Generationen-Krieg? : Die jungen Greise

Der deutsche Rentner, ein Raffke? Gerade mal um 13 Euro wurden die Renten jetzt durchschnittlich erhöht - und schon wird vor einem Krieg der Generationen gewarnt. Ein Kommentar von Peter von Becker

Peter Becker

Die Deutschen sind offenbar übergeschnappt! Den Eindruck könnte ein Außenstehender gewinnen, der in diesem sonst eher friedensbewegten Land plötzlich einem „Krieg der Generationen“ begegnet. Wie das? Die Bundesregierung hat es gewagt, dem deutschen Durchschnittsrentner die Altersversorgung um monatlich 13 Euro zu erhöhen. Vor Steuern. Bei den meisten, vor allem den Frauen, ist es netto noch weniger.

Trotzdem tönen aufgeregte Jungpolitiker jeder Couleur, die krassen Alten würden nun auf Kosten der heute Zwanzigjährigen die große Sause machen. Wegen der zunehmenden Lebenserwartung drohe schon eine „Republik der Rentner“ – und selbst der Staatspensionist und Ex-Bundespräsident Roman Herzog ist von der Sorge gepeinigt, „dass am Ende die Älteren die Jüngeren ausplündern“. Wortwörtlich: ausplündern. Sagt einer der bisher besonnensten Köpfe im Land.

Man möchte nun eigentlich sofort aufhören mit der Feder- und Centfuchserei. Und mal die Gegenkeule schwingen. Aber wenn’s ums Zahlen geht, geht’s eben auch um Zahlen: Also, beschlossen wurde für 2008 eine außerplanmäßige Rentenerhöhung von vorgesehenen 0,46 auf 1, 1 Prozent. Nach nur 0,54 Prozent Anhebung in den gesamten letzten vier Jahren – und dies angesichts der bekannten Steigerung der Lebenshaltungskosten. Von den aktuellen Lohnerhöhungen ganz zu schweigen. Der deutsche Rentner, ein Raffke?

Natürlich gibt es sie: die dauergebräunten Alten, in deren Reich die Sonne nie untergeht. Man sieht sie auf allen Flughäfen einchecken, immer, wenn es auf die Kanaren geht oder nach Florida, Antalya, Ägypten oder Domrep. Doch neben ihnen sind es Millionen, die nach vierzig und mehr Jahren Arbeit von weit weniger als tausend Euro im Monat leben. Und höchstens Laubenpieper sind.

Unter den Älteren gilt es à la Herzog als modisch korrekt, für die Jungen erst mal Mitgefühl zu zeigen. Wie für eine bedrohte Minderheit. Weil es ja Jugendarbeitslosigkeit und Jugendarmut gibt. Und weil der demografischen Entwicklung wegen immer weniger Junge für immer mehr Alte die Rentenkassen nachfüllen müssen. Dennoch könnten die, die nämlich nicht selber schuld sind an ihrem Immerälterwerden, auch anders. Sie könnten die Gegenrechnung aufmachen: dass sie es sind, die den Wohlstand (der Mehrheit) erarbeitet haben; dass sie ihren Kindern das Leben geschenkt, die Ausbildung bezahlt und oftmals Vermögen als Erbe und künftige Sicherung erwirtschaftet haben. Während Yuppies und Singles, die sich vor lauter Selbstverwirklichung keine Kinder mehr leisten, lamentieren, wer einmal ihre Renten bezahlt.

Überhaupt, die Jungen und ihre politischen Lobbyisten: Forever young, aber für immer bang? Wer mit 27 bereits so altersklassenkämpferisch an seine Rente denkt, ist im Geiste eher schon 72. Mindestens. Weh- und Anklagen wirken darum nur: peinlich. Wer jedoch Demografie und Alterssicherung ernstlich zusammendenkt, kann viel Sinnvolles fordern. Von der Lebensarbeitszeit über 65 hinaus und einer forcierten Familien- und Einwanderungspolitik bis hin zu Rentenbeiträgen von Selbstständigen (wie in der Schweiz). Vor allem aber geht es um das Selbstverständnis einer Gesellschaft, in der die Alten immer jünger und die Jungen oft älter wirken. Und es häufig sind. Statt für Jugendwahn oder Altersangst wäre nun die Zeit für einen neuen, vorausschauenden Pakt der Generationen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben