Zeitung Heute : Gentrifikation erleben

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eigentlich bin ja gar kein richtiger Westberliner. Zumindest nicht mehr. Oder was ist man, wenn man als Westler in den Osten zieht, wie ich es vor ein paar Jahren getan habe? Einmal Westler, immer Westler? Neu-Ostler? Ein Wossi gar? Oder ist das im Jahre 14 der Einheit nicht egal? Auf jeden Fall ist man ein Zugezogener. Davon gibt es in meinem Viertel in Prenzlauer Berg täglich mehr. Je mehr von uns hier hinziehen, desto mehr Alteingesessene ziehen weg. Das hat Folgen. Nach und nach machen alte Kneipen und Läden zu, während die Zahl der trendigen Bars/Feinkostläden/Galerien/Designershops/ Restaurants schnell steigt. Das ist schön für die Zugezogenen, zumindest für die, die sich’s leisten können. Die, die schon da sind, nervt’s manchmal gehörig. Gentrifikation nennen die Sozialwissenschaftler das wohl. Bei mir gegenüber führte dass dazu, dass eine Alteingesessene dem Wirt der neuen In-Kneipe nachts wegen Ruhestörung eins auf die Nase gab. Dabei ging seine schicke Designerbrille zu Bruch.

Ein paar musikalisch begabte Zugezogene, die bei mir um die Ecke wohnen, haben über die Gentrifikation ein hübsches Lied geschrieben. „Herr Nilsson“ heißt das Quartett, macht eleganten Pop mit poetisch-verschwurbelten Texten und erzählt Alltagsgeschichten, wie zum Beispiel im Lied „Das Zugezogene“. Wo im Sommer deine Kneipe war, ist jetzt die Kneipe für andere Leute, da solltest du lieber nicht hingehen, heißt es da spöttelnd. Um dann an die Alteingesessenen zu appellieren, sich trotzdem nicht in in ihren Nischen zu verkriechen: Bieg um die Ecke, und dann tut was weh, das ist die Schönheit der Kastanienallee. Setz dich hin, trink Kaffee. (…) Und das im Wind sind deine Haare. Komm überflieg mit uns die letzten zwölf Jahre, auf der Schaukel im Mauerpark. Das Zugezogene sind deine Vorhänge, keine neuen Nachbarn. Hübsches Lied, wie überhaupt die ganze CD „Einfacher sein“. Feine Prenzlauer-Berg-Popmusik, stilistisch vielleicht ein bisschen altmodisch, aber gut gemacht.

Apropos altmodisch. So richtig altmodisch fühlte ich mich vorletzte Woche. Da sah ich erst Neil Young, dann Massive Attack im Tempodrom. Danach musste ich zugeben, dass mir der alte Mann mit der Gitarre wesentlich besser gefallen hatte als die coolen Elektro-Popper. Und das, obwohl ich erst 33 bin! Ein Fall von Frühvergreisung? Das Ende der musikalischen Entwicklungsfähigkeit? Vielleicht eher ein Zeichen dafür, dass die Halbwertzeit von trendigen Computersounds eben doch kürzer ist als die von Vertrautem, langsam Gereiftem. So gesehen, unterscheide ich mich wahrscheinlich gar nicht allzu sehr von besagten Gentrifikations-Opfern, die Neuerungen skeptisch gegenüberstehen. Inzwischen kann ich mich ja sogar wieder für Annie Lennox begeistern! Die ist zwar noch nicht ganz so alt wie Neil Young, dürfte aber wohl als ähnlich uncool gelten wie er. Nach langer Schaffenspause hat sie jüngst ein paar sehr traurige, sehr schöne Soul-Balladen geschrieben und tritt damit heute im Tempodrom auf. Da gehe ich hin. Auch auf die Gefahr hin, damit völlig out zu sein.

„Herr Nilsson“ treten am Sonnabend (17.5.) im Grünen Salon der Volksbühne auf. Annie Lennox ist Dienstag im Tempodrom. Es gibt noch Karten (66 - 77 Euro). Ihr neues Album „Bare“ erscheint Anfang Juni.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!