Zeitung Heute : Genau lesen

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

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Seit ich lesen kann, lese ich gern und viel, aber manchmal hastig, und dann oft Sachen, die gar nicht da stehen. In Hamburg etwa, wo ich das Lesen lernte, gibt es eine Grünanlage, die in Erinnerung ans Plattdeutsche „Planten un Blomen“ heißt, was Pflanzen und Blumen bedeutet. Ich las Planeten und Bomben, und erschrak darüber sehr.

So was passierte mir oft. Meine kleine Schwester und ich lasen uns gegenseitig die Hanni-und-Nanni- Bücher vor und nahmen das Ganze mit unserem neuen Kassettenrekorder auf. Hanni und Nanni waren Zwillinge, die im Internat Lindenhof lebten, aber als wir an der Stelle waren, las ich Hindelund, und wir mussten wieder von vorne anfangen.

Auch in der Geographie passierte es mir gelegentlich, dass ich mich – ohne weitere Prüfung – damit zufrieden gab, dass etwas wohl so sein würde, wie ich es mir vorstelle. So bin ich vermutlich die einzige Person, die jemals der Überzeugung war, Paderborn liege in Spanien. Weil es so ähnlich klingt wie Benidorm. Aber Schwamm drüber. Ich war ja nun in Berlin und wollte hier nicht alles anders machen, aber vieles besser, haha, unter anderem wollte ich jetzt beim Lesen immer ganz genau hingucken. Damit ich kompetent mitreden kann – und auch etwas dabei lerne.

Das erste Buch, das mir nach diesem Beschluss in die Hände fiel, war „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Der schreibt sonst die Lieder der Band „Element of Crime“, zu deren „Damals hinterm Mond“ ich Foxtrott tanzen lernte. Herr Lehmann ist ein zugezogener Kreuzberger, ambitionsloser Bierzapfer in einer Kneipe an der Wiener Straße, hat lauter Kneipenbekannte und einen besten Freund, und hängt sonst eigentlich nur rum. Die Kneipe, in der Herr Lehmann arbeitet, heißt „Einfall“. Den n hat sich der Autor ausgedacht. Andere Namen sind echt, die Kneipen gibt es wirklich, etwa das „Schlawinchen“ in der Schönleinstraße. Nur mäßig verfremdet wurde die Markthallenkneipe, da arbeitet Katrin, in die Herr Lehmann verliebt ist, als Köchin. Das ist in Wirklichkeit wohl die Markthalle in der Pücklerstraße.

Über sonstige Chiffrierungen unterhielt ich mich unlängst mit einem geborenen, echten, einheimischen, total authentischen West-Berliner. Einem, der sich auskennt. Der behauptete nun, das Einfall sei in Wirklichkeit die „Madonna-Bar“. Ich erkannte klar das „Wiener Blut“. Ich hatte Argumente, er hatte ganz andere Argumente, ich beharrte auf meiner Meinung, er auf seiner. Auch er meint, ein ganz genau Lesender zu sein. So kämpften wir uns von Kneipe zu Kneipe, was das „Savoy“ ist, und ob es das gibt und welcher Imbiss die besten Köfte macht.

Wir zankten bis ins Morgengrauen, dann gab ich verdrossen auf. Das hatte ich nun von der gründlichen Leserei. Von wegen Anerkennung. Widerspruch und Gegenrede. Planeten und Bomben, noch einmal! Ariane Bemmer

Madonna-Bar und Wiener Blut sind in der Wiener Straße in Kreuzberg. Das vielstimmig und zurecht gelobte Buch „Herr Lehmann“ von Sven Regener ist im Eichborn Verlag erschienen und kostet 18,90 Euro. Die Lieder von „Element of Crime“ sind mitunter nicht minder komisch, haben aber nicht so viel mit Kreuzberg zu tun.

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