Zeitung Heute : Geld verdienen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Der große Konrad trägt jetzt immer ein T-Shirt, auf dem steht drauf: „Ihr seid ja nur neidisch, weil die leisen Stimmen nur zu mir reden“, der große Konrad hat also einen etwas bizarren Humor. Und wenn der große Konrad mit Paul kurze Baggy-Hosen einkaufen geht, dann verspricht das ein Abenteuer zu werden, aus dem der Vater sich lieber raus hält. Kurze Baggy-Hosen, das sind Hosen für den Sommer, aber Baggy eben, und das heißt, in eine passen der große Konrad, Paul und der lustige Lukas zusammen rein. Der war nämlich auch dabei, der lustige Lukas, und der sagte, dass Paul die Kürze der Hosen ja gar nicht nutzt, wenn er sie trägt wie die langen Baggy-Hosen, nämlich den Bund knapp oberhalb der Kniescheibe. „Dann reicht die kurze Baggy-Hose ja wieder bis zum Boden und ist eine lange Baggy-Hose.“ Der lustige Lukas ist gar nicht so dumm. Aber am Abend musste der Vater doch wieder zahlen, 49 Euro kostet so eine kurze Hose.

Dann hat Paul in den letzten Ferien Jonas, auch der ein Mitpubertist, in Erlangen besucht. Der Vater hatte vorher die Zugfahrkarte gekauft, inklusive Rückfahrt, und als Paul am Ende des Besuchs wieder zu Hause aus dem Zug stieg, meckerte er den Vater an: „Das nächste Mal hole ich mir die Karten selber, du hast mir nur ein Ticket gekauft.“ Was natürlich nicht stimmte, „Paul, ich hab dir doch extra gesagt, dass es für Hin- und Rückfahrt nur ein Ticket gibt.“ „Mhngmanney“, sagte Paul, weil er die Fahrkarte gleich nach Ankunft in Erlangen weggeworfen hatte. 35,20 Euro müssen jetzt noch bei der Bahn bezahlt werden.

Im Sommer will Paul mit Luise, der Innigen, und deren Eltern nach Amerika fliegen, „billig“, sagte Paul, „gaanz billig.“ 395 Euro. Das läppert sich, was so ein Pubertist an Kosten sammelt.

Dem Vater reichte es. „Paul, wie wäre es, wenn du mal dein Taschengeld selber ein wenig aufbessern würdest?“ Paul hatte die Frage zuerst nicht verstanden, weil Paul gerade mal wieder in so einer Phase ist, in der er so tut, als gäbe es das Geld am Automaten kostenlos. „Paul! Arbeiten! Du verstehst! Arbeiten! Kriegt man Geld für! Kann man Hosen kaufen!“, sagte der Vater. Und dann stand Paul nach einigen Mhngmanneys tatsächlich mit dem lustigen Lukas und der innigen Luise beim Casting für „In 80 Tagen um die Welt“ in der langen Schlange und meldete sich an als Komparse.

Als Paul heim kam, war er schon ganz angetan von der Arbeitswelt, die Pubertisten hatten rumgestanden, waren fotografiert worden und hatten ein Formular mit allerlei Erlaubniserklärungen mitgebracht. „Und dann gibt es pro Drehtag 50 – 60 Euro und wir dürfen maximal 30 Tage drehen“, berichtete Paul. Klasse, dachte der Vater, das sind Baggy-Hosen, Zugfahrkarten und viele Flüge, nicht in 80, in nur zehn Tagen in die Welt, und unterschrieb die Erlaubniserklärung. Und das taten auch die Schule, das Jugendamt und die Ärztin. Dann begannen die Dreharbeiten – ohne Paul, sie haben ihn nicht genommen, aber Paul braucht neue Turnschuhe. So um die 100 Euro. „Mhngmanney“ dachte der Vater.

Gedreht wird auf dem Gendarmenmarkt, wo die Kulisse Londons im 19. Jahrhundert zu besichtigen ist.

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