Tom zum Beispiel liebt das Geld. Sein Taschengeld hortet er, bis er die Münzen in Scheine wechseln kann. Mindestens einmal am Tag macht er Kassensturz. Selbstvergessen und glücklich blättert er durch seine Barschaft. Meistens will er dann sein Geld mit dem Inhalt der elterlichen Geldbörsen vergleichen – in der vagen Hoffnung, uns den einen oder anderen Schein noch abschwatzen zu können.

Die neue Geld-Leidenschaft begann, als mein Bruder, Toms Patenonkel, dem Jungen zu Weihnachten einen großen und bis dato in unserer Familie unbekannten Geldschein schenkte. Während wir grübelten, ob die Währung echt sei, begannen Toms Augen zu leuchten. Mit seinem Geschenk hat der Onkel die Sitten verdorben. Denn Tom fragt nun jeden Besucher, ob er ihm ein wenig Geld mitgebracht hätte. Oder ob er wenigstens mal das Portemonnaie sehen könne. Manche Gäste finden das befremdlich.

Toms Liebe zum Kapital wird noch durch eine neue Leidenschaft geschürt: Monopoly, das Spekulanten-Spiel. Zunächst hatten wir nur die klassische Variante mit Schlossallee und Badstraße, seit einigen Wochen spielen wir ausschließlich mit der Berlin-Ausgabe. Aus der Turmstraße ist die Potsdamer Straße geworden, aus der Parkstraße der Kurfürstendamm. Aber egal, wie die Straßen heißen, Tom treibt uns Eltern regelmäßig in den Bankrott. Während wir uns am Anfang verzetteln und viel zu viele Straßen kaufen, hält unser Junge sein Geld zusammen. Um dann im großen Stil zu investieren und seine Straßenzüge mit Hotels zuzubauen. Uns Habenichtsen geht dann schnell die Puste aus.

Vielleicht sollten wir künftig sämtliche Geldangelegenheiten unserem kleinen Spekulanten überlassen. Tom wäre selbst aus dem Börsencrash der Jahrtausendwende mit einem hübschen Polster herausgekommen, weil er rechtzeitig in solide Wertpapiere investiert hätte. Oder vielleicht doch nicht? Ein paar Grundzüge hat selbst Tom noch nicht verstanden. Dass das Geld zum Beispiel vorher irgendwie verdient werden muss, bevor man es von der Bank holen kann. Noch glaubt er, der Geldautomat sei eine Art Goldesel, den man beliebig oft melken kann. Aber warum sollte man von Achtjährigen verlangen, was viele Ältere nicht so richtig verstanden haben: Dass man nur Geld ausgeben kann, das man zuvor erarbeitet hat. Oder vielleicht haben wir Alten die neue Zeit nicht verstanden, und unser Sohn ist uns um Lichtjahre voraus. Ich werde das mal bei Christoph Keese nachlesen – oder bei Dagobert Duck.

Das klassische Monopoly gibt es in fast allen Kaufhäusern und in vielen Spielwarenläden, das Berlin-Monopoly können Sie im Tagesspiegel-Shop an der Potsdamer Straße 87 kaufen.

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