Zeitung Heute : Gentechnik: In drei Teufels Namen

Malte Lehming

Randolfe Wicker arbeitet in einem kleinen Lampengeschäft in New York City. Regelrecht berühmt jedoch wurde der 63-Jährige durch seine Nebentätigkeit. Wicker ist Gründer, Direktor und Sprecher der "Human Cloning Foundation". Diese Organisation sagt Ja zum Klonen von Menschen. Besser gesagt: Sie brüllt ihr Ja in alle Himmelsrichtungen. Auf den gelben und grünen Stickern, die die Klon-Fans verteilen, steht: "Cloning - Reproduction without Compromise". Im Internet treten sie, gut organisiert, gleich mit drei Adressen und vielen Links auf (reproductivecloning.net, clonerights.com, humancloning.net). "Wenn ich es nicht mehr schaffe, mich vor meinem Tod klonen zu lassen", sagt Wicker, "dann werde ich das eben in meinem Testament verfügen." Allerdings hat er noch keinen Anwalt gefunden, der ihm bei der entsprechenden Formulierung hilft.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Am Dienstag war Wicker nach Washington gereist, zur honorigen Akademie der Wissenschaften, die 1863 gegründet wurde und insgesamt mehr als 4000 Mitglieder hat. In ihrem Hauptsitz, schräg gegenüber vom US-Außenministerium, versammelt sich regelmäßig die geistige Elite Amerikas. Diesmal traf sich hier die Klon-Elite der ganzen Welt. Aus Australien, Schottland und Hawaii waren sie angereist. So viele Klon-Experten kamen noch nie zu einer Tagung zusammen. Sie sollten gegenüber den Mitgliedern der Akademie die Frage beantworten, ob die Klon-Technik sicher genug ist, um sie auf Menschen zu übertragen. Nicht die Ethik des Klonens wurde diskutiert, sondern der Stand der Forschung.

Wicker saß im Auditorium auf einem der etwa 500 roten Kino-Klappstühle und hörte zu. In der Pause stritt er sich vor laufenden Kameras mit Vertretern christlicher Organisationen. Sie riefen erbost "Eingriff in die Schöpfung", er lachte und warf ihnen "Rückfall ins Mittelalter" vor.

Wicker ist schwul. Je älter er wurde, desto mehr frustrierte es ihn, dass er keine eigenen Kinder haben kann. Keine Nachkommen, die er sein eigen "Fleisch und Blut" nennen darf. Vor vier Jahren indes schöpfte er Hoffnung. Das Klon-Schaf "Dolly" wurde geboren. Was mit Schafen geht, dachte er sich, klappt irgendwann auch mit Menschen.

Wicker weiß, dass ein Klon niemals eine perfekte Kopie sein würde. Dennoch stellt er es sich sehr romantisch vor, ein Double seiner selbst zu haben. "Er wird die Farbe Blau mögen, orientalisches Essen und alte spanische Musik." Was den quirligen Mann mit den weißen Haaren jedoch in Wirklichkeit antreibt, ist die Angst vor dem Tod. "Wenn der Sensenmann irgendwann mal kommt, will ich ihm eine Nase drehen und sagen: Okay, mich kannst du haben, aber du bekommst nicht alles von mir." Nicht im Sand wolle er seine Fußspuren hinterlassen, sondern in Zement.

Ist Wicker verrückt? Ein naiver Narr? Bestenfalls ein harmloser Träumer, schlimmstenfalls ein gefährlicher Agitator? Die Antwort scheint nahe zu liegen und rückt doch - trotz aller wissenschaftlicher Bedenken - am Ende dieses Tages in weite Ferne. Denn alle, die hier versammelt sind, auch wenn sie es noch so entschieden verneinen, scheinen insgeheim zu spüren: Einer wird den Anfang machen. Irgendeiner wird irgendwann den ersten Menschen klonen. Vielleicht noch nicht im nächsten Jahr, vielleicht noch nicht in fünf Jahren. Aber ächten, verbannen oder verbieten lässt sich diese Forschung nicht mehr. Der Geist ist aus der Flasche. Der Tag wird deshalb kommen, an dem es so weit ist. Sind Folter, Tyrannei, Sklaverei oder Kinderarbeit weltweit abgeschafft worden, bloß weil wir sie verdammen?

Wer auch immer seine Hoffnung auf Moratorien oder internationale Gesetze setzt, macht sich wahrscheinlich etwas vor. Und dieses Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem, was man den Lauf der Dinge nennt, deprimiert. Etwas melancholisch sehnt man sich nach Urzuständen und Natürlichkeiten, nach reinen, unverfälschten Schöpfungsgeschichten und klaren Grenzen, die kein Manipulator je überschreitet. Es ist eine traurige Sehnsucht, die um ihre Vergeblichkeit weiß.

Ein seltsames Triumvirat verkörpert den unbändigen Willen zum Menschen-Klonen. Da ist zum einen der italienische Wunderdoktor Severino Antinori, ein Reproduktionsmediziner aus Italien, dem es Mitte der 90er Jahre mit Hilfe der Reagenzglasbefruchtung gelungen war, eine 62-jährige Frau ein gesundes Baby gebären zu lassen. Antinori hat graue Haare und einen grauen Schnauzbart, er spricht Englisch wie ein Mafioso, ist aufbrausend und theatralisch. Wenn sich der 55-Jährige konzentriert, zieht er seinen Mund extrem weit nach vorne, fast so, als wolle er jemanden küssen. Den Vatikan verspottet Antinori als "kriminelle Vereinigung", selbst die wissenschaftlichen Klon-Gegner benähmen sich wie die "Taliban in Afghanistan". Er dagegen sei wie Galileo, sagt er, große Entdecker seien eben immer umstritten. "In der Geschichte der Wissenschaft ist Menschen schon oft zu Unrecht vorgehalten worden, sie würden Gott spielen, das muss man aushalten."

