Geologie : Das größte Puzzle der Welt

Was Charles Darwin für die Biologie, ist er für die Geologie. 1912 veröffentlicht Alfred Wegener eine revolutionäre Theorie: Die Kontinente sind in Bewegung. Er erntet nur Spott.

Matthias Glaubrecht

Seine Sache ist das Abenteuer. „Hier draußen gibt es Arbeit, die des Mannes wert ist“, notiert Alfred Wegener 1906 während seiner ersten Grönland-Expedition. „Mögen Schwächlinge daheim bleiben und alle Theorien der Welt auswendig lernen, hier draußen Auge in Auge der Natur gegenüberstehen und seinen Scharfsinn an ihren Rätseln erproben, das gibt dem Leben einen ganz ungeahnten Inhalt.“

Sein Abenteuersinn wird Wegener zum Indiana Jones der Klima- und Polarforschung machen, er wird ihn aber auch allzu früh das Leben kosten. Alfred Wegener ist visionärer Forscher, Technikpionier und Extremsportler. Seine berühmteste Entdeckung gelingt ihm jedoch nicht in der polaren Abgeschiedenheit der Arktis, sondern in einer deutschen Universitätsbibliothek. Vermutlich hätte sie dort auch jeder andere machen können, wäre er so scharfsinnig und vor allem so mutig gewesen.

Dass sich die Konturen ganzer Kontinente auf dem Globus passgenau aneinander fügen, ist zuvor schon mehreren Forschern aufgefallen, auch dem preußischen Universalgelehrten Alexander von Humboldt. „Südamerika hat, nach der Gestalt seines Umrisses und der Richtung seiner Küsten, eine auffallende Ähnlichkeit mit der südwestlichen Halbinsel des alten Continents“, notiert dieser bereits 1808 in seinen „Ansichten der Natur“. Doch wo sein wissenschaftlicher Ruf auf dem Spiel steht, hält Humboldt sich vorsichtig zurück. Sein Gedankenblitz eines vorzeitlichen räumlichen Zusammenhangs von Afrika und Südamerika kommt ihm 1845 nur mehr als „gewagt scheinende Ansicht“ vor.

Ganz anders und auf geradezu selbstmörderisch mutige Weise äußert sich mehr als sechs Jahrzehnte später Alfred Wegener. Als Privatdozent an der Universität in Marburg befindet er sich 1912 keineswegs in gesicherter wissenschaftlicher Position. Im April-Heft der Zeitschrift „Petermanns Geographische Mitteilungen“ schlägt der kaum 31-jährige Nachwuchsforscher in einem visionären Artikel vor, dass sich „die Großformen unserer Erdoberfläche, d.h. die Kontinentaltafeln und die ozeanischen Becken, durch ein einziges umfassendes Prinzip“ erklären lassen, nämlich das „der horizontalen Beweglichkeit der Kontinentalschollen“. Es ist Wegeners Versuch, das geologische Bild der Erde mittels driftender Kontinente zu deuten – und ein wahrhaft revolutionärer Gedanke: Als wissenschaftliche Wahrheit gilt bis dahin die Vorstellung ortsfester, nicht verschiebbarer Kontinente sowie permanenter Ozeane. Außerdem glauben die meisten Geologen an die Kontraktionstheorie, nach der sich die angeblich langsam abkühlende Erde zusammenzieht und sich ihr Antlitz auf ähnliche Weise in Falten legt wie die Haut eines alternden Apfels. „Der Zusammenbruch des Erdballs ist es, dem wir beiwohnen“, formuliert der damals führende österreichische Geologie-Professor Eduard Suess auf drastische Weise.

Als Alfred Wegener im Januar 1912 auf der Versammlung der Geologischen Vereinigung in Frankfurt am Main erstmals seine Theorie horizontal driftender Kontinente vorträgt, stößt seine unerhörte Behauptung auf erhebliche Skepsis. Auch nach der Veröffentlichung seines Artikels, der in drei Teilen zwischen April und Juni 1912 erscheint und überdies in gekürzter Fassung in der „Geologischen Rundschau“ gedruckt wird, tut die Fachwelt seine Idee als Humbug ab. „Fieberphantasie eines von Krustendrehkrankheit und Polschubseuche schwer Befallenen“, ereifert sich der österreichische Geowissenschaftler Fritz Kerner von Marilaun über Wegener. Der Spott kommt jener akademischen Hinrichtung gleich, die Humboldt einst abhielt, weiterzudenken und nachzuforschen.

