GENERATIONENPORTRÄT„Ginger & Rosa“ : Im Schatten der Bombe

Foto: Concorde
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Der Tag, an dem Ginger und Rosa geboren werden, ist der Tag, an dem die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wird. Der Schatten der atomaren Bedrohung hat die beiden Mädchen ein Leben lang begleitet. Die latente Angst vor einem neuen, alles vernichtenden Krieg rückt im Jahr 1962 in greifbare Nähe, als sowjetische Schiffe mit Atomraketen beladen Kurs auf Kuba nehmen. Gerade einmal 17 sind Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert) da – ein Alter, in dem man seine Lebensträume zu entwickeln und nach der Welt zu greifen beginnt.

Die beiden Freundinnen sind unzertrennlich, seit ihre Mütter zusammen auf der Wöchnerinnenstation lagen, aber das Jahr 1962 wird für die Freundschaft zur Bewährungsprobe. Während sich Ginger der aufkommenden Bewegung gegen die nukleare Aufrüstung anschließt und mit der Kubakrise den Weltuntergang herannahen sieht, verliebt sich Rosa ausgerechnet in Gingers Vater Roland (Alessandro Nivola). Der Schriftsteller und Literaturdozent pflegt einen existenzialistisch-hedonistischen Lebensstil, unter dem vor allem seine Frau Natalie (Christina Hendricks) zu leiden hat. „Du bist eine geborene Radikale“, sagt er zu Ginger, die nicht so recht weiß, was sie mit dem Kompliment anfangen soll. Für sie fällt die Welt auseinander, als sich die Kubakrise zuspitzt und der Vater eine Liebesbeziehung mit ihrer besten Freundin anfängt.

In „Ginger & Rosa“ verschränkt die britische Regisseurin Sally Potter („Orlando“) eine intime Geschichte über eine Mädchenfreundschaft mit den weltpolitischen Ereignissen des Kalten Krieges. Daraus entsteht ein hochsensibles Lebensgefühlsporträt der frühen sechziger Jahre. Aus der Sicht der pubertierenden Ginger wird hier die Stimmung jener Zeit erkundet, die einerseits durch die Möglichkeit eines Nuklearkrieges im Fatalismus zu versinken droht, in der sich aber andererseits der Befreiungsschlag der wilden Sechziger schon ankündigt.

Der realistisch gehaltene visuelle Stil lässt das Zeitkolorit ganz gegenwärtig erscheinen, und die elegant geführte Handkamera unterstützt den subjektiven Blick auf die Historie. „Wir sind Teil von allem, und alles ist ein Teil von uns“, sagt die Regisseurin. Das schlichte Credo ist hier gleichzeitig ein Bekenntnis zur Komplexität. Mit „Ginger & Rosa“ ist es Potter gelungen, das diffizile Wechselverhältnis zwischen Privatem und Politischem vollkommen organisch in den Fluss des Lebens einzubetten. Virtuos. Martin Schwickert

GB/DK/CDN/HR 2012, 90 Min., R: Sally Potter, D: Alice Englert, Elle Fanning, Alessandro Nivola

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