Georg Stefan Troller, Journalist : "Sie ließen mich ein Jahr Kartoffeln schälen"

Georg Stefan Troller reiste für seine Interviews jahrzehntelang um die Welt. Von Muhammad Ali ließ er sich vollquatschen, Sartre dagegen hatte Sprechverbot.

Interview: Marie Pohl
Georg Stefan Troller
Rollenwechsel. Georg Stefan Troller gibt Antworten. -Foto: Cinetext

Sie sind ja schon hier, Herr Troller!



Ich komme immer ein bisschen früher.

Sind Sie auch mal zu spät?

Einmal war ich eingeladen zu einer Talkshow. Es gab lange Einleitungen, und ich wollte auf die Toilette. Ich ging durch eine Tür. Dahinter war nur ein leeres Treppenhaus. Ich wollte wieder zurück in den Saal, aber die Tür war nur von der anderen Seite zu öffnen. In dem Moment stürzte ein Herr herein und sagte: „Wo ist denn das Scheißhaus?“ Ich sagte: „Hier!“ Und schlüpfte wieder in den Saal, und alle fragten, Herr Troller, wo waren Sie denn, Sie sollten längst an dem Tisch dort sitzen – aber ich kam gerade noch zur rechten Zeit.

Und wenn Sie ein Interview führen ...

... komme ich immer viel zu früh. Man will sich ja einstellen auf die Person, mit der man zu tun haben wird. Wie wenn man auf eine Geliebte wartet, man will sich vorstellen, wie sie eintreten wird.

Wie stellen Sie Ihre erste Frage?


Die erste Frage ist eine Pflichtfrage, um die Angelegenheit zu entschärfen, um dem anderen zu zeigen, er kann sich gehen lassen … Bis er in einer Sache drin ist, wo er gar nicht drin sein wollte.

Sie nehmen nicht gleich das schwere Geschütz?

Ich machte es mit einem Neonazi, wo ich eine Schockwirkung brauchte. Es gibt Leute, die lassen sich gerne provozieren.

Das war bei Muhammad Ali auch so?

Ali hat selbst angefangen zu reden. Wir kamen in sein Wildwest-Camp, das Trainingslager in den Bergen von Pennsylvania. Wir gingen in die Hütte, wo sein Stab saß. Wir sagten: „Wo ist Ali?“ Und die sagten: „Sie finden ja wohl allein den Weg.“ Die waren gar nicht begeistert, Ali zu sehen, weil er so stimmungsabhängig ist.

Und wo war Ali, der große Boxer?


Ali saß allein in seiner Hütte, blätterte durch einen Zettelkasten und tat so, als hätte er uns nicht bemerkt.

Sie drehten einen Film über ihn für die ZDF-Reihe „Personenbeschreibung“.

Er wusste genau, wer wir waren. Er machte weiter an seinem Ideenkasten und fing dabei an zu reden. Eine geschlagene Stunde. Wir waren überhaupt nicht vorbereitet. Während er redete, holten wir die Beleuchtung ran, den Ton, bauten uns auf.

Wie kamen Sie an den Termin mit Muhammad Ali?


Wir hatten eine sehr gute Produktionsleiterin in Amerika, die fähig war, uns diese Leute zu verschaffen – mit den irrsinnigsten Mitteln. Sie weinte am Telefon: „Wenn ich Sie nicht kriege, bringe ich mich um, ich habe zwei Töchter, die eine ist im Krankenhaus, die andere blind und lahm.“

Sie hat richtig gelogen?


Sie lügt wie gedruckt. Das kann sie wunderbar. Das ist eine Frau! Nach dem Interview mit Ali fuhren wir mit dem Zug zurück nach New York. Sie hatte einen ganzen Packen Frauenzeitschriften gekauft. Endlich Ruhe. Sie setzt sich in den Waggon, gegenüber sitzt so ein Dicker, wie sich herausstellte, Strumpffabrikant. Sie beugt sich hinüber und fragt: „Fahren Sie auch nach New York?“ Die blödeste Frage, die man stellen kann. Aber sie unterhielt sich drei Stunden mit ihm, ohne einen Blick in ihre Zeitschriften zu werfen. Dann stieg sie aus, verabschiedete sich, wendete sich zu mir und sagte: „Das war der langweiligste Mensch, den ich je getroffen hab.“ Aber die Menschen verlieben sich in sie. Sie wollen ins Bett gehen mir ihr. Sie ist Engländerin, und da war so ein irischer Typ, der sagte: „Jetzt sofort, komm auf mein Zimmer!“ Sie flüchtete ins Klo, er versuchte die Tür einzutreten: „Ich hasse Engländer, aber dich liebe ich!“

Hat sie alle Interviews für Sie besorgt?


