Zeitung Heute : Genozid in Ruanda: Ein Kloster vor Gericht

Thomas Roser

Merkwürdig klein wirken die zwei Frauen mit den braunen Ordenshauben hinter den getönten Scheiben des mächtigen Panzerglaskasten. Mit angespannter Miene verfolgen die beiden Nonnen auf der Anklagebank die Zeugenverhöre. An die Rolle, die die damalige Klosterchefin Schwester Gertrude und die mitangeklagte Schwester Kisito während der Massaker in ihrer ruandischen Heimat Butare spielte, kann sich die Frau hinter dem Zeugentisch noch gut erinnern. In Begleitung des Anführers der Hutu-Milizen hätten die beiden Nonnen am 22. April 1994 Kanister mit Benzin zum Gesundheitszentrum des Klosters geschleppt, berichtet mit stockender Stimme Domitilla Mukambanza. Die Soldaten steckten damit das Gebäude in Brand, in dem Hunderte Tutsi-Flüchtlinge Zuflucht gesucht hatten. In dem Feuerinferno verlor die 47-Jährige ihren Mann und zwei ihrer Kinder: "Alle, die durch die Tür entkommen wollten, wurden draußen mit der Machete niedergemacht."

Seit drei Wochen müssen sich neben einem Unternehmer und einem Professor auch zwei katholische Nonnen aus der Universitätsstadt Butare in Brüssel vor einem belgischen Geschworenengericht wegen Beihilfe zum Völkermord verantworten. Sieben Jahre liegen die Massaker in Ruanda zurück, die eine ganze Nation traumatisiert hatten. Auf bis zu einer Million wird die Zahl der Menschen geschätzt, die dort 1994 bei dem Genozid fanatisierter Hutu-Milizen an der Tutsi-Minderheit ums Leben kamen.

"Ich bin ein Kind von Gott"

Die meisten Prozessbeobachter auf den fast vollständig besetzten Zuschauerrängen waren damals genauso wie die Angeklagten vor den Gewaltexzessen in das frühere Mutterland Belgien geflüchtet. Angehörige von Opfern und Menschenrechtsgruppen spürten diese später im Exil wieder auf. Schwester Gertrude machte im wallonischen Kloster Maredet indes mit einer Unterlassungs-Klage gegen einen Journalisten der linksradikalen Zeitschrift "Solidair" selbst die Staatsanwaltschaft auf sich aufmerksam: Der hatte ihr in einem Artikel erstmals die Beteiligung am Völkermord in Ruanda vorgeworfen.

Die Vorwürfe gegen die beiden Ordensschwestern sind sehr schwer. Resolut soll Gertrude hunderte von Tutsi-Flüchtlingen aus den schützenden Klostermauern in die Hände der Hutu-Militärs getrieben haben. Auch Schwester Kisito soll enge Kontakte zu den Milizen unterhalten haben, bei denen einer ihrer Brüder kämpfte. Als sie aus ihrem Dorf zum Kloster geflüchtet sei, habe Kisito im Auftrag von Gertrude die Namen aller Flüchtlingsfamilien auf einer Liste notiert, berichtet Mukambanza: "Später sahen wir diese Listen in den Händen der Mörder."

Mit leiser Flüsterstimme weist Ordensfrau Gertrude die gegen sie erhobenen Anklagen zurück. Vollkommen machtlos sei sie gewesen, von den Hutu-Milizen selbst mit dem Tod bedroht worden. Genauso wie "alle anderen" habe sie während der Massaker "gelitten", diese niemals gewollt: "Ich bin kein Rassist, ich bin ein Kind von Gott." Auch die stämmige Kisito bezeichnet die Vorwürfe gegen sie als "Erfindung": "Ich habe während der Massaker nie einen Fuß außerhalb des Klosters gesetzt."

Eine andere Erinnerung hat indes ihre ehemalige Mitschwester Marie-Bernard: "Kisito wusste als einzige einen sicheren Weg durch den Kugelhagel zu finden. Nach den Massakern ging sie mit den Hutu-Polizisten durch das Kloster, um zu kontrollieren, ob sich dort noch Tutsi versteckt hatten." Auch ihre ehemalige Vorgesetzte belastet sie schwer. Am 6. Mai 1994 sei Gertrude in die Kapelle gekommen und habe die Tutsi-Schwestern angeschrien, dass sie deren Familien "im Namen Gottes des Allmächtigen" notfalls mit Gewalt aus dem Kloster entfernen ließe, falls sie nicht selbst dafür sorgen würden: "Alle Schwestern können das bezeugen - außer sie lügen."

Eindringlich haben Ruanda-Kenner und Menschenrechtsaktivisten zu Prozessbeginn die Geschworenen zu einem vorsichtigen Umgang mit den Aussagen der Zeugen ermahnt, die möglicherweise "manipuliert" oder von Rachegefühlen motiviert sein könnten. Tatsächlich weichen einige Zeugenaussagen auffallend von früheren Verhören ab. Untersuchungsrichter Damien Vandermeersch ist sich indes seiner Sache sicher: "Wir haben 300 Zeugen gefunden, die oft unter Gefahr ihres eigenen Lebens ihre Aussage machten. Ihre Berichte sind so detailliert, dass sie kaum gelogen sein können."

Vertuschungsversuche

Die Verteidiger mühen sich, mit Gegenzeugen die Glaubwürdigkeit der Anklagen in Zweifel zu ziehen. Doch nicht nur widersprüchliche Aussagen und die fremde Materie erschweren den Laienrichtern auf den Geschworenensesseln die Wahrheitssuche: Auch katholischen Kreisen ist an der Verurteilung der beiden Schwestern offenbar kaum gelegen. Berichten der belgischen Presse zufolge waren es nicht nur interessierte Personen des Könighauses, sondern auch die bis 1999 regierenden Christdemokraten, die die Prozesseröffnung immer wieder verzögerten. Nach Angaben von Vandermeersch wurden Zeugen und Mitschwestern zudem von belgischen Benektinerpatern erheblich unter Druck gesetzt, auf ihre Aussagen zu verzichten: Einigen sei mit dem Ausschluss aus dem Orden gedroht worden. "Ein ganzes Kloster steht vor Gericht", kommentiert die Tageszeitung "De Morgen" die "Vertuschungsoperation" der Benediktiner.

Weinend erzählt Zeugin Mukambanza, wie sie den Horror im Sovu-Kloster überlebte. In einer Reihe von ungefähr 30 Tutsi-Flüchtlingen habe sie mit ihrem jüngsten Kind auf dem Rücken im Klostergarten auf ihre Ermordung warten müssen: "Ein Soldat schlug mir auf den Kopf, mein dreijähriges Kind wurde mit einer Lanze durchbohrt, die bis in meinen Rücken drang." Es sei nicht seine Aufgabe, darüber zu entscheiden, was in dem Prozess wahr sei oder nicht, hat Untersuchungsrichter Vandermeersch gesagt, der als Zeuge auftrat: "Eines steht aber fest: Es gab in Ruanda Tote, viele Tote - und es war kein Erdbeben."

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