GEMÄLDEMarwan: „Bis zum Ende offen“ : Der schwierige Blick

Claudia Wahjudi

Seine letzte große Ausstellung in Berlin zeigte Marwan 2006 in der Berlinischen Galerie: frühe Aquarelle und Zeichnungen, die der Maler nach seinem Studium an der Hochschule der Künste gefertigt - und dann in seinen Grafikschränken vergessen hatte. Rund vier Jahrzehnte lagen sie da, bevor der in Damaskus geborene Künstler sie für die Ausstellung hervorholte.

Vor kurzem ist Marwan Kassab-Bachi 75 Jahre alt geworden. Das Haus am Waldsee widmet ihm jetzt eine Retrospektive, die den Bogen von den älteren Arbeiten zu vielen neuen spannt: zu großen Gesichtern von ernsten Unbekannten. „Die Augen sind das Schwierigste“, sagt Marwan. Wieder und wieder malt er sie in die Schichten satter Ölfarben, bis sie so schauen, wie es für seine Figuren typisch ist: melancholisch, introspektiv, als ob die Abgebildeten ihrer Einsamkeit und der Absurdität des Daseins nachspürten, ganz egal, ob Mann oder Frau, Jung oder Alt. Darin unterscheiden sich Marwans Menschenbilder von denen vieler jüngerer Maler mit ihren generations- und milieuspezifischen Motiven: Bei ihm geht es um die menschliche Existenz an sich. Monatelang arbeitet er an solch einem Bild, ohne Assistenten: „Ich bin Maler, kein Produzent“, sagt er. Marwan ist ein Künstler der alten Schule, der ganz in der Gegenwart lebt. Bis 2004 unterrichtete der emeritierte Professor, der über 20 Jahre an der Hochschule der Künste gelehrt hatte, ehrenamtlich jeden Sommer in Amman Malerei. Soeben hat er Arbeiten in Beirut gezeigt, und im September nimmt er an einer der wichtigsten Ausstellungen Europas teil: der 13. Biennale von Istanbul. Claudia Wahjudi

Haus am Waldsee, So 16.8. bis So 6.9., tgl. 11-18 Uhr, 6 €, erm. 3 €

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