Zeitung Heute : Geniale Aufschneider in Genf

Was Tüftler aus Thüringen auf der Erfindermesse zeigen

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Wer je ein Baguette der Länge nach aufgeschnitten hat, weiß: Das Messer zieht eine wellenförmige Spur, auf dem Laib bleiben Druckstellen der Finger zurück, und wer nicht aufpasst, hat sich schnell die Hand aufgeschlitzt. Und dann die Krümel. „Selbst die Franzosen kriegen das Baguette-Problem nicht in den Griff“, sagt Volkmar Hegner aus Tanna in Thüringen.

Hegner, ein kräftiger Mann mit fliehender Stirn, blauem Zweiteiler und einem goldenen Ring im linken Ohr zeigt auf einen verchromten Apparat, der aussieht wie eine Mischung aus Wurstschneidemaschine und Schraubstock. „Das ist die Lösung: Die Baguette-Aufschneide-Maschine“, sagt er, legt ein Brot in die Öffnung und drückt auf den grünen Knopf. Es surrt leise. Nach ein paar Sekunden erscheinen zwei Baguettehälften, sauber und gerade geschnitten sind sie, keine Beulen, keine Krümel.

Hegner präsentiert seine Maschine auf der Genfer Erfindermesse – der wichtigsten internationalen Schau für Innovationen. Neben dem Deutschen kamen fast 700 andere Tüftler, Bastler und professionelle Erfinder aus der ganzen Welt. Im Gepäck hatten sie 1000 Neuheiten: vom koreanischen Schönheitsmassagestab („auch für Facelifting geeignet“) über den feuerfesten mobilen Aschenbecher aus Frankreich („vornehmlich im Freien zu verwenden“) bis hin zur „schwenkbaren Kleingarage“ von Lutz Rudolph aus Gotha. „Für die Garage ist keine Baugenehmigung gemäß Thüringer Bauordnung erforderlich. Und beim Umzug kann man sie einfach mitnehmen“, preist Rudolph seine Erfindung, die dem Deckel einer Butterdose gleicht. Da die „Kunststoffhaubenkonstruktion“ in Originalmaßen etwas zu sperrig war, hat Lutz nur ein Kleinmodell nach Genf geschickt.

Die Schachtel konkurriert mit den Innovationen von zwei Dutzend anderen Deutschen, die meist aus technischen Berufen kommen: Sie alle träumen davon, einmal in einem Atemzug mit den großen Erfindern ihres Heimatlandes genannt zu werden: Gutenberg, Daimler, Benz, Zeiss. Oder wenigstens in Fachkreisen als Genie zu gelten, so wie Konrad Zuse, der weithin unbekannte Erfinder des Computers.

Deutschland ist immer noch das Land der Tüftler. Beim Europäischen Patentamt in München rangierte die Bundesrepublik im Jahr 2002 mit 21000 Anmeldungen auf dem ersten Platz unter den Nationen des Kontinents. Im Weltmaßstab reichen nur die Amerikaner mehr Anträge auf Schutz ihrer Ideen ein. In Genf teilen sich die bundesrepublikanischen Pioniere eine Fläche von der Größe eines halben Fußballfelds. Schwarz-rot-goldene Fähnchen sind zu sehen, und viel ostdeutscher Akzent ist zu hören: Rund die Hälfte der Konstrukteure sind aus den neuen Bundesländern hierher gereist.

„Wir mussten in der DDR improvisieren“, sagt Hegner, der Baguette-Aufschneider. „Deshalb sind wir kreativ und erfinderisch.“ Und selbstbewusst. Zum Beispiel Michael Dähn aus Leipzig: Er ist sicher, dass sein Graffitischutz besser ist als der des Industrieriesen Degussa. „Wir haben zwei Jahre unser Produkt entwickelt, unser Mittel ist nicht zu schlagen“, sagt Dähn mit einem leichten Leipziger Zungenschlag. Dann reibt er seine Paste auf eine graffitiverschmierte Wand, lässt sie einziehen und spült mit Wasser nach. Tatsächlich: Die bizarren Muster sind verschwunden. Dähn lächelt stolz und schaut sich um: Wo ist ein Firmenvertreter, mit dem er ins Geschäft kommen kann? In Genf treffen sich auch Techniker und Manager großer Unternehmen. Manchmal finden fanatische Hobbybastler einfachere und billigere Lösungen als hoch bezahlte Profis in den Labors.

Bei Volkmar Hegner, dem Baguette-Aufschneider, fragte schon ein Manager des Haushaltswarenherstellers Electrolux an. „Wir erfinden die Sachen ja nicht zum Spaß“, sagt Hegner. Die Kosten müssen schließlich wieder reinkommen. Vier Tage Messe in Genf kosten schnell ein paar tausend Euro. Ein Patent ist auch nicht billig zu haben.

Doch mindestens neun von zehn Erfindungen landen im Mülleimer. Wer hat schon auf die Brötchenschneidemaschine gewartet? Dieter Bickel aus Jena ist eine Ausnahme. Zweimal, 2000 und 2002, gewann er die Genfer Goldmedaille für die beste Erfindung im Bereich Hausbau. Jetzt verkauft er sein Konzept von „energieminimiertem Bauen und gesundem Wohnen“ bis nach China.

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