Zeitung Heute : Gemeinheit im "Big Brother"-Haus (Glosse)

Robert Ide

Haben Sie das gesehen? Jürgen und Zlatko, die unzertrennlichen Freunde aus der westdeutschen Arbeiterklasse, sollen das "Big Brother"-Haus verlassen. Jedenfalls einer der beiden. Ihre intellektuell besaiteten Mitbewohner haben sie für das Ausscheidungsrennen in dieser Woche nominiert. Mit einer "echt total gemeinen Aktion" - so hätte das die blonde Manuela genannt - wurden die beiden Tischtennispartner aus dem TV-Container gemobbt. Dabei stand Manuela selbst auf der Abschussliste. Mehr als 40 Prozent der Zuschauer rechneten bei der wöchentlichen Umfrage damit, dass "Manu" ausgemustert wird. Denn wer hält schon auf Dauer ihr nerviges Gerede zum Thema Sexualität und Treue aus? Beispiel: "Es ist generell von Person zu Person verschieden, aber wie es dann in der einzelnen Situation ist, muss man sehen." Nun werden wir also weiter gequält. Und einer der beiden Spaßvögel muss die Koffer packen. Lustige Menschen haben es schwer heutzutage. Denn Witzbolde können nicht gemein sein. Das muss man aber, um 100 Tage im "Big Brother"-Haus durchzustehen. Zlatko und Jürgen finden Intrigen einfach albern. Deshalb haben sie keine Freunde im Haus - außer sich selbst und die vom Mobbing genervte Andrea. Die andere Fraktion ist weitaus stärker: der unauffällige John, Tele-Tubbie Manu, das Trauer-Küken Jona und natürlich Kerstin und der ständig verpennte Alex. Irgendwie sind die alle ziemlich langweilig. Weil sie das wissen, kleben sie aneinander (Alex und Kerstin im wörtlichen Sinne). Richtige Freunde aber sind das nicht. Und auch Alex und Kerstin geben trotz ihrer nächtlichen Eskapaden im Mädchenzimmer kein wirkliches Liebespaar ab. Das sagt zumindest meine Freundin, und die sieht so etwas sofort. Meine Freundin hat keinen Fernseher. Deshalb kann sie meine Leidenschaft für "Big Brother" nicht so recht nachvollziehen. Zuletzt hat sie sich aber auf meinem knarrenden Bett niedergelassen, um sich einen Abend mit mir und RTL 2 anzutun. Dabei hat sie gemerkt, das ich Jona - sagen wir es vorsichtig - nicht ganz unattraktiv finde. Außerdem ist sie ein wenig misstrauisch geworden, nachdem ich zuletzt an dieser Stelle so viel über meine Nachbarin Nina geschrieben habe. Denn meine Freundin heißt keineswegs Nina - wie von einigen Lesern vermutet -, sondern Jessica. Mit unserer Beziehung versteht Jessica keinen Spaß. Deshalb fragt sie mich neuerdings immer, wie es denn Jona und Nina gehe. Nun muss ich mich für meine Witze rechtfertigen. Das nenne ich gemein.

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