„Es ist so, als ob wir die Stücke einer zerrissenen Zeitung nach ihren Konturen zusammensetzen, und dann die Probe machen, ob die Druckzeilen glatt hinüberlaufen“, versucht Alfred Wegener die Fixisten zu überzeugen. An anderer Stelle notiert er: „Warum sollten wir zögern, die alte Anschauung über Bord zu werfen?“ Doch seine Kritiker sprechen ihm schlicht jede Kompetenz ab, sich mit der Materie zu befassen. Schließlich ist Alfred Wegener nicht vom Fach. Obgleich er in seinem umfassenden Ansatz versucht, neues geophysikalisches Wissen mit geologischen, paläontologischen und paläoklimatologischen Beobachtungen in Einklang zu bringen – heute würde er dafür als inter- und transdisziplinär gelobt werden –, ist er weder Geologe noch Geophysiker. 1880 in Berlin geboren, studiert er zunächst Meteorologie und Astronomie; 1905 wird Wegener promoviert und noch im selben Jahr als technischer Assistent am neuen Königlich Preußischen Aeronautischen Observatorium in Lindenberg südöstlich von Berlin angestellt.

Schon bald erweist er sich nicht nur als brillanter Meteorologe, er liebt auch das Abenteuer. Im April 1906, sechs Jahre vor Veröffentlichung seiner Theorie driftender Kontinente, stellt er gemeinsam mit seinem Bruder Kurt – gleichsam als Nebenprodukt meteorologischer Forschung – einen Weltrekord auf: Bei einer Ballonfahrt, die sie in bis zu 3700 Meter Höhe trägt, wo minus 16 Grad Celsius herrschen, bleiben sie 52 Stunden und 22 Minuten in der Luft. Schnell wird man auf den wagemutigen Wissenschaftler aufmerksam.

Im Alter von 26 Jahren darf er als Expeditions-Meteorologe an einer zweijährigen dänischen Grönland-Expedition unter Leitung des Polarforschers Ludvig Mylius-Erichsen teilnehmen. Er ist für die bis zu 3000 Meter hoch aufsteigenden Drachen- und Fesselballone zuständig, mit denen erstmals Höhenwettermessungen im Polargebiet vorgenommen werden. Nach seiner Rückkehr 1908 wertet Wegener diese meteorologischen Daten aus und habilitiert sich damit im Jahr darauf an der Universität in Marburg in Meteorologie, praktischer Astronomie und kosmischer Physik. Neben seiner Lehrtätigkeit forscht er hier. Im Herbst 1911 sucht er in der Marburger Bibliothek gezielt nach Befunden der Verbreitung eng verwandter Tier- und Pflanzenformen und wird vor allem bei den Paläontologen fündig. Diese haben immer wieder übereinstimmende Fossilablagerungen von Pflanzen und Tieren an den gegenüberliegenden Küsten weit voneinander entfernter Landmassen beschrieben – für Wegener sind das neben identischen Gletscherspuren und ähnlichen Gesteinsformationen auf getrennten Landmassen eindeutige Belege für die Drift der Kontinente. Mehr noch: Wegener vermutet, dass es einst in ferner Vergangenheit einen gigantischen Ur-Kontinent gegeben hat, eine einzige zusammmenhängende Landmasse, die er „Pangaea“ nennt – nach dem Griechischen für „ganze Erde“. Erst als dieser urzeitliche Superkontinent auseinanderbricht, entstehen langsam die Kontinente und Ozeane, wie wir sie heute kennen.

Die verbreitete Lehrmeinung geht stattdessen von Landbrücken und Brückenkontinenten quer über sämtliche Ozeane aus, um das Vorkommen eng verwandter Tiere und Pflanzen auf verschiedenen Kontinenten zu erklären. Bei derart vielen Brücken bliebe gar kein Platz mehr für die Meere, wird später häufig gespottet. Dennoch ist es zunächst Wegeners Vorstellung der driftenden Kontinente, die für die meisten Zeitgenossen absurd und verstörend wirkt.

Aus heutiger Perspektive lässt sich sagen: Was Charles Darwin für die Biologie, ist Alfred Wegener für die Geologie. Beiden Forschern ist eine großartige Synthese aus den bekannten Befunden verschiedener Disziplinen gelungen, beide haben es geschafft, unser Bild von der Welt zu revolutionieren und grundlegend zu prägen. Und beide stießen anfangs auf heftigen Widerstand. „Ich glaube nicht, dass die alten Anschauungen noch zehn Jahre zu leben haben“, hofft Wegener, als er seine Theorie 1912 erstmals vorstellt. Im Sommer desselben Jahres zieht es ihn wieder hinaus: Auf seiner zweiten Expedition will er das grönländische Inlandeis an seiner breitesten Stelle durchqueren. Als erster Forscher überwintert Wegener im Eis, um kontinuierlich meteorologische Messungen vorzunehmen.