In Amerika. Aber man muss vor allem schauen, dass man selbst die Leute überzeugt.

Gab es Leute, die Sie nicht überzeugen konnten?


Peter Matthiesen, ein amerikanischer Schriftsteller. Er hat in Nepal den Schneeleoparden gesucht und darüber ein Buch geschrieben, ein ganz meditativer Mensch. Ich hätte da still rangehen müssen, aber ich habe unaufhörlich gedreht. Am Abend sagte er: „Kinder, ich halte das nicht durch. Wir müssen das stoppen.“

Gab es viele solcher Fälle?


Das passierte ständig. Es ist gefährlich, wenn Spesen angefallen sind. Wir hatten angefangen, einen Film mit Sartre zu machen. Da kam ein Anruf von dem weiblichen Schutzwall, den er um sich aufgebaut hatte. „Sie haben uns ja nicht gefragt.“ – „Aber wir haben den Meister gefragt.“ – „Aber das ist ja nichts! Sie müssen uns fragen.“ Dann war’s aus. Dann starb er. Und über Jahre hinweg kamen Anfragen vom Sender, wann gedenken Sie diesen Film fertig zu machen? Ich las gestern übrigens einen furchtbaren Absagebrief, den Sartre einer Geliebten geschrieben hat.

Warum furchtbar?


Wegen seiner Rücksichtslosigkeit. „Du hast mir einmal gefallen in einem Moment, als ich sadistisch aufgelegt war. Jetzt ist dein Reiz aufgebraucht. Ich möchte nichts mehr von dir hören.“ Sie haben sich die Geliebten geteilt, denn Simone de Beauvoir konnte auch mit Frauen und Sartre hat ihr seine Ex-Geliebten zugespielt.

Interessiert Sie Sexualität sehr?

Nietzsche hat ja schon gesagt, dass einer sexuell ist bis in die tiefsten Fasern seines Wesens. Ich glaube das, was wir am tiefsten sind, ist sexuell – auch die Religion. Die Frauen haben Jesus. Die Männer haben Maria. Das sind doch wunderbare sexuelle Fantasien.

Da fällt mir Edith Piaf ein.


Edith Piaf war der Grund, warum ich von Amerika zurück nach Europa bin. Eine 33er-Schallplatte und darauf Edith Piaf in irgendeiner Pariser Straße. Oh! Ich musste dahin. Auguste Le Breton, einer ihrer unzähligen Liebhaber, sagte immer, sie war frigide wie ein Eisschrank. Von jedem neuen Liebhaber erhoffte sie sich die Erlösung.

Man kann sich Edith Piaf nicht frigide vorstellen.

Das kam aus ihrer Kindheit. Abtreibung mit 17 Jahren. Vergewaltigungen. Sie hatte eine Ganovenzeit hinter sich, bevor sie berühmt wurde, da müssen furchtbare Dinge passiert sein. Sie war eine Frau mit einer ungeheuren Liebessucht. Aber diese ganzen Unglücksfälle, Drogen, Alkohol, Krankheit …

Haben Sie viel Unglück erlitten?


Ich habe sehr viel Glück gehabt. Das Überleben ist ja ein Wunder. Ich glaube, dass der Mensch fähig ist zu überleben, dass die Menschenrasse immer einen Ausweg finden wird, weil ihr Streben nach Glück so unausrottbar ist. An viel mehr kann man in unserer Zeit nicht mehr glauben.

Sie sind 1921 in Wien geboren, mit 17 Jahren vor den Nazis geflüchtet, bekamen in Frankreich das Visum für Amerika und ...


... ich habe das Visum nur bekommen, weil der Konsul in Marseille sagte: „Amerika braucht Soldaten im kommenden Krieg.“ Man hatte Quotennummern. Ich war ganz hinten und hätte normalerweise im Jahr 2000 einwandern können. Aber weil Amerika Soldaten brauchte, zog mich der Konsul vor. Das hat mir mein Leben gerettet.

1943 kehrten Sie als amerikanischer Soldat in das brennende Europa zurück.

Ich kam in Amerika an und habe in kleinen Fabriken und als Buchbinder gearbeitet. Dann kam Pearl Harbor, und die Amerikaner traten in den Krieg ein. Ich wurde eingezogen. Im Ausbildungslager kam so ein Idiot auf mich zu und sagte: „Are you from Germany? Must be a great friend of Hitler’s.“ Ich sagte: „Yeah, my best buddy.“ Er hat mich angezeigt, ich sei persönlicher Bekannter von Hitler. Dann haben die mich ein Jahr lang Kartoffeln schälen lassen. Ironie haben die nicht verstanden. Aber das rettete mir das Leben.

