Zeitung Heute : Genosse ohne Bosse

Warum sich das Verhältnis zwischen Kanzler Schröder und den Wirtschaftschefs abgekühlt hat

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Von Antje Sirleschtov

Der Kanzler hat sich entschieden. In den verbleibenden Tagen bis zur Bundestagswahl will Gerhard Schröder ein klares Signal an die Wähler aussenden: Die SPD steht steht auf der Seite der Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber hat Schröder zur „fünften Kolonne der Union“ erklärt, wirft ihnen vor, kleine Leute auszubeuten, Millionenabfindungen zu kassieren und sich nicht um die Schaffung von Ausbildungsplätzen für die Jugend zu scheren. Kurzum, der Kanzler bekennt sich eindeutig zum traditionellen Klientel der Sozialdemokratie.

Ist damit die Zeit des „Genossen der Bosse“, wie Schröder einst genannt wurde, vorbei? In der Tat genießt Schröder seit Jahren die Wertschätzung der Unternehmer. Viele Industrieverbände standen Ende der Neunzigerjahre hinter ihm, als er ins Kanzleramt einzog. Nicht nur wegen des gesellschaftlichen Stillstandes, der nach beinahe zwei Jahrzehnten Kohl-Regierung auch in den Führungsetagen der Konzerne und bei den Mittelständlern beklagt wurde. Schröder galt als beinahe einziger Sozialdemokrat, der sich im Kreis der Industriellen sicher und überzeugend bewegte. Dass sich sein erster Finanzminister, Oskar Lafontaine, gleich nach der Machtübernahme aus der Regierung verabschiedete, ließ den Kanzler im Ansehen sogar noch wachsen. Die Anleger an der Börse begrüßten den Rücktritt einst mit einem Kursfeuerwerk.

Zum Sinnbild Schröderscher Wirtschaftspolitik wurden dann Werner Müller, ein Mann der Wirtschaft, und Hans Eichel, der nicht nur als sparsamer Kassenwart galt sondern dem die Unternehmen auch eine Steuerreform zu verdanken haben, die heute noch begrüßt wird. Fragt man unter Wirtschaftslobbyisten nach Pluspunkten für Schröder, wird nicht nur sein Einfluss in Brüssel auf die Gruppenfreistellungsverordnung, die die deutsche Autoindustrie vor allzu viel Wettbewerb schützen sollte, genannt. Auch Schröders Vermittlung beim Atomausstieg gehört auf die Habenseite: Schließlich garantiert der Abschluss den Energiekonzernen den störungsfreien Betrieb für viele Jahre und nahm die Atomindustrie aus den Negativ-Schlagzeilen.

Erst Ende 2000, Anfang 2001, begann die Zeit der Spannungen. Zum einen folgte BDI-Chef Hans-Olaf Henkel, der sich wie Schröder medienwirksam in Szene setzen konnte, der nüchterne Schwabe Michael Rogowski. Aber auch Schröders Betriebsverfassungsgesetz und Teilzeitinitiativen passten den Bossen nicht. Dass es zwischen den Unternehmern und Schröder richtig eisig wird, glaubt indes beim BDI auch jetzt niemand. Zwar wies man die herben Worte des Kanzlers zurück. Doch hieß es versöhnlich: „Na ja, es ist eben Wahlkampf.“

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