Zeitung Heute : General der Grashalme Sein Schlachtfeld: der Rasen im Olympiastadion

André Görke

Zwei Schritte durch das Marathontor, dann ist der Blick frei ins Olympiastadion. Rainer Ernst ist diesen Weg oft gelaufen, fast täglich, doch an diesem Abend bringt ihn der Anblick zum Quieken: „Aiih! Tolles Foto!“. Er holt die Kamera aus seiner Tasche. Klick, klick, klick.

Rainer Ernst ist 51 Jahre alt, Landschaftsarchitekt und der Rasenchef des Berliner Olympiastadions. In zwei Jahren soll auf diesem Gras das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden. Vielleicht der wichtigste Ort für Deutschland bei der WM 2006. In dieser Woche trifft sich deshalb das WM-Organisationskomitee, um die Projektgruppe „Rasen 2006“ zu gründen. Ernst soll an der Spitze der Vereinigung stehen, er ist der Branchenkenner in Deutschland, der Rasenflüsterer. Ernst kümmert sich um die WM-Städte München, Nürnberg, Dortmund und Hannover. Doch sein Prestigeobjekt, der Rasen in Berlin, sieht aus wie der Haarschnitt von einem, der eben aus dem Bett kriecht.

Rainer Ernst hat wohl so was geahnt, als er am Freitagabend den Rasen fotografiert hat. In den Stunden danach sind Lastwagen darüber gefahren, Footballer darüber getrampelt. Das Olympiastadion ist am Wochenende eröffnet worden, nach vier Jahren Bauzeit. Feuerwerk brannte an der Außenlinie, ein tonnenschweres Gerüst stand am Mittelkreis. Am Sonntag wollten dann auch noch die Fußballer von Hertha BSC ihr Stadion einweihen und haben gleich zwei Spiele ausgetragen.

„Das wird ’ne harte Woche“, sagt Ernst. Am Freitag beginnt die Bundesliga, am Sonnabend spielt Hertha gegen Bochum, bis dahin muss Ernst den Rasen wieder fit bekommen. Am Sonnabend brach Hektik aus, da stand Rainer Ernst zwei Stunden nach Mitternacht im Stadion und wollte das Gras bewässern lassen. Nur – irgendein Techniker muss während des Bühnenaufbaus die Stromleitungen durcheinander gebracht haben. Jedenfalls blieben die 22 im Rasen versteckten Sprühköpfe im Boden versunken. „Das fängt ja gut an“, maulte Ernst.

Das sind nicht die Sorgen eines Kleingärtners. So ein Fußballplatz im Stadion, das ist allerhöchste Rasenkunde. 28 Millimeter darf der Rasen hoch sein, so mögen ihn die Fußballer. Alle drei Tage wird er geschnitten, gegen den Strich und umgekehrt. Das mögen die Zuschauer, weil der Rasen dann so aussieht wie ein Schachbrett. Ach, und vor allem soll er gesund und schön aussehen, bläulich schimmern wie die Wiesenrispe, so heißt der Rasen in Berlin. Nur leider haben Fußballstadien Tribünen, die kaum Sonne und Wind durchlassen.

Wenn nun Ernst an diesem Montagmorgen seine Kollegen ins Stadion schickt, wird der Rasen geliftet. Erst einmal drei Stunden gemäht, dann aufgebürstet. Die Fahrzeuge sehen aus wie große Schneeräummaschinen. Sie sollen die Halme wieder aufrichten. Die Wiesenrispe ist ein festes Gras, die Wurzeln haben sich tief in die Erde gegraben. Weil der Rasen eine Stunde gesprengt wird, mit 20 Litern pro Quadratmeter, sickert das Wasser hinab und nimmt die Nährstoffe gleich mit. Die Pflanzen müssen sich strecken und bleiben tief verankert im Boden. Bei einer Grätsche kann da nicht viel passieren, aber bei Feuerwerk, Show und Lastwagen? Ernst will sich am Montag den Rasen anschauen. Wenn er nicht geliftet werden kann, lässt er die kaputten Stellen ausstechen. Hinter dem Stadion liegt neuer Rasen.

Am Sonntag, Hertha BSC spielt gegen Besiktas Istanbul, sieht das Gras ziemlich erbärmlich aus. Im Mittelkreis ist es nicht mehr grün, sondern gelb. Der Ball hoppelt übers Feld. Eine Herausforderung für den Rasenflüsterer.

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