Zeitung Heute : Geliebte Beatrice

Eigentlich wurde nur ein Auto abgeschleppt, aber dann ging fast ein Herz kaputt. Über lange Wege, langen Atem und den Wert von Treue.

Peter Zilahy

Dies ist eine Geschichte ohne Helden, ohne Abrechnung, es wird weder Rache geübt, noch gibt es Gerechtigkeit, weder Katharsis noch Happy End. Das nur zur Einstimmung.

Mach am besten einen Bogen um die deutsche Bürokratie, hatte mich mein Freund Alex gewarnt. Wenn ich unter die Räder käme, solle ich keine Träne vergießen, hatte er gesagt. Mein lieber Alex, unter Troja haben die Griechen auch geweint. Und was könnte mir zustoßen in einer so lockeren Metropole wie Berlin?

An jenem Abend war ich in Gedanken bei einer Frau. Ich parkte vor der Einfahrt und wurde abgeschleppt, vermutlich aufgrund der Anzeige eines genervten Anwohners. Genervter Anwohner, ich hasse dich nicht, ich wünsche dir keine ähnliche Tortur, ich bitte dich nur, dir meine Geschichte anzuhören. Denn sie ist auch deine Geschichte.

Ich schlenderte zum nächsten Polizeirevier, wo man mich wissen ließ, das Auto sei in die Nähe der Autobahn geschleppt worden, dort müsse ich es binnen einer Woche abholen, sonst komme es auf den Schrottplatz. Aber das könne nicht sein, wand ich ein. Der hilfsbereite Beamte setzte sich mit meinem Fahrzeugschein vor den Computer. Inzwischen kam sein weniger hilfsbereiter, man kann sagen: beinharter Kollege auf mich zu und forderte mich auf, draußen zu warten und mich nicht auf die Tresen zu stützen.

Beatrice ist knapp 20, klein, schwarz, und ihr Herz so groß wie Kreuzberg. Ebenmäßig und klar sind ihre Züge, und wenn auch auf den ersten Blick nicht die exotischste Schönheit, so ist sie doch gewinnend und ehrlich, ihre Stimme rau und sexy, ihre Ausdauer verblüffend. Trotz ihrer Mängel ist Beatrice vollkommen. Man braucht eine Weile, bis man sich an sie gewöhnt, doch dann löst ihre Abwesenheit unweigerlich ein stetes Mangelgefühl aus.

Die Beamten winkten mich wieder an die Tresen zurück. Es gibt Ärger mit den Papieren, sagten sie, deshalb würden sie meinen Fahrzeugschein einbehalten und ich müsse zum Kraftverkehrsamt in der Jüterboger Straße. Ich bat um eine Kopie des Fahrzeugscheins, nach einigem Zögern willigten sie ein. Am nächsten Morgen fuhr Alex mich zur Autobahn, wir schraubten die Kennzeichen ab und nichts wie hin zum Kraftverkehrsamt. Nach zwei Stunden Schlangestehen stellte sich heraus, dass eine zerstreute Sachbearbeiterin mich von meiner früheren Berliner Anschrift abgemeldet hatte, ohne mir dies damals mitzuteilen. So verfehlte mich der Aufruf zur Kfz-Steuerzahlung und danach die Nachricht, dass mein Auto wegen ausbleibender Rechnungsbegleichung heimatlos geworden sei. Da die Post schon lange ausgeblieben war, regte sich in mir ein Verdacht, und ich ging beim Bürgeramt Mitte vorbei. Als Ausländer könnte ich ja etwas übersehen haben, doch man beruhigte mich, ich stand weder für Falschparken noch für zu schnelles Fahren in der Kreide. Was sie zu erwähnen vergaßen: Das Auto war zur Fahndung ausgeschrieben.

Sieben Jahre war Beatrice mit mir zusammen, und wiewohl es gelegentlich auch Kummer gab: Könnten wir noch einmal von vorn anfangen, wir würden alles wieder genauso tun. Vor mir hatte sie Perikles Monioudis verwöhnt, davor war sie jahrelang Ingo Schulzes Gefährtin. Beatrice heißt „die Seligmachende“ – so manche Überraschung hielt sie während unserer gemeinsamen Zeit für mich bereit.