Nach seiner Rückkehr 1913 heiratet er Else, die Tochter des angesehenen Hamburger Meteorologen Wladimir Köppen, mit der er drei Kinder haben wird. Endlich findet er auch Zeit, seine Ideen zur Kontinentalverschiebung in Buchform auszuarbeiten. 1915 erscheint sein Hauptwerk „Die Entstehung der Kontinente und Ozeane“. Dieses findet indes nur geringes Interesse, wohl auch wegen des Ersten Weltkriegs, in dem Wegener zwei Mal verwundet und dann zum militärischen Wetterdienst abkommandiert wird. Nach seiner Lehrtätigkeit in Marburg und in Dorpat wird er 1919 Abteilungsleiter an der Deutschen Seewarte in Hamburg und 1924 schließlich ordentlicher Professor für Meteorologie an der Universität in Graz. Die zehn Jahre, die es laut Wegener bis zur Durchsetzung seiner Theorie maximal brauchen würde, sind inzwischen vergangen.

Zwar machen drei weitere, jeweils neu bearbeitete Auflagen seines Hauptwerkes, die zu Lebzeiten erscheinen, die Kontinentalverschiebungstheorie auch international bekannt. Doch sie stößt weiterhin auf Ablehnung, Wegener wird als „Märchenerzähler“ verspottet. Respekt zollt man ihm zunächst ausschließlich für seine Verdienste als Arktis- und Klima-Experte, besonders für seine Polarexpeditionen – dieses wissenschaftliche Erbe wird später das nach ihm benannte Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven fortführen.

Tatsächlich ist die Kritik an seiner Theorie zur Kontinentalverschiebung nicht völlig unbegründet. Alfred Wegener vermag noch keinen Motor für die Bewegung zu benennen; er kennt keine Kräfte, die stark genug wären, jene Verschiebung ganzer Kontinente zu bewerkstelligen. Seine geophysikalische Argumentation ist zudem widersprüchlich, ihm unterlaufen kardinale Irrtümer. So glaubt er, dass Kontinente wie Eisschollen durch den zähflüssigen Erdmantel pflügen; das aber ist geophysikalisch unmöglich, dazu sind die Gesteine zu fest. Wegener weiß selbst: „Für die Verschiebungstheorie ist der Newton noch nicht gekommen“.

Auch in diesem Punkt weist seine Kontinentaldrifttheorie eine erstaunliche Parallele zur Evolutionstheorie Darwins auf. So wenig dieser schon die Vererbungsvorgänge im Inneren des Zellkerns kannte und dennoch mit seiner Vorstellung von der natürlichen Selektion Recht behielt, so wenig weiß Wegener um die dynamischen Vorgänge im Erdinneren. Erst in den 1960er Jahren, also ein halbes Jahrhundert später, wird die Untersuchung der magnetischen Eigenschaften von Ozeanböden zu einem grundlegenden Umdenken der Geowissenschaftler und schließlich zur Theorie der Plattentektonik führen. Heute vermuten Geophysiker, dass Konvektionsströme im Erdmantel – nicht unähnlich dem Aufkochen einer sämigen Suppe auf dem Herd – jene Hauptantriebskraft bilden, die Kontinente wandern lässt. Auch wissen wir inzwischen, dass nicht die Kontinente allein driften, sondern die Erdkruste aus insgesamt sieben größeren und vielen kleineren Lithosphären-Platten aufgebaut ist. Diese tragen nicht nur die Erdteile, sondern auch die Ozeane; sie bilden ein gigantisches Platten-Puzzle, dessen Teile sich in rhythmischer Bewegung verschieben.

Alfred Wegener erlebt diesen verspäteten Triumph seiner Theorie nicht mehr. Nach einer erfolgreichen Vorexpedition 1929 zieht es ihn im folgenden Jahr zu einer weiteren, erstmals von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Expedition ins grönländische Eis. Sie wird dem gerade einmal 50-Jährigen zum Verhängnis. Die eigentlich zum Einsatz vorgesehenen Propellerschlitten versagen ihren Dienst, stattdessen müssen Wegener und seine Begleiter mit Hundeschlitten losziehen. Im November 1930 bringt er – im hereinbrechenden arktischen Winter – Lebensmittel zu der noch nicht fertiggestellten Forschungsstation „Eismitte“. Auf dem Rückweg stirbt er, vermutlich an Herzversagen infolge geradezu übermenschlicher Strapazen.

Seine Leiche wird erst im Mai des darauffolgenden Jahres gefunden.

Der Autor ist Kurator und Evolutionsbiologe am Berliner Naturkundemuseum.

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