Zeitung Heute : Gelebte Teilzeit-Theorie

Der Tagesspiegel

Von Sigrid Kneist

In der Schar der deutschen Professoren ist Peter Grottian ein Exot. Der Politikwissenschaftler ist nämlich teilzeitbeschäftigt - und das seit jetzt 13 Jahren. Gemeinsam mit einem Kollegen hat er am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität die Arbeitszeit verkürzt und damit einem dritten Wissenschaftler einen Arbeitsplatz als Professor ermöglicht. Viele Nachahmer hat Grottians Jobmodell bisher nicht gefunden. Lediglich 130 der insgesamt 37 000 deutschen Hochschullehrer sind teilzeitbeschäftigt.

Für Grottian war der Verzicht auf Arbeit und damit auch auf Einkomen nur folgerichtig. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich der Politologe mit der Umverteilung der Arbeit und der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Ausweitung der Teilzeitarbeit zur Schaffung neuer Jobs ist einer seiner Grundpfeiler, um eine gerechtere Verteilung der Arbeit zu erreichen. Bei den Gewerkschaften kommt das Modell nicht immer gut an. Der Grottian habe gut reden, heißt es dort. Der könne es sich leisten, auf einen Teil seines Geldes zu verzichten. Eine kleine Angestellte aber brauche jeden Pfennig ihres Gehalts.

Das Argument lässt Grottian nicht gelten: „Es gibt aber auch relativ viele Leute, die relative gut verdienen.“ Er weiß natürlich, dass gerade Leute, die in ihrer beruflichen Karriere auf einer gewissen Position angekommen sind, ungern Abstriche machen, sowohl bei der Arbeit als auch bei den Finanzen. Deswegen fordert Grottian ein Umdenken. So sollten in der Familienpolitik statt der Kindergelderhöhungen Anreize für Teilzeitarbeit geschaffen werden, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern.

Bei anderen Modellen appelliert Grottian an das gesellschaftliche Engagement. Es sei denkbar, dass sich einzelne Bürger zusammentun und einen Job im gemeinnützigen Bereich schaffen, beispielsweise bei der Betreuung von Kindern oder alten Menschen. Dies sollte steuerlich absetzbar sein. Als besonders dringend stuft Grottian die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ein. „Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, die jungen Leute außen vor zu lassen“, sagt er. Diesen Ausgrenzungsprozess darf es nicht geben. Darauf habe die Bundesregierung mit ihrem Sofortprogramm „Jump“ grundsätzlich richtig reagiert - auch wenn Grottian an dessen Inhalten natürlich Kritik anbringt. „In der Frage der beruflichen Qualifizierung hat Jump eine Menge geleistet, aber der Transfer in Arbeit hat nicht geklappt.“

Grottian wünscht sich mehr Kreativität, aber auch mehr Eigeninitiative. Seine Vorstellungen von einem Jugendprogramm sehen so aus: Zum Start erhalten junge Leute mit einer Jobidee einen einmaligen Zuschuss von 1000 Euro. Damit können sie zusammen mit Beratungsagenturen einen Vorschlag für einen individuellen Arbeitsplatz und eine entsprechende Förderung entwickeln. Nach drei Monaten soll dieser „Berufswegeplan“ von einem Gremium aus Lehrern, Unternehmern und Handwerkern überprüft werden. Anschließend sollen für einen Zeitraum bis zu drei Jahre die Mittel für die Verwirklichung der Karriere bereitgestellt werden, bei einer Bezahlung zwischen 600 und 1300 Euro monatlich. Mit den Kosten für den Arbeitsplatz sei diese Förderung nicht teurer als herkömmliche Arbeitsmaßnahmen. Aber sie könne erfolgreicher sein, weil sie auf Ideen und Initiative der Jungen setzt und nicht auf bürokratische „Maßnahmeträger“.

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