Zeitung Heute : Gemeinsam zum Gipfel

Die Zeiten sind schwierig. Gerade deshalb setzen Firmen auf Outdoortraining. Das soll den Teamgeist stärken

Annette Kögel

Manchmal braucht man ein Floß, um auch im übertragenen Sinne zu neuen Ufern zu kommen. „Wir haben zwei Gruppen einer Firma Holzbalken, Fässer und Seil überlassen – die Kollegenteams sollten damit identische Flöße bauen“, sagt Oliver Grätsch, Geschäftsführer des erlebnisorientierten Weiterbildungsanbieters „Berliner Team“. Natürlich hatten die Büro-Arbeiter bei einer solchen abenteuerlastigen Aufgabe Probleme. Den einen fehlte es an Seil, die anderen hatten viel zu viel davon übrig. „Auf die Idee, sich auszutauschen und gegenseitig vom Material abzugeben, ist niemand gekommen – und das, obwohl die Leute doch aus einem Haus stammen."

Was im Großen nicht klappt, zeigt sich eben auch im Kleinen. Auf diese einfache Formel könnte man das bringen, was Beraterfirmen wie das Berliner Team ihren Kunden durch spezielle Fort- und Weiterbildungsseminare bieten. In Berlin und Brandenburg nehmen zahlreiche Konzerne, aber auch mittelständische Firmen, die Dienste so genannter erlebnisorientierter Personal- und Firmenentwickler in Anspruch. Auf der Referenzliste des Berliner Teams, einer der Marktführer der Branche in der Bundesrepublik, finden sich Firmen wie BMW und VW, Höffner und die Weberbank, ebay und Hewlett Packard. Obgleich viele Unternehmensberater derzeit die schwierige wirtschaftliche Lage zu spüren bekommen, „merken wir eher eine steigende Nachfrage", sagt Oliver Grätsch.

Wie sich das erklärt? „Gerade in Zeiten des wirtschaftlichen Wandels, in denen Personal entlassen wird sowie Gehälter gekürzt und Arbeitszeiten verlängert werden, sind hoch motivierte Mitarbeiter und funktionierende Teams einfach ein entscheidender Wettbewerbsvorteil", sagt Isabel Busch, Geschäftsführerin des Outdoor-Schulungsanbieters „Teamgeist" aus Blossin in Brandenburg am Wolziger See. Hier buchen Kunden wie Sparkasse, Bewag, BSR, Wasserbetriebe oder auch Caparol Lacke und Farben einzelne Übungseinheiten. DaimlerChrysler-Pressesprecher Peter Maahn zum Beispiel sagt, dass solche Outdoor-Seminare nach wie vor wichtige Bestandteile der Firmenentwicklung seien. Erst diese Woche schufen Daimlerianer Skulpturen aus Fahrzeugresten – mitsamt unternehmensbezogener Analyse.

Denn Nachwuchskräfte und Führungsmitarbeiter werden längst nicht mehr – wie noch in den 90er Jahren – allein in den Klettergarten an die Seile geschickt oder zur Schnitzeljagd in den Wald. „Die Übungen in der Natur sind nur eine Lehrmethode, die mit Inhalt gefüllt werden müssen, damit das Training etwas bringt", sagt Oliver Grätsch.

Wie das genau funktioniert, beobachtet René Umlauft von Siemens seit Jahren bei diversen Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen mit dem Berliner Team. Umlauft ist Leiter des Geschäftszweiges Industrieturbinen von Siemens Power Generation (PG) in Görlitz mit insgesamt 1500 Mitarbeitern in fünf Ländern. „Wenn wir mit der Firma Tagungen machen, buchen wir als ein Bestandteil gern solche erlebnisorientierten Aktionen." Dann versammeln sich beispielsweise Führungskäfte morgens vorm herkömmlichen Seminar zum Brückenbauen am Wasser. „Wenn Mitarbeiter dann loslegen, ohne rechts und links zu gucken, zeigt das oft herrliche Parallelen zu dem Verhalten auf, was sie sonst im beruflichen Alltag aufweisen", sagt Umlauft. Die Siemens-Turbinenbranche nutzt solche Outdoor-Trainings zudem, um junge Führungskräfte zu sichten und Nachwuchsmitarbeiter besser ihren Fähigkeiten gemäß im Unternehmen einzusetzen. Umlauft: „Da werden plötzlich auf anderer Ebene Stärken und Schwächen der Leute deutlich. Da fühlt man Dinge – das ist oft hilfreicher, als sie vom Kopf her zu steuern."

Für den Chef der Industrieturbinenabteilung, die Maschinen etwa für Kraftwerke, Papierfabriken und Zuckermühlen herstellt, sind solche Events auch in harten Zeiten wie diesen „nicht etwa Luxus, sondern ein entscheidender Baustein der Teambildung im Unternehmen". Schlagen sich die schweißtreibenden Bemühungen denn auch bei Auftragslage und Umsatz nieder? „Die Erfolge lassen sich schlecht in Zahlen, Daten, Fakten als Sheets an die Wand werfen", gibt Oliver Grätsch vom Berliner Team zu. Doch regelmäßige, langfristige Kundenbefragungen haben seiner Auskunft nach ergeben, dass „Unternehmen unsere Angebote als ein wichtiges Tool sehen".

Denn die Trainer wissen, wovon sie reden, sagt Grätsch. Wer beim Berliner Team als Ausbilder arbeitet, muss mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in einer vergleichbaren Position wie die Führungskräfte vorweisen. „Sonst werden die Leute nicht ernst genommen." Psychologen, Soziologen, Pädagogen, sie alle haben Grätsch zufolge die Kompetenz, „Problemfelder aus dem Berufsalltag eins zu eins abzubilden".

In Zeiten wirtschaftlichen Wandels verändert sich auch der Arbeitsalltag in den Unternehmen: Oft geht es in den Trainings darum, nach Fusionen Menschen zusammenzuführen, die sich zuvor mit jeweils anderen Arbeitgebern identifiziert und unterschiedliche Unternehmenskultur verinnerlicht haben. Grätsch: „Internationalisierung und Globalisierung wird als Thema immer wichtiger, weil viele Firmen da mit herkömmlichen Kommunaktionsformen wie Konferenzen nicht mehr vorankommen." Deshalb werden bei den Seminaren in Brandenburg oder Wien, San Diego oder Ankara, Athen oder Helsinki auch Führungskräfte aus aller Welt an einen Tisch gebeten. Teils auch an einen Küchentisch.

„Sie müssen mal sehen, was das für athmosphärische Auswirkungen auf die berufliche Zusammenarbeit hat, wenn einem der Konzernchef aus Asien höchstpersönlich und mit umgebundener Küchenschürze demonstriert, wie man im Wok kocht", sagt der Macher des Berliner Teams. Teamwork geht eben manchmal auch durch den Magen.

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