Zeitung Heute : Gemeinsam zum Ziel

Durch Verzahnung von stationärer und ambulanter Hilfe sollten alte Menschen möglichst lange selbstständig bleiben

Adelheid Müller-Lissner

Es ist eine der Geschichten, die das Leben täglich vielfach schreibt: Eine alte Dame spielt darin die Hauptrolle, die zwar an Diabetes und hohem Blutdruck leidet und deren Gelenke ab und zu wegen einer Arthrose schmerzen. Doch sonst geht es der 82-Jährigen gesundheitlich eigentlich ganz gut: Sie und ihr rüstiger, drei Jahre jüngerer Ehemann können sich ohne große Probleme allein versorgen. Bis zu dem Tag, an dem die alte Dame ein schwerer Schlaganfall trifft, der Teile der rechten Gehirnhälfte lahm legt. Zunächst wird in einer Klinik, die über eine hoch spezialisierte Schlaganfall-Abteilung – eine moderne „Stroke Unit“ – verfügt, alles getan, um das Leben der Patientin und möglichst viele Gehirnfunktionen zu retten.

Fünf Tage nach dem Schlaganfall kommt sie ins Wichern-Krankenhaus. Erst allmählich beginnt sie wirklich zu begreifen, was mit ihr geschehen ist: Die linke Körperhälfte ist gelähmt, sie hat Schluckstörungen, liegt unbeweglich im Bett, hat zwar nicht ihre Sprache, doch ihre deutliche Aussprache verloren. „Da war die Patientin kurz davor, sich aufzugeben. Sie glaubte einfach nicht, dass sie es je wieder würde schaffen können“, erinnert sich Dr. Martin Warnach. Der ärztliche Leiter des Krankenhauses ist Facharzt für Innere Medizin, er hat sich schon vor Jahren auf die Behandlung älterer Menschen spezialisiert. „Obwohl wir in unserem Krankenhaus nur ältere Menschen betreuen, ist unsere Grundhaltung optimistisch“, sagt der Geriater. Die Geschichte der 82-Jährigen erzählt er schon deshalb gern, weil sie angesichts des traurigen Ausgangspunktes eine relativ gute Fortsetzung hatte. Denn die alte Dame kam etliche Wochen später nach Hause, sie lernte wieder laufen und kann jetzt wenigstens kurze Strecken mit einem Spezialstock selbstständig bewältigen.

Warnach hat diesen „Fall“ aber auch ausgewählt, weil er zeigt, dass wirkungsvolle Hilfe in der Geriatrie Teamarbeit und vernetzte Strukturen voraussetzt. Vom ersten Tag an kümmerten sich Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, später auch Sprachtherapeuten und Psychologen um die Patientin. Zugleich wird sie akutmedizinisch versorgt, alle notwendigen diagnostischen Verfahren und die Kompetenz von Fachärzten verschiedener Spezialität stehen ihr zur Verfügung.

„Schon in den ersten zehn Tagen zeigten sich Verbesserungen, deshalb konnten wir bei dieser Patientin Hoffnung haben“, berichtet Warnach. Aus der subjektiven Sicht der Seniorin war das Bild niederschmetternd. Um aus ihrem Tief herauszufinden, brauchte sie die Unterstützung einer Psychotherapeutin, außerdem wurden ihr Antidepressiva verordnet. Ohne diese Elemente der Behandlung hätte sie das harte Reha-Programm wohl nicht so erfolgreich durchgehalten.

Auch dass sie jetzt wieder zu Hause bei ihrem Mann sein kann, ist weiteren Elementen des umfassenden Therapieangebots zu verdanken. Die Patientin hat nämlich in den ersten Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus die Werktage in der Tagesklinik verbracht, wo das Reha-Programm weitergeführt wurde. Am späten Nachmittag wurde sie von dort nach Hause gefahren. Mitarbeiter des Johannesstifts halfen dem Ehepaar bei praktischen Dingen wie der Suche nach einem Pflegebett. Und nicht zuletzt beim Finden eines ambulanten Pflegedienstes, dessen Mitarbeiter jetzt täglich zur Unterstützung ins Haus kommen.

„Das alles zu organisieren ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, wenn wir die Lebensqualität unserer Patienten im Auge haben“, betont Warnach. Lebensqualität heißt für alte Menschen vor allem, zu Hause möglichst selbstständig zu sein. Um dies noch besser unterstützen zu können, plant das Wichern-Krankenhaus besonders für schwer betroffene Patienten eine Einrichtung der Mobilen Ambulanten Rehabilitation: Mitarbeiter dieses Teams, Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten behandeln die Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt direkt in der Wohnung. So können Angehörige in die Rehabilitation mit einbezogen werden, und der Patient kann daheim für die häusliche Situation fit gemacht werden.

Die Patienten, die ins Wichern-Krankenhaus kommen, sind zwischen 70 und 104 Jahre alt, der Altersdurchschnitt liegt bei 81 Jahren. Sie sind meist schon lange zuvor nicht mehr wirklich „gesund“ gewesen. Sie nehmen oft Medikamente gegen die Zuckerkrankheit, gegen den hohen Blutdruck, gegen die Schmerzen beim Bewegen. „Multimorbide“, mehrfach krank, nennen sie die Mediziner. Was ihnen allen nach einem Schlaganfall oder einem schweren Sturz droht, ist jedoch schlimmer: Sie haben Angst, auf die Dauer nicht mehr in der Lage zu sein, sich selbst zu versorgen. Dass Medikamente das schwache Herz möglichst gut unterstützen und dass der Bruch des Oberschenkelhalses gut heilt, ist die Voraussetzung für eine Rehabilitation. Im geriatrischen Krankenhaus wird deshalb „ganz normale“ Akutmedizin betrieben. Darüber hinaus spielt aber schon dort vom ersten Tag an die Rehabilitation eine wichtige Rolle. „Wir möchten erreichen, dass unsere Patienten trotz ihrer Handicaps eine möglichst große Selbstständigkeit erlangen. Dafür orientieren wir uns an ihren Ressourcen. Was sie brauchen, ist ja Teilhabe am Leben.“

Teilhabe am Leben, Optimismus – in diesem Gespräch fallen Begriffe, die sich ins christliche Leitbild des Evangelischen Johannesstifts gut einfügen. Eine geriatrische Klinik ist zugleich aber auch ein Ort, an dem allen Beteiligten die Endlichkeit des Lebens besonders deutlich vor Augen geführt wird. „Wir stellen uns früh die Frage, welche Therapie sinnvoll ist, wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass Menschen am Ende ihres Lebens von einer Behandlung in die nächste schlittern“, sagt Warnach. In ethischen Fallbesprechungen des therapeutischen Teams geht es immer wieder um solche Fragen, besonders wenn die Betroffenen nicht mehr selbst entscheiden können und ihr Wille nicht in einer Patientenverfügung niedergelegt ist. Patienten und Angehörige bei diesen schwierigen Entscheidungen und in der letzten Lebensphase auch seelsorgerisch zu begleiten, ist eine wichtige Aufgabe des geriatrischen Teams.

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