Zeitung Heute : Genießen Klone Persönlichkeitsschutz?

Bruno Preisendörfer

Am Anfang der christlich-abendländischen Kultur stand die "unbefleckte Empfängnis" - es fehlt nicht mehr viel, bis diese auch an ihrem Ende steht, und zwar ohne Anführungszeichen. Sollte es zur Klonierung menschlicher Wesen kommen, müsste unsere Kultur im Zuge der samenlosen Fortpflanzung ein neues Bild des Menschen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit entwerfen. Zwar ist für viele der Menschenklon eine abwegige Vorstellung, die auf Kinoleinwände, jedoch nicht in ernsthafte bio-ethische Diskurse gehört. Aber wie sehr man sich mit einer solchen Abwehrhaltung täuschen kann, demonstriert der Skandal um die Patentierung eines hybriden Wesens, eines Mischgeschöpfes aus Tier und Tier oder Tier und Mensch.

Für den Neurophysiologen und Bioethiker Detlef Linke sind Klone Testbeispiele, um die Zukunftsfähigkeit unserer Vorstellungen von Freiheits- und Menschenrechten zu überprüfen. Genießen Klone Persönlichkeitsschutz? Wenn nicht, warum räumt man diesen Schutz Zwillingen ein, die genetisch gesehen ebenfalls Klone sind? Hat ein "natürlich" gezeugter und auf die Welt gebrachter "Klon" einen höheren Lebenswert als ein "künstlich" hergestellter? Wenn die Grenze der moralischen Wert-Schätzung durch "Natürlichkeit" versus "Künstlichkeit" gezogen wird, warum haben dann Embryonen, die nach einer In-Vitro-Fertilisation aus den "implantierten" Eiern hervorgegangen sind, die gleichen Rechte wie "normal" im Mutterleib herangereifte? Derlei Beispielfragen machen deutlich, dass unser von der Aufklärung ererbter Glaube an die Verbindung zwischen Freiheit und Fortschritt zerbrochen ist. Unsere Diskurse über Recht und Moral auf der einen und technologische Machbarkeit auf der anderen Seite haben sich bereits entkoppelt. Man spricht linker Hand von Rechten, wendet sie rechter Hand in der Praxis von Wirtschaft und Forschung aber nicht mehr an. "Sind wir dabei", fragt Linke, "in der Differenz zwischen Recht und Praxis eine Form der Entzügelung auszuprobieren?"

Linke ist aber kein Pamphletist. Er entwickelt seine Themen ruhig und diffizil, manchmal schießt ein bisschen theologische Rabulistik ein. Ob er die vom Gehirn produzierte Verwandlung von Signalen zu Informationen als energetischen Vorgang schildert, der eben nicht computer-analog abläuft, oder ob er über das Neue als eine Voraussetzung philosophiert, das Alte zu verarbeiten - immer kommt es ihm darauf an, uns mit dem zu konfrontieren, was man Irritations-Kompetenz nennen könnte. Linke gehört zu den nicht eben häufigen Fachleuten, die nicht nur unser Wissen erweitern, sondern auch unsere Fähigkeit zu einem Sich-Wundern schulen, das über das im sogenannten "populären Sachbuch" gepflegte Kinderstaunen hinausgeht. Im Trainieren dieser Fähigkeit liegt die einzige Chance, den Rundenvorsprung, den die wissenschaftliche Entwicklung inzwischen vor der moralischen hat, wieder einzuholen. Viele ethischen Probleme werden viel zu spät überhaupt als solche erkannt. Und so setzt die normative Kraft des Faktischen die Werte, die dann von zu spät kommenden ethischen Diskussionen nur noch umhechelt und letztlich von gesetzgeberischen Verfahren bekräftigt werden.

Im gesamten Bereich der Hirnforschung, der Transplantationschirurgie, der Genetik und überhaupt der Biotechnologien hat das Machbare über kurz oder lang sich stets die moralische und auch gesetzliche Rechtfertigung erzwungen. Linke kommentiert diesen offenbar nicht aufzuhaltenden Prozess in sarkastisch-resignativem Ton: "Die Kritik an der Biomedizin ist ein geeignetes Mittel, den Menschen an das Neue zu gewöhnen." Zwischen dieser Verkümmerung der Kritik zur Eingewöhnung in das Kritisierte und einer naiv prinzipiellen Graswurzelfeindschaft gegen neue Körpertechnologien überhaupt gibt es aber vielleicht doch die Chance, eine Kultur der Unterscheidung zwischen dem Mach- und dem Wünschbaren zu entwickeln. Essaysammlungen wie diese sind dazu ein Beitrag.

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