Zeitung Heute : Geld, Zeit und Geduld

Der Tagesspiegel

Von Mechthild Zschau

„Der Film prägt Vorbilder, Phantasien, auch Schreckensphantasien. Er prägt die Persönlichkeitsentwicklung der Jüngeren in einem Maße, wie kein anderes Medium der Kunst.“ Gut gesagt, Herr Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Aber um Kunst geht es eigentlich gar nicht. Sondern um Politik. Und um Wirtschaft, und zwar im weltweiten Ausmaß. Film und Fernsehen sind milliardenträchtige Geschäfte. Markt und Kultur – eine Mesalliance? Der globale Markt (hier vertreten vom Giganten Hollywood) trifft auf ein teures Kunstprodukt, mit dem sich nicht weniger als nationale Identität verbindet. Dürfen es für die Jungen immer nur Hollywoods Helden sein, die die Kinos, Köpfe und Kanäle verstopfen? Wie kann sich Europa dagegen wehren? Anders gefragt, gibt es in Film und Fernsehen Europa überhaupt schon? Wenigstens so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit?

Frankreich hat ziemlichen Zorn auf sich gezogen, als es seinen Sendern Quoten verordnete für den französischen Film. Aber die Folge ist nicht zu verachten: Dem französischen Film geht es ziemlich gut, seine Finanzierung erweckt nachbarschaftlichen Neid. Aber die Medienmogule fragen: Darf es überhaupt eine „exception culturelle“ geben, die „Ausnahme Kultur“ als ein öffentliches Gut, das subventioniert gehört? Oder ist der Film eine Ware wie Turnschuhe, Baumwolle oder Autos, die sich dem Wettbewerb auf dem freien Markt stellen muss? Ken Loach, der sozialkritische Filmemacher aus England, ruft zur Schlacht auf gegen die kulturelle Dominanz der Multis. Wie soll nur das kleine Europa eine gemeinsame Stimme finden, wenn es schon den jeweiligen Nachbarn auf dem Kontinent nicht hören will? Weder Filmverleiher noch Fernsehanstalten haben ein Augenmerk auf den europäischen Film.

Der französische Weg mit den Quotierungen ist zumindest in Deutschland verstellt, hier herrscht zu große Empfindlichkeit gegenüber staatlicher Reglementierung der Medien. Ein Ausweg wäre eine europäische Filmförderung, die aus den kleinen nationalen Töpfen einen großen machte. Die Gefahr dabei wäre der berühmte Europudding – Filme ohne Identität. Ein anderer Ausweg wären Koproduktionen auf Gegenseitigkeit: Machst du bei mir mit, mach’ ich bei dir mit, wobei sich die Unverwechselbarkeit erhielte. Nur: Das Publikum zieht weder so noch so mit. Niemand hat ein Rezept dafür, wie welche Geschichten grenzüberschreitend wirken (wie etwa der deutsche Schäferhund „Kommissar Rex“ in über 100 Ländern). Warum macht „Amelie“ in Deutschland Furore, warum floppt Tom Tykwers „Lola rennt“ in Frankreich, selbst bei der Ausstrahlung in arte? Bilder für Europa? Von einer wie auch immer gearteten europäischen Öffentlichkeit sind wir offensichtlich noch weit entfernt. Tierfilme, Fußball, Grand Prix Eurovision, das ist dann schon alles, was gemeinsam lustvoll, weil sprachfrei konsumiert wird.

Was also ist zu tun? Die großen Sender müssten sich selbst verpflichten, dem europäischen Film gute Sendeplätze (und nicht wie bisher nur nächtliche) einzuräumen. Es fehlt an Verleihfirmen wie Kinobetreibern, die sich um den europäischen Film kümmern. Und es fehlt an intelligenten und pfiffigen PR-Maßnahmen, um das Publikum dafür zu interessieren.

Guy Verecchia von der größten französischen Kinokette berichtet von einer Aktion, die er ins Leben rief: Wer fünf Eintrittskarten für amerikanische Blockbuster erwirbt, bekommt eine gratis für einen europäischen Film dazu. Die Empörung über diese Herabwürdigung des Eigenproduktes als bloße Draufgabe war ebenso groß wie der Erfolg. Voller Staunen nahm das französische Publikum wahr, dass die europäischen Stars so gut sind wie die amerikanischen, die Geschichten aber näher an der eigenen Realität, angefüllt mit vertrauterem Lebensgefühl. Geld also braucht das Europa der Medien, eine Menge Zeit und Geduld, und noch viel mehr vorurteilsfreie Neugier aufeinander. Es könnte sich lohnen, gegen die Globalisierung der Bilder zu kämpfen.

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