Zum zweiten Mal binnen zwei Wochen wurde ich beim Bürgeramt Mitte vorstellig, nach einer knappen Stunde Wartezeit erfuhr ich, die Computer seien ausgefallen und man schließe. Man bedauere, mir letzte Woche nicht über den Suchvermerk Auskunft gegeben zu haben, doch seien die Systeme nicht vernetzt und die Sachbearbeiterin habe nur die Bußgelder abgefragt. Alex bot an, ich solle mich unter seiner Anschrift in Schöneberg anmelden, um wieder in den Besitz des Fahrzeugscheins zu kommen. Das lief unerwartet glatt – als wären wir nur für eine Melange ins Rathaus eingekehrt –, so dass wir noch am selben Tag in die Jüterboger Straße zurückeilten und unser Glück versuchten. Noch einmal Schlangestehen, dann rückte die Sachbearbeiterin mit der Sprache heraus: Ich brauchte eine Versicherungsbescheinigung, die ich schleunigst von meinem Versicherer beschaffen solle. Immerhin meinte sie, von nun an sei ich hier Stammgast, ich brauchte nicht mehr anzustehen, ich könne getrost gleich zu ihr kommen. Ich bedankte mich und wir zogen Leine, bevor wir dem Stockholm-Syndrom verfielen.

Wir fuhren zur Autobahn zurück, und ich schraubte die Kennzeichen wieder an. Ich drehte am Zündschlüssel, das Auto gab mit heiserem Ton sein Mitgefühl kund, einen Augenblick lang dachte ich, lass uns fliehen, doch dann siegte der gesunde Menschenverstand.

Zu Bea kam ich durch eine Roulette- Party im alten Forum-Hotel am Alexanderplatz, seither waren wir unzertrennlich. Wir fuhren zum Skilaufen in die Alpen, erklommen die Gipfel der Karpaten, durchquerten das Dinargebirge und den Apennin. Es schien, als könne uns nichts im Wege stehn.

Die Versicherungskarte kam nach fünf Tagen, doch dann war das Auto spurlos verschwunden. Also nichts wie hin zum Polizeirevier. Sie kümmern sich, sagte der hilfsbereite Beamte, das Auto müsse wohl gestohlen worden sein. Dann kam der andere und scheuchte uns in guter alter Gewohnheit auf den Flur hinaus. Lange ließen sie uns warten, Beamte kamen und gingen, und wir vertrieben uns die Zeit, indem wir sie mit Tieren verglichen. Schließlich kam das Alpaka und führte uns zum Schakal, der kundgab, mein Auto sei laut Gottesanbeterin nach Alt-Hohenschönhausen abgeschleppt worden. Ich fragte, ob sie mir angesichts dieser Umstände den Fahrzeugschein aushändigen würden, doch die Hyäne fauchte, und der Schakal meinte, sie hätten ihn in die Zentrale geschickt, worauf die Hyäne lachte. Da wusste ich noch nicht, dass mich das Abschleppen 320 Kröten kosten würde. Wir eilten in die Jüterboger Straße, doch das Amt war wegen Personalversammlung geschlossen.

Der Leser erinnert sich vielleicht an Meister Dantes Werk, in dem Beatrice Dante ins Ewige Licht führt, wo Amor „die Sonne und alle Sterne bewegt“. Davor hatte Vergil die Führung gemacht, doch als Beatrice auftauchte, verschwand Vergil. Weil Vergil der Verstand und Beatrice der Glauben ist, behauptet Borges.

Am nächsten Tag beglichen wir schon frühmorgens im Kraftfahrzeugamt die Steuerschuld und bestellten neue Kennzeichen, die dann einen neuen Stempel brauchten. Dann wieder hoch in den ersten Stock, in das besagte Zimmer. Wir ließen die Schlange links liegen und winkten der bekannten Büroangestellten. Wir berichteten über den Stand der Dinge, und als wir Alt-Hohenschönhausen erwähnten, meinte sie: „Da ist doch der Schrotti.“

Beatrice scheute keine Szenen. Das Drama war ihr Lebenselixier, ihr Temperament äußerte sich in spektakulären Ausbrüchen, wenn sie vor möglichst viel Publikum auf unmissverständliche Weise ihrem Missfallen Ausdruck verlieh. Es kam vor, dass sie sich einfach weigerte, die Tür zu öffnen, und man hinten einsteigen musste. In Budapest ließ sie einfach den Auspuff fallen, im Schwarzwald die Zündung streiken, in Bayreuth simulierte sie gar einen Achsenbruch. Nicht weniger sehenswert war es, als in Wien, vor der Burg, die Kupplung brach oder auf der Fahrt nach Ravenna über den Apennin die Bremsflüssigkeit ausfloss.

