Zeitung Heute : Gemeinsam Radio hören ist wieder groß in Mode

Martin Busche

Gespenstisch still ist es im ehrwürdigen Palais am Festungsgraben. Doch das Kulturhaus in Mitte hat keineswegs geschlossen. Im Gegenteil. Es ist ausverkauft. Doch heute ist niemand zum Schwätzen oder Speisen gekommen. Die, die so ruhig, fast vergessen auf ihren Stühlen hocken, die Augen schließen, dem Klang der Lautsprecher folgen, lauschen einem Hörspiel. Gemeinsam Radio zu hören, ist derzeit groß in Mode. Nicht nur in Berlin. Überall in der Republik feiert die Kunst der Hörgeschichte ihre Wiederauferstehung. Im schwäbischen Tübingen sind die sonntäglichen Hörspielnachmittage in der Kneipe "Bulanger" schon lange kein Geheimtip mehr. Selbst Rhetorikprofessor Walter Jens setzt sich ab und an dazu und lauscht den Geschichten aus dem Radio.

Der Saarländische Rundfunk hat kürzlich zur 100. Vorführung in der Saarbrücker Kneipe "Perspektive" geladen, und über 100 Gäste kamen. Als der Westdeutsche Rundfunk in Bielefeld eine Dracula-Nacht ausrief, fanden sich gleich mehrere Dutzend Blutsfreunde auf der Bielefelder Sparrenburg ein und haben die Nacht zum Tag gemacht. "Solche Partys sind in Nordrhein-Westfalen richtig Mode geworden", weiß WDR-Redakteurin Angela Sussdorf. Das Publikum der Hörspielabende ist bunt gemischt. Alt und Jung, intellektuell, Arbeiter und Studenten. "Mich erinnert das an meine Kindheit", begründet einer sein Kommen. "Außerdem höre ich lieber gemeinsam Hörspiel, als alleine vor dem Fernseher zu sitzen".

Christoph Buggert, Hörspielchef des Hessischen Rundfunks glaubt, dass "immer mehr Menschen bewusst zuhören wollen". Die Kulturredaktion von SFB-Kultur vermutet: "Die Leute sind der vielen visuellen Eindrücke müde und suchen nun im Hörspiel Entspannung". Themennächte wie die des WDR sind allerdings die Ausnahme. Viel mehr als das reine Hörspiel wird meist nicht geboten. Im Berliner Palais spricht ein Redakteur allenfalls einleitende Worte. Der Rest ist Schweigen. Bis zum Schluss. Dann darf diskutiert werden, entweder mit dem Autor des Stückes oder mit der Hörspielredaktion, die das Stück ausgesucht hat.

Auch für die Radioredakteure ist das große Interesse an ihrer Arbeit ungewöhnlich, allerdings nicht ganz neu. Seit Jahren ist der Mitternachtskrimi auf SFB-Kultur ein Quotenrenner. Dennoch staubt das alte Hörspielstudio an der Masurenallee langsam aber sicher ein. "Zu teuer in der Produktion", lautet das Argument der Senderintendanz. Darum ist der Beruf des Geräuschemachers auch fast ausgestorben. Was heute im Radio knistert, schleicht und rauscht, kommt vorproduziert aus der Dose.

Zwischen 700 und 800 Hörspiele produzieren die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten jedes Jahr. Die Privaten haben sich von dieser Kunstform schon vor Jahren verabschiedet. Bislang. Denn auch die Programmzeitschriften haben den Boom erkannt und drucken wieder Radioprogramme ab. Selbst die von den Rundfunkanstalten produzierten Hörbücher, bestehend aus Cassette und etwas Text, erweisen sich als Verkaufsschlager. Besonders nachgefragt ist das Klanggemälde aus Europa, in dem nacheinander ein griechischer Kuhhirte, der Pausenlärm einer finnischen Schulklasse und die Schiffssirene eines Bremer Tankers zu hören sind. Eine akustische Abenteuerreise für verwöhnte Ohren.

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