GENIALE DILETTANTENEinstürzende Neubauten : Am Anfang war der Lärm

Jörg W er

Das unsinkbare Schlachtschiff der deutschen Avantgarde-Popkultur geht mal wieder im Heimathafen vor Anker: Die Einstürzenden Neubauten haben das Kunststück fertiggebracht, ihren ab 1980 in zugespackten Westberliner Hinterhöfen ausgebrüteten Höllenlärm durch subtile Transformationsprozesse zum offiziell anerkannten und mit Ehrungen überhäuften Kulturgut zu erheben. Dass die verhaltensgestörten Schmuddelkinder von Punk, Neuer Deutscher Dilettanten-Welle und Industrial es einmal so weit bringen würden, war in den frühen Tagen natürlich nicht abzusehen.

Damals besaßen die Neubauten bei Konzerten eine verstörend destruktive Energie, die sich vor allem in der beunruhigend brutalen Metall-Percussion von NU Unruh und Blixa Bargelds Gänsehaut-Geschrei manifestierte. Im Studio ließ sich der Wahnsinn nur selten adäquat einfangen: Ihr wichtigstes Album blieb „1/2 Mensch“, auf dem Blixa und Konsorten 1985 den Furor der Frühphase in apokalyptischen Noiserock-Hits wie „Yü-Gung“ oder „Seele brennt“ bündeln konnten, die noch heute zentrale Bestandteile ihrer Live-Performances sind. Obwohl spätere Platten einen Hang zur staatsmännischen Pauschal-Radikalität zeigten, blitzt die archaische Lust am Zertrümmern immer wieder durch.

So bleiben die Einstürzenden Neubauten auch in ihrem dritten Jahrzehnt eine wichtige Band. Und eine, die auf einfallsreiche Weise die Verkaufseinbrüche des Tonträgermarkts umschifft: Ein Netzwerk von „Supportern“ unterstützt die an kein Plattenlabel gebundene Band finanziell und wird im Gegenzug regelmäßig mit exklusivem Musikmaterial beliefert. Clever.Jörg Wunder

Columbiahalle, Sa 24.5., 20 Uhr, 28 € BG172

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