Zeitung Heute : Gemeinsamer Preis der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender wird erstmals vergeben

Iris Alanyali

Der Tag der Premiere ist symbolträchtig gewählt: Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, verleihen die großen öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender zum ersten Mal ihren gemeinsamen Deutschen Fernsehpreis, der den Goldenen Löwen von RTL und den Telestar von ARD und ZDF ablöst und der Auszeichnung durch Konzentration der Kräfte ein Ansehen einbringen soll, das ihren Vorgängern bisher versagt geblieben ist. Ihnen haftete trotz des immensen Veranstaltungsrummels immer der Ruf an, lediglich der Selbstbeweihräucherung zu dienen. Man könne den Telestar doch gleich an "Den seriösesten öffentlich-rechtlichen Tierfilm", den Goldenen Löwen an "Das ergreifendste Sat-1-Melodram" verleihen, unkte die Branche.

Jetzt aber soll alles anders werden. Die Unabhängigkeit der Jury und der Kommission, die die Vorauswahl trifft, wurden die Veranstalter bei der Vorstellung der Nominierungen für die 26 Kategorien von "Bester Film" bis "Beste Kostüme" denn auch nicht müde zu betonen. Wichtig sei nur, daß sich alle Zuschauer wiederfinden sollen, meinte Heinz Ungureit, der Vorsitzende der Kommission. Sieben Millionen Zuschauer seien nicht Bedingung, "aber auch kein Makel".

Dass mit dem 30 Zentimeter hohen gläsernen Obelisk, in dessen Lasergravur sich bei günstiger Perspektive eine Weltkugel und ein Fernsehgerät erkennen lassen, Nischenprogramme ausgezeichnet werden sollen, läßt sich tatsächlich nicht vermuten: Abräumer in der Liste ist Roland Suso Richters ARD-Mehrteiler "Die Bubi-Scholz-Story" mit acht Nominierungen, darunter unter anderem für die Regie, den Hauptdarsteller Benno Fürmann, die Kamera und die Musik.

Mehrmals tauchen auch "Der Laden" und "Der letzte Zeuge" auf. Die "Wochenshow" muß als mögliche beste Unterhaltungssendung gegen Stefan Raabs "TV Total" (Pro 7) und Götz Alsmanns "Zimmer frei!" aus dem dritten Programm des WDR antreten, das Wahl-Special der "Sendung mit der Maus" konkurriert gegen PUR um die Auszeichnung als beste Kindersendung.

Weitere der undotierten Preise werden für die Moderation von Informations- und Unterhaltungssendungen verliehen sowie für Einzelprogramme und Drehbücher verschiedener Sparten. Die Jury unter Peter Gerlach, die auf drei Jahre ernannt ist und der unter anderem "Spiegel"-Chef Stefan Aust, Regisseur Nico Hofmann und Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo angehören, entscheidet sich am Tag vor der Verleihung.

Sie hat unbegrenztes Vorschlagsrecht, jeder bundesweit empfangbare produzierende Sender darf pro Kategorie zwei Vorschläge einreichen. Über die letztlich jeweils drei Nominierungen pro Kategorie entscheidet die siebenköpfige Auswahlkommission, darunter unter anderem die Medienjournalisten Klaudia Brunst, Barbara Sichtermann und Lutz Hachmeister sowie der Schauspieler Jan Josef Liefers.

Vor lauter Gerechtigkeitssinn müssen sich Moderatoren aller vier veranstaltenden Sender die Bühne am dritten Oktober teilen: Gabi Bauer vertritt die ARD, Johannes B. Kerner das ZDF, für RTL tritt Jochen Busse auf, Sat 1 schickt Kai Pflaume nach Köln. Dort soll vor über 1000 Zuschauern im neuen Studiokomplex Coloneum die Gala stattfinden, die in den kommenden vier Jahren abwechselnd von den beteiligten Sendern ausgerichtet wird, wobei RTL beginnt.

Mit der Stiftung des Deutschen Fernsehpreises einher gehen sollte auch die Gründung einer Fernsehakademie nach amerikanischem Emmy-Vorbild, die den Nachwuchs fördern, die Interessen der Fernsehindustrie vertreten und den Preis tragen soll.

Allerdings verloren die Mitglieder des Vorstands des Deutschen Fernsehpreises mit ihrem Vorsitzenden Richard Mahkorn erst auf ausdrückliche Anfrage dazu ein Wort und gaben ebenso auffällig nachdrückliche Absichtserklärungen ab, wie sie sich um konkrete Zeitangaben drückten. Die Verwirklichung eines so bedeutenden Projektes, das die Vorstellungen und die Gelder so großer Fernsehsender integrieren muß, sei eben gar nicht so einfach. Es scheint, als würden noch viele Tage der Einheit ergebnislos ins Land ziehen.

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