Seit 17 Jahren ist Antinori mit Panayiotis Zavos bekannt. Der amerikanische Androloge, dessen Labor in Kentucky steht, hat pechschwarzes Haar, dünne Lippen und tiefe Falten auf der Stirn, weil er seine Augenbrauen permanent nach oben zieht. Vor einem Jahr haben sich Antinori und Zavos mit dem Ziel zusammengetan, Menschen zu klonen. "Es ist eine Frage des Willens", sagt Zavos, "und wir sind entschlossen."

Fast makaber wirkt es, wenn die beiden ihrem Vorhaben den Mantel der Moralität umhängen wollen. Nur um Menschen in Not zu helfen - unfruchtbaren Männern zum Beispiel, die sich ein biologisches Kind wünschen -, würden sie zur Klon-Technik greifen, nicht aber zum Vergnügen. Wer sein gestorbenes Kind "wiederbeleben" möchte, sei bei ihnen an der falschen Adresse.

Doch für all die gibt es schließlich Brigitte Boisselier. Ganz in Schwarz, ein strenges Gesicht, die langen Haare zum Zopf zusammengebunden, um Hals und Arm je eine dünne goldene Kette: So zelebriert die französische Chemikerin, die der Ufo-Sekte der "Raelianer" angehört, vor der "National Academy of Science" ihren Auftritt. Sie genießt sichtlich die Dutzenden von Kameras, die sich in jeder freien Minute auf sie und ihre beiden Klon-Kollegen richten. Bis auf die Toilette werden die drei bösen Exoten von den Journalisten verfolgt. Boisselier ist die Chefin von "Clonaid". Das wiederum ist ein von den Raelianern gegründetes Forschungsunternehmen, das jede Art des menschlichen Klonens befürwortet. 200 000 Dollar kostet es, sich von den Raelianern klonen zu lassen.

Boisselier ist geübt im Klon-Diskurs. Über prinzipielle Einwände amüsiert sie sich. "Warum ist die Einzigartigkeit in Gefahr? Hat ein eineiiger Zwilling keine Einzigartigkeit? Wollen wir eineiige Zwillinge verbieten?" Auch in der Bibel stehe schließlich, dass man fruchtbar sein und sich vermehren soll. "Wir manipulieren nicht, wir nehmen nur das Material, das uns Gott zur Verfügung gestellt hat. Spielt denn ein Doktor Gott, wenn er mit Hilfe der modernen Medizin das Leben eines Menschen verlängert?" Geklont wird auf jeden Fall, meint Boisselier. Falls das in Amerika verboten wird, fährt "Clonaid" einfach mit einem Labor-Schiff in internationale Gewässer. Die Raelianer haben nach eigenen Angaben, die sicher übertrieben sind, 55 000 Anhänger. Ihr Chef, Rael, ist immer ganz in Weiß gekleidet und für 100 000 Dollar Honorar bereit, einen Vortrag über das Klonen zu halten.

An diesem unheilbar intakten Sendungsbewusstsein, das sich hermetisch nach außen abriegelt, prallen jegliche Bedenken und Erfahrungen ab. Dabei lehnt die überwältigende Mehrheit der seriösen Wissenschaftler das reproduktive Klonen von Menschen als "höchst gefährlich und verantwortungslos" ab. In Washington werden an diesem Tag Bilder an die Wand gebannt, die deformierte Tier-Klone zeigen. Die Wesen sind übergewichtig und zu groß, ihre Lungen sind deformiert, ihr Immunsystem ist geschwächt.

Auch die nackten Zahlen sprechen eine überdeutliche Sprache. Fünf Tierarten konnten bislang erst erfolgreich geklont werden. Insgesamt wurden weltweit 6842 manipulierte Mäuse-Embryonen den Mäuse-Müttern eingepflanzt, davon wurden nur 159 geboren, von denen wiederum starben 29 unmittelbar nach der Geburt. Von 742 implantierten Kuh-Embryonen schafften es 71 bis zur Geburt, davon starben 26. Im Durchschnitt sterben ungefähr 90 Prozent aller Tier-Klone vor oder nach der Geburt. Auch Dolly war eine Ausnahme, der 277 fehlgeschlagene Versuche vorausgegangen waren. Und heute ist Dolly übergewichtig. Wer Menschen klont, das sagte Dollys Vater Ian Wilmut in Washington, nimmt Hunderte von Spätabtreibungen in Kauf, Totgeburten, Deformationen und bislang unbekannte Anomalien. "Geklonte Tiere, die mit Deformationen zur Welt kommen, können getötet werden, das geht mit Menschen nicht."

Die drei Teufel hält das nicht auf. Ihre Gegenargumente freilich wurden mit Kopfschütteln und Gelächter quittiert. Übergewicht sei keine Deformation, sagen die Teufel, auch bei natürlicher Zeugung gebe es keine Garantie für ein gesundes Kind, genetisch vorbelasteten Menschen werde auch nicht verboten, sich fortzupflanzen, viele Krankheiten ließen sich mit der Präimplantationsdiagnostik rechtzeitig erkennen. Und so weiter.

Die Forschung schreitet voran. Nicht Neugier beflügelt sie, sondern Wahn, nicht Gründe führt sie an, sondern Ausreden. Nur Randolfe Wicker fand am Ende, dass die Tagung wirklich klasse war.

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