Zeitung Heute : Genug Krieg? Mehr Krieg?

ROBERT RIMSCHA

WASHINGTON .Nachrüstung hieß, die Abschreckungsbalance zwischen den Blöcken wirksam zu erhalten.Wenn es ein Prinzip gibt, das nach dem Kalten Krieg eindämmen kann, was Autokraten und Diktatoren wie Milosevic oder Saddam an Bränden entfachen, dann ist es das der Nach-Eskalation.

Denn wohlgemerkt: Jugoslawiens Staatschef ist derzeit auch im übertragenen Sinne auf heimischem Territorium.So makaber es klingt: Die Verfolgung im Kosovo zu verschärfen, während die NATO bombt, ist aus seiner Sicht richtig.So macht man es nämlich dem Kriegsgegner NATO schwer mit der Begründung des bisherigen, noch gebremsten Einsatzes.Dies alles mag die Todeslogik der Kriegsführung sein, es ist aber das Feld, auf dem sich Milosevic am besten auskennt.Weil dies seit langem bekannt ist, weil jeder seit Jahren weiß, daß Milosevic nirgendwo gewiefter ist als beim perfiden Drehen an Gewaltspiralen, kann der Entscheidungszwang nicht überraschen, dem sich der Westen nun gegenübersieht: Bodentruppen ja oder nein.Das sich gegenseitig Hochschaukeln, oder, umgekehrt, die Glaubwürdigkeitsfalle, die jenem droht, der als erster mit dem Eskalieren und Nach-Eskalieren aufhört, gehört zum Grundrepertoire im Umgang mit den neuen Aussätzigen der Weltpolitik.Serbien ist eben kein Irak, der Kuweit überfallen hat und - einfach - raus muß.Der Balkan ist eher wie Ostafrika zur Zeit der Hutu-Tutsi-Massenmorde.Gebremstes Engagement ist da falsches, sogar gefährliches Engagement.Zu dieser düsteren Erkenntnis beginnt Amerika zögerlich zu erwachen.Denn zuerst sah alles für Washington so praktisch aus: Die UNO, deren Gewaltmonopol die USA verneinen, spielt bestenfalls am Rande mit, die NATO ist geschlossen, Europa macht mit beim moralischen Krieg.Langsam wird klar, daß nicht die Einheitsfront gegen Milosevic das Problem ist, sondern Milosevic selbst.

Also: Bodentruppen? Die Hardthöhen-Führung macht sich etwas vor, solange sie nur kategorisch Nein sagt.Das drastischste Verdikt solcher Schein-Blindheit stammt von Lewis MacKenzie, der als US-General lange die SFOR-Truppen in Bosnien befehligte.MacKenzie meint: "Bodentruppen sind überfällig.Falls die Planer in Brüssel tatsächlich...an keiner Infanterie-Kontingentierung arbeiten, gehören sie alle wegen Realitätsferne gefeuert." Henry Kissinger ist ein anderer Realist, der Bodentruppen mittlerweile für unvermeidbar hält.Und die berühmte Exit-Strategie? Die Antwort auf die Frage, wie man nach dem Nach-Eskalieren wieder herauskommt? Ist es denkbar, daß Belgrad einst dieselbe NATO, die das Land derzeit angreift, als Friedensschlichter in Kosovo akzeptiert? Wohl kaum.Ist es denkbar, daß eine verspätete Unterschrift unter Rambouillet den Krieg beenden würde? Wohl ebensowenig.Gegenwärtig lautet das best-case-scenario, auf die Einrichtung des - nach Bosnien - zweiten Balkan-Protektorats zu hoffen.Selbst diese unbequeme Minimallösung setzt voraus, daß allerlei mögliche Internationalisierungs-Optionen nicht wahr werden.Was bleibt? Nicht viel, vor allem: Nicht viel an Hoffnung.Wir müssen wohl einräumen, daß wir - die NATO-Staaten, die demokratischen Gesellschaften des "traditionellen" Westens - nach knapp einer Woche Serbien-Krieg nicht wissen, wo genau wir stehen.Klar ist einstweilen nur: Bodentruppen in Kosovo, das ist höchst, höchst unangenehm.Ungefähr so unangenehm wie jeder Umgang mit Slobodan Milosevic.Und genau auf den haben wir uns eingelassen - einlassen müssen.

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