Zeitung Heute : Gelöschte Leben

Foltern, um Menschen zu retten? Eine Paradoxie, die angesichts des Terrors immer lauter gedacht wird, auch in Deutschland. Ein Blick auf Menschen, die gefoltert wurden – am Tag, den die UN den Opfern widmen

Norbert Thomma

Sie holten ihn morgens um fünf, als er noch schlief. Sie verbanden ihm die Augen mit einem Tuch und drückten die Handschellen fest. Sie brachten ihn die paar Kilometer nach Birecik, Südost-Anatolien, eine hübsche Stadt am Euphrat, nicht weit von der syrischen Grenze. Es war ein Freitag, 3.April 1981, als Müslüm Okatan aus dem Leben gerissen wurde, ohne tot zu sein.

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Die Akte

Das weitere Leben des Herrn Okatan ist heute in einem hellbraunen Hängeordner der Firma Leitz gebündelt. Die Markierung der Akte verzeichnet: Okatan Müslüm, Kurde, ?, Türkei. Zur besseren Übersicht sind die Papiere unterteilt, Aufkleber ordnen sie mit farbigen Punkten: Basisdaten; aufenthaltsrechtliche Probleme, Soziales; ärztliche u. psychologische Diagnose; Therapie.

Auf den 135 Seiten finden sich Anwaltsschreiben, Gerichtsbeschlüsse, ärztliche Stellungnahmen, handschriftliche Therapienotizen, verschiedene wissenschaftliche Fragebögen zur Diagnose von Traumaerkrankungen. Einige Blätter zeigen anatomische Skizzen mit Details einzelner Gliedmaßen, auf denen mit Kugelschreiber die bei Okatan sichtbaren Folterspuren eingemalt sind: rechte Stirnseite, Nase, linke Hand, Bauch, linker Arm.

Nach Aussage von Müslüm Okatan wurde er im April vor 23 Jahren in der Polizeistation von Ayran verhört und misshandelt, fortgesetzt in Birecik und der Stadt Sanli Urfa sowie im Militärgefängnis von Diyarbakir, weiter im Osten des Landes. Dauer der Haft etwa zweieinhalb Jahre. Die an Okatan angewandten Methoden hat er so geschildert:

– Verhöre mit verbundenen Augen

– Diffuse Schläge mit Fäusten und Knüppeln, wobei er fünf Zähne verloren habe

– „Falaka“, Schläge auf die Fußsohlen

– Peitschenhiebe auf den Rücken

– Aufhängen an Reifen unter beiden Armen

– Elektroschocks mit Elektroden auf Penis, Zunge, Zehen und Fingerspitzen

– Zwang, sich nackt auszuziehen

– Verbrennungen durch das Schmelzen von Plastik auf seiner Haut

– Bedrohung, mit dem Messer seine Kehle aufzuschneiden

– Entzug von Essen und Wasser

– Leicht bekleidet für Stunden im Schnee stehen müssen

– Schläge auf beide Ohren („Telefono“)

– Fesseln beider Arme nach hinten und gleichzeitiges Aufhängen

– Bedrohung durch aufgehetzten Hund

Und immer hätten ihn seine Peiniger angebrüllt: Warum hast du ein Funkgerät vergraben? Du unterstützt die Kurdische Arbeiterpartei PKK! Wo hast du die Kalaschnikows versteckt? Wer sind deine Freunde?

– Zwang, andere Gefangene anzuspucken und sich gegenseitig zu misshandeln

– Das Erbrochene eines anderen auflecken müssen

– Mitansehen, wie Mitgefangene gefoltert und vergewaltigt werden

– An Zwangsvergewaltigungen teilnehmen, selbst mit Knüppeln in den After vergewaltigt werden

– Erleben von Selbstmorden einiger Misshandelter, die ihre Ehre verletzt sehen

– Schläge auf den Kopf mit folgender Bewusstlosigkeit

In einem Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin, verkündet am 25.Oktober 2001, Geschäftszeichen VG36X419.95 heißt es: „Die Kammer ist…davon überzeugt, dass“ Herr Okatan „zunächst im Gefängnis…schwerer Folter ausgesetzt war und…unter den von ihm beschriebenen menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert war.“

Gemäß Aktenlage ging Okatan zehn Jahre zur Schule, spricht aber kaum türkisch, die Muttersprache ist kurdisch. Er arbeitete als Bauer und Bürodiener im Rathaus. Er heiratete nach islamischem Recht und hat drei Kinder. Im Januar 1990 verließ er die Türkei unter der Plane eines Lastwagens versteckt und begab sich nach Deutschland. Ein Asylgrund, entschieden Gerichte bis heute, liege nicht vor. Der Zeitraum zwischen Folter und Flucht lasse eine Verfolgung nicht erkennen.

