Zeitung Heute : Gemüse aus dem Lagerturm

Immer mehr Menschen bestellen Waren im Netz. Was tun, wenn man bei Lieferung nicht da ist?

Walter Schmidt

Selbst wenn der Postmann zweimal klingelt, macht oft keiner auf. Alleinstehende sind tagsüber im Büro, bei vielen Paaren arbeiten beide und dann kommt noch Pech hinzu, weil man gerade im Keller ist und das Schellen nicht hört. „Jeder, der schon mal ein Paket bestellt hat, hasst nichts mehr als das“, sagt Thomas Bone vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML). „Vor allem, wenn man am Freitagnachmittag eine Abholkarte für eine Warensendung im Briefkasten findet, die man samstags als Geschenk gebraucht hätte“. Deshalb hat das IML den „Tower24“ erfunden, das „clevere Warendepot für alle, die gerne unabhängig sind“, so die Eigenwerbung der Betreiberfirma.

Der erste funktionsfähige Lagerturm für Waren, die übers Internet bestellt wurden, steht auf dem Gelände des Dortmunder Technologiezentrums und ist seit Donnerstag rund um die Uhr in Betrieb. Vier Meter dick und zehn Meter hoch, fasst der als Erstling noch 750 000 Euro teure Turm 200 Standardbehälter, in denen zwei Kisten Sekt oder Wein Platz haben. Wegweisend an dem System ist, dass auch kühlungsbedürftige Frischwaren zwischengelagert werden können.

Der Turm ragt vier Meter tief in die Erde. Egal, ob der Kunde per Mausklick frische Eier oder Butter, Bücher oder CDs bestellt hat – abholen kann er alles am Tower24, sobald ihn eine E-Mail oder eine SMS-Botschaft auf dem Handy unterrichtet hat, dass die Ware eingetroffen ist. Bezahlen kann der Abholer Ware und Zustellgebühr entweder mit EC-Karte am Turm oder per Rechnung.

Solche Abhol-Systeme liegen im Trend, denn der Online-Handel nimmt rapide zu. Über 32 Milliarden Euro jährlich wurden damit zuletzt EU-weit umgesetzt. Entsprechend schwillt der Zustellverkehr an: Im Jahr 2002 wurden in Deutschland über 1,5 Milliarden Standard- und Expresspakete ausgeliefert. „Die Innenstädte sind jetzt schon verstopft“, sagt Thomas Bone.

Künftig werde der Lieferverkehr deutlich zunehmen, weil gerade der Internethandel die Warensendungen immer kleinteiliger werden lasse. Wegen einer CD legen Lieferwagen Kilometer zurück. Die Kosten für die so genannte „letzte Meile“ zwischen Warenverteiler und Kunde mache über die Hälfte der gesamten Ausgaben fürs Handling der gelieferten Ware aus. Für die Lieferanten bedeute der Lagerturm einen beträchtlichen Vorteil: „Wenn sie von Haus zu Haus fahren, kostet das viel mehr Zeit, als wenn sie hier 30 oder 40 Pakete auf einmal einlagern können“, sagt Anke Jaspers vom IML. Obendrein helfe der Turm zur Entlastung des Straßenverkehrs, sofern er an geschickt ausgewählten Plätzen postiert wird – an Ausfallstraßen, Verkehrsknotenpunkten oder dort, wo viele Menschen arbeiten.

Grundsätzlich wohlwollend steht der Deutsche Städtetag (DST) in Berlin dem Tower24 gegenüber. „Der innerstädtische Zustellverkehr ist umweltschädlich und belastet auch die Bewohner der Innenstädte“, sagt Oliver Mietzsch, Verkehrsreferent beim DST. Durch Projekte wie Tower24 dürfe aber „nicht mehr Verkehr entstehen als vermieden wird“.

Auch der Verkehrsexperte Heiner Monheim, Professor für angewandte Geografie an der Universität Trier, hält große Lagertürme nur dann für sinnvoll, wenn sie in der Nähe von vielen Nutzern aufgebaut würden, wie in Dortmund auf dem Technologiepark, wo 8000 Menschen arbeiten, die sich schon von Berufs wegen viel im Internet tummeln. Ansonsten laute die Maxime für solche Abholsysteme: „So dezentral wie möglich“. Alternativen zum Tower 24 seien kleinere, auch kühlbare Abholcontainer „an der nächsten Straßenecke“, die sich bei Neubaugebieten doch gleich mitplanen ließen.

Das Dortmunder Fraunhofer-Institut sieht sich mit seiner Idee „im Wettbewerb“ mit alternativen Projekten wie den in Frankfurt, Mainz und Dortmund viel versprechend erprobten Packstationen der Deutschen Post, betont Thomas Bone. Doch der Tower24 halte auch Kühlfächer bereit und sei daher für deutlich größere Umschlagmengen ausgelegt. Allerdings seien dort, wo weniger Lagerfächer ausreichten, auch kleinere Modelle des Tower24 denkbar, ergänzt der Entwickler.

„Große Chancen“ sieht Bone für den Turm auch als Ersatzteil-Zwischenlager für Außendienst-Techniker, die ihren Vorrat immer wieder auffüllen könnten. Die ausliefernden Firmen hätten so eine genauere Kontrolle als bisher darüber, welcher Kundendienst-Mitarbeiter sich mit welchen Ersatzteilen frisch eingedeckt hat. Interesse an dem Projekt sei bereits aus Städten wie Paris, London und Los Angeles geäußert worden. Wenn die Dortmunder Testkäufer am Ende der noch ungewissen Probezeit ein positives Urteil fällen, könnte der Lagerturm in Serie gehen.

Mehr im Internet:

www.tower24.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben