Zeitung Heute : Geld von Welt

Der Euro hat rapide an Wert verloren. Das macht aber gar nichts – im Gegenteil

Carsten Brönstrup

Nach Non und Nee in Frankreich und in den Niederlanden, bei steigendem Ölpreis und ohne Zinssenkung ist der Euro angegriffen. Was wird aus dem Euro und was bedeutet die Schwäche für den Einzelnen?

Auf einmal gibt es nur noch Freunde. Von einer „Erfolgsgeschichte“ spricht Finanzminister Hans Eichel (SPD). „Einen wichtigen Schritt zur Zukunftssicherung in Europa“ hat die ehrwürdige Bundesbank ausgemacht. Eine „einmalige Chance“ sehen Wirtschaftsforscher in ihm. Selten hatte der Euro, die Gemeinschaftswährung für 300 Millionen Menschen, so viele Gönner. Dabei verliert er seit Wochen an Wert – denn das gemeinsame Geld als Symbol der europäischen Einigung erlebt momentan schwere Zeiten. Die Unternehmen dürfte das freuen – auf die Verbraucher hingegen könnten höhere Preise zukommen.

Zuspruch hatte der Euro jedenfalls dringend nötig. Am Mittwoch verlor er an den Finanzmärkten binnen Stunden im Vergleich zum US-Dollar fast vier Cent seines Wertes. Zum einen, weil die Franzosen die europäische Verfassung abgelehnt hatten und auch das Nein der Niederländer bereits ausgemachte Sache war. Zum anderen, weil in Deutschland Gerüchte über ein Scheitern der Währungsunion kursierten – da die angeblich Schuld trage am schwachen Wachstum in der Bundesrepublik. Vier Cent Wertverlust sind eine Menge. Ähnlich schnelle Kursveränderungen hatte es zuletzt am 11. September 2001 gegeben. Doch bereits seit Mitte März verliert Europas Währung – von damals 1,347 Dollar auf nun nur noch 1,225 Dollar.

Dass der Euro tatsächlich eines Tages wieder abgeschafft wird, halten die meisten Politiker und Experten noch für undenkbar. Ein solcher Schritt würde ein politisches Erdbeben in Europa auslösen. Gleichwohl gibt es Spannungen zwischen den zwölf Mitgliedsländern wegen des Euro. Denn seit 1999 existiert nur noch ein Zinsniveau für alle zwölf Mitgliedsländer. Obwohl sich die Wirtschaft in Irland noch immer anders entwickelt als in Deutschland oder als in Italien. Früher, als es noch Mark oder Lira gab, konnten die jeweiligen Zentralbanken mit ihrer Zinspolitik darauf reagieren, außerdem glichen Wechselkurse die unterschiedliche Wirtschaftskraft aus. Das ist nun nicht mehr möglich. Die Folge: Heute spielen die Arbeitskosten eine größere Rolle als früher. In Ländern wie Spanien haben sich die Standortbedingungen zusätzlich verbessert, weil dort die Inflation höher ist als hier zu Lande. Das bedeutet bessere Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen – denn Kredite für Investitionen kosten unter dem Strich weniger.

Diese Entwicklung hatten die Wirtschaftsforscher vor dem Euro-Start vorhergesagt. Erwartet hatten sie auch stärkeres Wachstum – das ist bisher aber nicht eingetreten. Auch das drückt den Wert der gemeinsamen Währung. Nur um 1,4 Prozent soll die Wirtschaftsleistung in den Euro-Ländern in diesem Jahr steigen, erwartet die Notenbank. In den USA sind es mit 3,5 Prozent Plus mehr als doppelt so viel. Deshalb sind dort die Zinsen höher, deshalb fließt das Anlagekapital in die Staaten, und der Dollar gewinnt an Kraft. Zudem scheinen die Devisenhändler wieder mehr Vertrauen in den Greenback zu setzen – und legen ihn ins Depot.

Ökonomen rechnen damit, dass der Abwärtstrend des Euro-Wechselkurses anhält. Denn ein durchgreifender Aufschwung ist in Europa nicht in Sicht, vor allem wegen der Schwäche der deutschen Wirtschaft. Die Europäische Zentralbank will vorerst nicht eingreifen und mit Zinssenkungen die Konjunktur stützen – das hat sie am Donnerstag wieder klar gemacht. Die Zinsen seien schon extrem niedrig, eine weitere Senkung würde die Stabilität des Euro gefährden.

Für die Deutschen birgt das ein Risiko. Bei einem schwachen Euro müssen sie tendenziell mehr für ihre Öl- und Benzinrechnung bezahlen – denn das schwarze Gold wird an den Rohstoffmärkten meist mit Dollar bezahlt. Obendrein steigt der Ölpreis seit einiger Zeit wieder. Im schlimmsten Fall könnten sich die Deutschen damit Inflation einkaufen. Bereits im April stiegen die Einfuhrpreise um 3,3 Prozent. Steigende Preise bedeuten aber weniger Kaufkraft für die Haushalte. Vor allem bei Reisen nach Übersee – Mietwagen, Hotels und Flüge dürften nun teurer werden.

Trotzdem muss der schwache Euro kein Nachteil für die Bürger sein. Denn Wirtschaftsexperten wie Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) hoffen auf bessere Exportbedingungen, sollte der Wechselkurs weiter zurückgehen. Denn bei einer günstig bewerteten Währung können die deutschen Unternehmen auf den Weltmärkten, wo in Dollar bezahlt wird, geringere Preise verlangen. So steigt ihre Wettbewerbsfähigkeit. Das nützt vor allem den Branchen, in denen Deutschland noch immer stark ist – der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, der Chemie. Dort werden die Arbeitsplätze gesichert, womöglich entstehen neue. Und der Export ist nach wie vor die wichtigste Stütze der deutschen Wirtschaft – liefe er nicht so gut, steckten wir in der Rezession. „Insgesamt profitieren die Haushalte von der Entwicklung des Euro“, bilanziert IfW-Fachmann Gern.

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