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Die Bilanz

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 26. Juni zum „Tag zur Unterstützung der Opfer von Folter“ erklärt; an diesem Tag war im Jahr 1987 die Anti-Folter-Konvention der UN in Kraft getreten. Amnesty International bilanziert für das Jahr 2003 weltweit 132 Länder, in denen Menschen von Sicherheitskräften oder Staatsbeamten gefoltert wurden. Im Jahr davor sind es 106 Länder gewesen.

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Der Arzt

Es gibt wohl nichts an Niedertracht, Quälerei und Leid, was Doktor Teshome Gutteta fremd wäre. In seinem schmalen Büro erzählen sie ihm Tag für Tag, was sonst gerne als „das Unsagbare“ umschrieben wird. Menschen aus Afghanistan kommen zu ihm und aus Bosnien, aus dem Nahen Osten und den neuen Republiken Osteuropas, Kurden wie Herr Okatan. Sie setzen sich auf einen der blau bezogenen Holzstühle an den Resopaltisch, und der Arzt legt einen großen Zettel vor sein Zimmer, „Bitte nicht stören!!“.

Der Doktor hat ein gütiges Lächeln, er ist 41 und in Äthiopien aufgewachsen, die Stirn ist hoch, das Bärtchen kurz geschnitten. Seit sieben Jahren macht er diese Arbeit, Behandlungszentrum für Folteropfer, Haus K im Krankenhaus Moabit, ein nüchterner Backsteinbau, 3. Stock. Wenn Gutteta seine Berichte in den Computer tippt, hinten am Fenster an dem kleinen Schreibtisch, schaut er auf eine Linde und den Himmel über Berlin.

Gleich neben der Tür steht eine lila Untersuchungsliege, Gutteta braucht sie nicht oft. „Ich sehe selten frische Spuren der Folter.“ Meist sind die Narben verheilt, und grobe Verstümmelungen deuten eher auf laienhafte Peiniger, in Afrika geschieht das noch. Seine Patienten erzählen ihm, wie die Folterer ihre Methoden verfeinert haben. Sie gehen mit der Zeit, sie wollen keine schlechte Presse. Die Opfer erzählen, es werde Sand in Säckchen gefüllt, die hinterlassen beim Schlagen keine Platzwunden. Sie erzählen, für Elektroschocks gebe es inzwischen Geräte, die keine Verbrennungen auf der Haut hinterlassen und trotzdem heftige Muskelkrämpfe verursachen. Sie erzählen, in Syrien zwängen sie Gefangene in große Autoreifen, die werden aufgehängt und schnell gedreht, während mit Keulen auf den Reifen geprügelt wird: Die derart Malträtierten verlieren die Orientierung, der ohrenbetäubende Lärm schmerzt im Kopf, Gelenke brennen wie Feuer – aber äußerlich ist nichts zu sehen.

Doktor Gutteta, sanfte Stimme, umgeben von robusten Topfpflanzen und Geschenken einiger Patienten: eine orientalische Gasse in Öl, ein gehäkelter Gürtel, Schmetterlinge an einer Landkarte „Kurdistan“. Tag für Tag sieht er, was Folter anrichtet. Erwachsene verlieren ihre sozialen Fähigkeiten. Sie nässen sich ein, sie stottern, sie verlieren die Balance, sie toben. Sie haben die totale Ohnmacht erlebt, sich unwert gefühlt, klein, hilflos. Sie werden wie Kinder, völlige Regression. Das ist nicht nur mit schierer Gewalt zu erreichen. Immer häufiger, sagt der Arzt, wird ihm von psychischer Gewalt berichtet. Von kulturellen Tabubrüchen. Sie zwingen Muslime, sich nackt vor Frauen zu stellen. Er weiß, wie Tibeter das Besudeln ihrer religiösen Symbole empfinden: grausamer noch als körperliche Pein.

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Die Debatte

Am 1. Oktober 2002 notiert Frankfurts Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner in einem internen Vermerk, der Beschuldigte Magnus G. sei „nach vorheriger Androhung, unter ärztlicher Aufsicht, durch Zufügen von Schmerzen (keine Verletzungen)“ zu befragen. Erhofft wird, dadurch einen entführten Jungen zu finden. Daschner wird sich demnächst vor Gericht verantworten müssen. Später tauchen Bilder aus Guantanamo Bay und dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib auf, die von US-Militärs misshandelte und gedemütigte Gefangene zeigen. In deutschen Feuilletons und Leitartikeln wird bis heute debattiert: Gibt es „ein bisschen Folter“ („SZ“), „Das Für der Folter“ („FAZ“), ist ein Verbot „dem Bereich der Moralität“ oder der „Sittlichkeit“ zuzuordnen (Jan Philipp Reemtsma)?