Das Wort „Schrotti“ zauberte neue Kräfte in meine Glieder, wie bei Bea kurz vor dem Ende der Steigung. Wir übergaben die neuen Steuerpapiere und Kennzeichen, doch wie sich herausstellte, war für den Fahrzeugschein der Fahrzeugbrief nötig, den ich in Ungarn vergessen hatte, doch ohne Fahrzeugschein kein Brief, und ohne Fahrzeugbrief kein Schein. Dies war nun die x-te Catch-22- Falle, und die Sachbearbeiterin war so gerührt, dass sie anbot, die Sache in die Hand zu nehmen.

Bingo, etwa so muss der millionste Käufer sich fühlen, der die komplette Küchenzeile gewinnt, worauf ihn das ganze Kaufhaus staunend und ungläubig anstarrt. Die liebe Frau sagte, mit uns sei hier alles geschehen, was an diesem Tisch geschehen kann. Meine Erfahrungen widersprachen dem, doch ich verstand: Etwas geschah jetzt hier zwischen uns, sanfte Stille senkte sich auf den mit Akten beladenen Tisch – ein Engel flog über uns hinweg. Der Engel der Bürokratie. In diesem Moment blinkte in mir die Hoffnung auf, Bea könnte allen Machenschaften des Teufels zum Trotz an der Seligkeit teilhaben.

Die stürmischste Szene unseres Zusammenlebens war, als Bea sich hier vor den Galeries Lafayette selbst anzündete. Wir rannten ins Borchardt, die Kellner rissen die Augen auf, als wir mitteilten, nein, das Leitungswasser sei nicht für uns, sondern für Beatrice. In Dantes Werk „Das neue Leben“ sieht der Dichter ein loderndes Herz, das von einer göttlichen Hand gehalten wird, im Arm Beatrice.

Ich erhielt ein Begleitschreiben für den „Schrotti“, damit man mir nach Möglichkeit behilflich sei. Um der geistigen Unversehrtheit des Lesers willen erzähle ich nicht, wie Alex aufgab, wie ich einen neuen Helfer fand, der mich nach Alt- Hohenschönhausen fuhr, in ein Amt mit achtsilbigem Namen, und wo sich herausstellte, dass mein Auto wegen der Abmeldung der Wohnung nach Schönwalde abgeschleppt worden war. Sie wussten auch, was Catch 22 heißt, doch ich sollte es ihnen nicht übel nehmen, sie könnten schließlich nichts dafür. Ich möchte den Leser nicht mit weiteren bürokratischen Details langweilen, ich möchte nur noch darauf eingehen, dass wir wieder in die Jüterboger Straße gingen und die Angestellte einen Schwindelanfall bekam. Sie gab mir provisorische Papiere, die sie dann nach zwei Monaten gegen die neuen Originale austauschen würde. Wir wollten gerade gehen, als sie sich plötzlich ans Herz griff, der Computer würde die Daten nicht annehmen. Ihr Chef kam hinzu und drückte eine Taste, wonach alle Blicke sich aufhellten.

Aus Herbst wurde Winter, aus Winter Frühling, in Berlin brach das Umweltfieber aus, und tausende Autos wurden bestraft, darunter auch meine Beatrice. Der neue Katalysator kostete ein Vermögen, dann lief der Tüv ab, und an unserem Stammtisch in der Jüterboger Straße erfuhren wir, dass ich ohne gültigen Tüv weder Fahrzeugbrief noch Fahrzeugschein bekam.

Kommen wir nun zum Finale der langen Kleinanzeige in der Rubrik Partnersuche: Beatrice aus Berlin, knapp 20, sucht zuverlässigen, intelligenten Mann zwischen 30 und 40 Jahren, der nicht gleich bei den ersten Schwierigkeiten aufgibt. Beatrice ist klein, schwarz, und ihr Herz so groß wie Kreuzberg. Ebenmäßig und klar sind ihre Züge, und wenn auch auf den ersten Blick nicht die exotischste Schönheit, so ist sie doch gewinnend und ehrlich, ihre Stimme rau und sexy, ihre Ausdauer verblüffend. Als sie den Asphalt erblickte, waren Beziehungen noch fürs Leben geknüpft. Der Lohn der Treue ist allein die Treue. Wir müssen für unsere treuen Gefährten Sorge tragen, auch wenn wir sie nicht mehr gebrauchen können, sonst landen auch wir eines Tages auf dem „Schrotti“.

Der Autor ist ungarischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „Die letzte Fenstergiraffe“ (Eichborn Verlag).

Aus dem Ungarischen von Magdalena Ochsenfeld

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