Zeitung Heute : Genazino danken

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich war in einer anderen Stadt, in Leipzig. Dort haben sie ein modernes Kunstmuseum, welches ich als hässlich empfand, äußerlich jedenfalls, aber das mag am hässlichen Wetter gelegen haben. Innen, wo kein Wetter herrschte, sondern Stille, gefiel es mir besser, besonders die hohen Türen. Auch die Bilder hatten sehr viel Platz.

Beeindruckend auch das Museumscafé. In einer Ecke stand ein Michelangelo-David, ebenso groß wie der in Florenz, über ihn hätte noch mindestens ein weiterer in den Raum gepasst. Nicht weit von ihm und von mir entfernt saß Wilhelm Genazino, der Schriftsteller. An einem weiteren Tisch saßen ein hässlicher doch stiller Hund und sein Herr. Der Herr erhob sich und führte den Hund an der Leine zum Tisch des Schriftstellers. Diesen bat er freundlich, kurz den Hund beziehungsweise die Leine festzuhalten, er müsse eben auf die Toilette und könne das Tier auf keinen Fall dorthin mitnehmen. Der Schriftsteller G. wirkte sehr überrascht, man könnte sagen überrumpelt, auf keinen Fall machte er den Eindruck eines flexiblen Tierfreundes. Nach einigen Sätzen der Art „Der ist wirklich ganz lieb“ verschwand der Herr durch eine der hohen Türen, und der Schriftsteller G. hielt die Leine in der Hand. Der hässliche doch ruhige Hund würdigte seinen Aufpfasser keines Blickes, legte sich stumm vor dessen Füße, und man fragte sich, warum er, der Hund, nicht einfach am Stuhl seines Herrn warten sollte. Möglicherweise hatte das alles gar nichts mit ihm, dem Hund, zu tun, der Herr wollte nur in Kontakt mit dem Schriftsteller treten. Das wäre verständlich, da es sich tatsächlich um einen ganz wunderbaren Schriftsteller handelt, man aber nie weiß, wie solche Schriftsteller auf Komplimente reagieren.

Der Herr kehrte nach ein paar Minuten zurück, bedankte sich herzlich, und meinte mit dem Dank womöglich ebenso das schriftstellerische Werk des Schriftstellers wie seine Wachtätigkeit.

Wilhelm Genazino, Mittelmäßiges Heimweh, 192 Seiten, 17,90 Euro.

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