Zeitung Heute : Gemeinsam extra stark

Kooperation: Warum sich die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen auch für die Mitarbeiter lohnt

Regina-C. Henkel

„Ein Club der schnell entschlossenen Habenichtse bringt genauso wenig wie eine Ansammlung solventer Großkonzerne, in denen aus jeder Idee ein Vorgang wird“, sagt Michael Sandrock – und zeigt mit dem Finger auf eine Prospektseite voller bunter Firmenlogos. Genau 28 Unternehmen sind es inzwischen, die der „Telematikinitiative 2006“ beigetreten sind.

Aus gutem Grund. Sich mit Gleichgesinnten in einem Interessenspool, einem Netzwerk, einer Allianz oder einem virtuellen Unternehmen zu verbinden, verleiht nicht nur dem Aufritt gegenüber Dritten mehr Gewicht, sondern fördert auch die innere Kreativität und Leistungsfähigkeit der einzelnen Partner.

Die Mitglieder der „Telematikinitiative 2006“, die sich um Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft zusammenfanden, haben das während ihrer Roadshow quer durch die Republik und in den regelmäßigen Meetings mit „großer Freude“ registiert. Projektleiter Sandrock führt den viel versprechenden Start der Kooperation allerdings auch mit darauf zurück, dass ihr so großen Firmen wie T-Systems oder Siemens Business Services genauso angehören wie Zwei-Mann-Betriebe. Der Mix aus groß, mittel und klein sei die genau richtige Zusammensetzung, sagt Projektleiter Sandrock, um Produkte und Dienstleistungen anbieten zu können, die im Alleingang eines einzelnen Unternehmens „niemals möglich wären.“

Der glückliche Umstand, neben einer zündenden Produkt- oder Service-Idee auch genügend Kapital und Produktionskapazitäten zu besitzen und außerdem noch über exzellente Kontakte und Vertriebskanäle zu verfügen, wird immer seltener. Marktfähig – und damit auch beschäftigungsrelevant – sind fast nur noch Verbundlösungen. Der Kunde verlangt, dass seine Wünsche erfüllt werden. Wie viele Spezialisten, Betriebe und Branchen an der Erfüllung dieses Wunsches beteiligt sind, interessiert ihn nicht. Mit dem neuen Handy zum Beispiel will er sofort telefonieren, SMS und Fotos senden oder empfangen, Klingeltöne downloaden. Möglichst noch viel mehr.

Da funktioniert das alte Prinzip „Alles aus einer Hand“ nicht einmal mehr bei großen Konzernen. Kein Wunder, dass sich Selbstständige, Unternehmen, Vereine und Verbände für die Themen Kooperation und Netzwerke interessieren. Zumal in Seminaren und Workshops ein Hinweis derzeit zum Standardrepertoire der Trainer gehört: Dass das aus der Quantenphysik abgeleitete Synergie-Konzept auf soziale Verbindungen genauso zutrifft wie auf chemische. So, wie Wasser (H2O) andere und sogar mehr Eigenschaften aufweist als seine Bestandteile Wasserstoff (H) und Sauerstoff (O), so ist auch in der Ökonomie das Ganze mehr als die Summe seiner Teile.

In der „Telematikinitiative 2006“ ist diese Erkentnis Konzept. Projektleiter Sandrock sagt: „Es gibt genügend Technologien in Deutschland, die man lediglich wie bei einem Puzzlespiel zusammenbringen muss. Fast jedes Unternehmen mit guten Leuten hat Patente, Konzepte oder Produkte, die in irgendwelchen Schubladen vergessen vor sich hinschlummern. Es kommt nur darauf an, sie wie ein Ass aus dem Ärmel zu ziehen. Dafür braucht man allerdings eine funktionierende Kooperation von Unternehmern und Geschäftsführern, die bereit sind, eigene Insellösungen zugunsten eines wertschöpfenden Prozesses aufzugeben.“

Diese Bereitschaft lässt noch zu wünschen übrig. „Ich soll ausgerechnet mit meinem schärfsten Konkurrenten zusammenarbeiten?“, ist die übliche Reaktion auf den Vorschlag einer Kooperation. Das Risiko, Kunden oder Know-how-Vorsprünge zu verlieren, scheint vor allem Mittelständlern zu hoch. Eine Fehlannahme, wie nicht nur Wirtschaftspsychologin Sabine Siegl weiß (siehe Interview), sondern auch immer mehr Entscheider an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Dort funktioniert Kooperation bereits seit Jahren recht gut. Der Wettbewerb schweißt sogar zusammen. „Wenn wir mit den USA oder Japan mithalten wollen, dann müssen wir die Forschung viel stärker vernetzen und verflechten,“ sagt etwa Hans-Olaf Henkel, Präsident der Leibniz-Institute, die rund 12 400 Mitarbeiter beschäftigen. Für besonders wichtig gehalten wird in den rund 80 Einzel-Instituten „neben der räumlichen Nähe vor allem die gegenseitige Achtung der Partner“, so Klaus Jacobs vom Berliner Leibniz-Institut für Kristallzüchtung.

Vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) der privaten Wirtschaft könnte eine solche Einstellung die Arbeitsplätze sicherstellen und eine Perspektive für die Zukunft eröffnen, anderen wiederum könnte es die Existenz retten. Denn die Europäische Union zum Beispiel knüpft die Vergabe von Geldern für das noch bis 2006 laufende „6. Rahmenforschungsprogramm“ an so genannte Prioritäten. Das Instit der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) sagt, dass KMU diese im Alleingang nicht erfüllen können. Möglicherweise aber gemeinsam.

Der legendäre, vor zwei Jahren verstorbene, Bochumer Innovationsforscher Erich Staudt sah eine besondere Chance vor allem in diagonalen – also branchenübergreifenden – Kooperationen. Durch Wissens- und Leistungskombination seien neue Produkte und Dienstleistungen machbar, gerade im Zusammenhang mit den steigenden Möglichkeiten der IuK-Technik. Die Verknüpfung von ganz unterschiedlichem Know-how ermögliche nicht nur den „Vorstoß in neue Technik- und Marktfelder“, sondern schaffe auch die Voraussetzung für den Wandel „vom Anbieten standardisierter Grundleistungen zum Anbieten individueller Problemlösungen.“

Auf genau dieses „Pferd“ setzt die „Telematikinitiative 2006“. Vom Standort „European TelematicsFactory“ in der Charlottenburger Hemholtzstraße aus wird seit vergangenem Jahr an einem Projekt „news@VIP“ gearbeitet. Das Angebot für VIPs, also very important persons, ist eins einer ganzen Reihe technischer Lösungen, die von den Kooperationspartnern zur Fußball-WM 2006 auf den Weg gebracht werden. Es handelt es sich um einen mobilen, individuell auf die Entscheidungsträger zugeschnittenen Informationsdienst. Das Besondere daran: Die Nachrichtenagentur dpa, die Münchner Siemens Business Services und zwei mittelständische IT-Betriebe aus Berlin haben das Know-how ihres Kerngeschäfts in ein neues Produkt eingebracht. Der Bundesverband Telematicspro stellt sich für die Pilotphase bis Jahresende als Plattform zur Verfügung. „Bewährt sich das Angebot“, sagt Projektleiter Sandrock, „wird es von einem Projektmitglied zur wirtschaftlichen Verwertung übernommen. Oder es wird an andere übergeben und die heutigen Promotoren beliefern den Lizenznehmer. In beiden Fällen sichert die Kooperation Arbeitsplätze in der Größenordnung von 20 Personen.“

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