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Das Recht

Ist in Deutschland schon einmal so ernsthaft über Folter diskutiert worden wie zurzeit? Dieter Grimm überlegt, er hebt die Augenbrauen: „Nein. Nicht einmal in den 70er Jahren, als es wegen der RAF große Aufregung gab.“ Professor Grimm müsste sich erinnern. Er zählt zu den renommierten Juristen des Landes, zwölf Jahre lang war er Richter des Bundesverfassungsgerichts. Inzwischen ist er, mit 67 Jahren und schlohweißem Haar, Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, mit Sitz in einer geräumigen Villa im Grunewald.

Was ist Folter? Grimm steht auf und geht von der Couchecke durch sein Büro, er nimmt einen roten Band aus dem Regal hinterm Schreibtisch, zehn Zentimeter Internationales Recht. Er sagt, er finde die Definition gut geglückt, die für das Anti-Folterabkommen der UN gefunden wurde, er setzt sich und liest: „Paragraph 1 – Im Sinne dieses Übereinkommens bezeichnet der Ausdruck Folter jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, um sie für eine tatsächliche oder mutmaßlich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen oder sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen...“

Das ist die Basis, davon rückt Grimm nicht ab. Hat der Staat nicht die Pflicht, Leben zu retten? Doch, sagt der Jurist, wenn ein Polizist sieht, wie gerade jemand ermordet werden soll, dann darf er schießen, auch tödlich. Dann steht Leben gegen Leben. Retten durch Folter, wann gibt es da eine eindeutige Situation, fragt er. Wie viele Unschuldige würden gemartert? Und was den Frankfurter Fall angeht, sagt Grimm: „Da das Foltern nicht erlaubt ist, kann auch das Androhen nicht erlaubt sein.“

Er sitzt in einem hellen Sessel und lässt die randlose Brille zwischen den Fingern baumeln. Die Tür zum Balkon steht offen, die Blätter der Bäume lärmen. Ein kleines Gedankenspiel: Wäre Folter erlaubt, müsste sie vom Bundestag eng definiert werden, präzisiert durch Verwaltungsanweisungen und Gerichtsentscheide. Bis zu wie viel Dezibel ist Lärmtortur erlaubt? 140? 200? An welchen Körperstellen darf man Delinquenten quetschen? Am Ohr, wie der Polizist Daschner vorschlug, an den Brustwarzen, den Genitalien? Professor Grimm sagt, das müsste dann geregelt werden, ja, er möchte darüber aber nicht nachdenken.

Der Jurist sagt dann noch, es habe ihn schon überrascht, wie groß die Bereitschaft sei, den einhelligen Konsens des Folterverbots in Frage zu stellen. Er sagt das ganz ruhig: „Vielleicht ist die Zivilität doch nur schwach abgesichert.“

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Die Psychofolter

Eine Zelle, 2 Meter 80 lang, 1 Meter 60 breit, 2 Meter 30 hoch, eine mit Blech beschlagene Tür, eine Pritsche aus Holzlatten. In diesem Loch hat Hans-Eberhard Zahn zehn Monate verbracht, von November 1953 an. Alleine mit sich selbst. Den Wärtern war verboten, mit ihm zu sprechen. Selten mal die gebellten Worte „Jehnse rin“ und „Kommse raus“. Die Order war: Nur in der Mitte der Pritsche sitzen. Nicht an die Wand lehnen. Schlafen verboten. Nichts zu lesen. Nichts zu schreiben. Schlafenszeit war, wenn eine Pferdedecke durch die Tür flog. Zahn war 24 damals, Student der Psychologie, er wusste nicht, wohin sie ihn gesteckt hatten.

Er ist zurückgekehrt an diesen Ort, Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in jenen Jahren, Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen heute. Er ist die elf Stufen hinuntergegangen in den Keller, der „U-Boot“ genannt wird, zweiter Gang rechts, vierte Zelle rechts, hier hat er gesessen, hier sitzt er jetzt wieder. Mitten auf der Pritsche, die Hände auf die Knie gestützt, den Kopf geneigt. Er sagt, in dieser Haltung konnte man vor sich hindämmern. Ab und an tauchte ein Auge am Spion auf und ein Gummiknüppel knallte an die Tür.

Hans-Eberhard Zahn ist 75, buschige Augenbrauen hinter der Goldrandbrille, die Sätze akkurat wie bei einem Nachrichtensprecher. Er sagt, die Wache habe ihm nie ein Haar gekrümmt. Auch Brot gab es genug, er hat nie gehungert. Er wäre nie auf die Idee gekommen, seine soziale Isolation als Folter zu bezeichnen. „Ich hatte von Folter die landläufige Vorstellung einer mittelalterlichen Geständniserzwingung.“ Er hat nur gespürt, wie zermarternd das ist, kein Tageslicht, keine Frischluft, kein Schlaf tagelang, kein Wort.

Er hat nur dahocken können und auf das nächste Verhör warten, er verlor das Gefühl für Zeit und Raum. Nackte Wände, ein Metalleimer als Klo, über der Tür eine Glühbirne hinter Gittern. Er hat, um sich zu beschäftigen, im Kopf Erfindungen gemacht, eine Tonbandmarkierungsmaschine, er löste Differenzialgleichungen. Er hat Sonette von Shakespeare vor sich hin gemurmelt und Gedichte, auswendig gelernt als Schüler, er kann sie immer noch, er spricht: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick…“ Eine dumpf hallende Stimme.

„Perverse Reaktionen“, sagt Zahn, hat er an sich beobachtet. Er habe sich bei dem Gedanken ertappt: „Hoffentlich haut mir mal einer in die Fresse.“ Weil das wenigstens eine menschliche Reaktion gewesen wäre. Weil er als das Schlimmste dieses gekränkte Selbstbewusstsein empfand. Seine ganz eigene Art, dieser „psychischen Folter“ zu trotzen, war: Verachtung. Kein Hass, so viel Emotionen wollte er denen nicht gönnen, Verachtung für die Wächter, die Stasi, die DDR, die ihn insgesamt sieben Jahre in Haft hielt. Und doch, sagt er, habe er sich im Lauf der Monate richtig danach gesehnt, verhört zu werden, nur der Zwiesprache wegen.

„Guten Tag, Herr Zahn“, sagte irgendwann einer der Vernehmer. So eine höfliche Anrede hatte der Isolierte lange nicht gehört. Er sagt: „Mir sind vor Freude Tränen in die Augen geschossen.“

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Die Folgen

Müslim Okatan ist ein kleiner, stämmiger, alter Mann von 47 Jahren. Er wohnt allein, zwei kleine Zimmer in einem schmuddeligen Haus im Norden Berlins. Der älteste Sohn hat die Wände frisch gestrichen, um ein wenig Freundlichkeit an diesen Ort zu bringen. Auf dem Bett liegen Fotos von kurdischen Schlagerstars. Herr Okatan wirkt sehr umgänglich und ausgeglichen, als er sein Zuhause zeigt. Er geht regelmäßig zum Psychiater, der ihm Beruhigungsmittel und Tabletten gegen die Depression verschreibt.

Herr Okatan, Ihr Sohn sagt, vor dem Gefängnis seien Sie ein liebevoller Vater gewesen. Jetzt könne es keiner in der Familie mit Ihnen aushalten.

„Alle wissen, dass ich schlechte Laune habe.“

Sie sind aggressiv, Sie streiten sofort.

„Ich fühle mich bedrückt, beengt, wie im Gefängnis. Ich habe keinen Pass, ich darf nur 30 Kilometer weit weg. Wenn ich Wutanfälle habe, falle ich in Ohnmacht.“

Ist der Tag für Sie besser oder die Nacht?

„Neulich habe ich im Traum mit Soldaten gekämpft, es gab ein Gefecht. Oder ich kann nicht schlafen. Ich nehme viele Medikamente. Ich verliere mich im Kopf. Ich bin nachts schon in den Park gegangen, ohne es zu wissen.“ Herr Okatan lässt seine Finger knacken.

Es ist egal, wonach er gefragt wird, nach seinem Dorf, der kargen Landschaft am Euphrat, den Erdnüssen und Oliven, die er früher angebaut hat. Nach wenigen Sätzen sagt er: „Ich musste über Glasscherben laufen, sie haben mir ohne Betäubung Zähne ausgebrochen und Zigaretten auf den Armen ausgedrückt.“

Sie haben Ihre Frau gewürgt.

„Ich ärgere mich schnell. Manche sagen, ich sei verrückt. Sie sagen, ich soll mich wohl fühlen. Ich kenne kein Glück mehr.“

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