Das Kartoffelschälen?


Meine Kompanie wurde in Afrika eingesetzt und dort aufgerieben, weil sie alle grüne Soldaten waren, die keine Ahnung hatten. Ich hätte da keine Chance gehabt. Durch das Kartoffelschälen bin ich erst ein Jahr später los. Afrika war erobert. Wir landeten in Italien, und die Sache war völlig anders. Wieder mein Leben gerettet. X-mal.

Nach dem Krieg gingen Sie nach Wien zurück?

Ich dachte, jetzt studiere ich Theaterwissenschaften in Wien. Denn Wien ist eine Theaterstadt und die Seminare fanden in der Hofburg statt, eine ganz feine Sache. Aber da waren die alten Naziprofessoren, und die lehrten, als wäre nichts gewesen, und die Bevölkerung war ebenso „vernatscht“.

Mehr als in Deutschland?


Man sagte ja damals, die Deutschen wären Antisemiten, weil ihnen Hitler das abverlangt hat. Aber die Österreicher waren Nazis, weil sie Antisemiten waren. Der Antisemitismus war eine grundlegende Überzeugung der Österreicher. Dann kam lange nichts, und dann kam der Katholizismus. Aber dieser Hass, der zum Teil jetzt noch da ist, war nicht zu verkraften. Ich bekam ein Luxusstipendium nach Paris: das Fulbright Scholarship. 150 Dollar im Monat, was damals viel Geld war.

Sie gingen in die Stadt der Edith Piaf.


Ich sollte an der Sorbonne studieren. Aber ich war nun schon fast 30, ein Doktorat hätte drei Jahre gedauert, drei Jahre für ein Buch, das niemand liest. Ich besorgte mir einen Job als Radioreporter. Später kamen die Dokumentarfilme, und mit der Kamera zog ich mich aus meinem Sumpf.

Wie meinen Sie das?

Was war man denn gewesen? Immer eine Null, weil man sich nicht wehren konnte gegen die Macht, die einen grundlos aus der Heimat verjagte. Das verinnerlichst du ja, wenn man dir lang genug sagt, dass du dreckig und verkommen bist. Das in eine innere Ordnung zu bringen, diese Sinnlosigkeit des Davonlaufens, hat Jahre gedauert.

Wie hat Ihnen der Dokumentarfilm dabei geholfen?


Da war ja nix da. Es war nur diese Mischung, dass ich von allem etwas konnte. Ich habe Theaterwissenschaft studiert und immer viel fotografiert. Ich war zehn Jahre lang Rundfunkkorrespondent. Was konnte das ergeben? Fernsehen. Dokumentarfilm. Mir fehlte der Mut zum Unbedingten. Der Journalismus war das Einzige, was meinen schweifenden Sehnsüchten gerecht wurde.

Der Fernsehjournalismus?


Hätte es das Fernsehen nicht gegeben, so hätte man es für mich erfinden müssen. Aber das hat man mir auch übel genommen, wie ich Filme machte. Ich weiß noch – auf einem Filmfestival, wo ich wahnsinnig angegriffen worden bin. Ein echter Dokumentarfilm hat keinen Text zu haben.

Kein Voice-over?

Er muss alles aus Bildern heraus erklären. Die Leute waren theoriebesessen. Dagegen musste ich mich zur Wehr setzen. Aber es war okay, weil das alles aus einem tiefen Instinkt für Form, aus einem Formgefühl, fast möchte ich sagen: aus einer Sehnsucht nach Formgebung entsprang.

Die Form war Ihnen sehr wichtig?


Form ist ... oh, da kann man so lange reden. Man ist in einer Hingabe an die Person, an die Situation, man geht in ihr auf. Wir haben in Auschwitz gedreht mit Art Spiegelman, dem Comiczeichner …

... dessen Eltern Auschwitz überlebten und der darüber einen Comic mit Mäusen gemacht hat ...


… Ich wusste sofort, hier keine festen Einstellungen, schwenken, unaufhörlich schwenken, wir schwenken über die Baracken, wir schwenken über die Holzpritschen, wir schwenken über die Klolöcher, der ganze Film ist eine einzige Verunsicherung. Das ist eine Formentscheidung. Die Leute waren verwirrt. Warum wackelt alles? Aber das war die einzige Möglichkeit, das abzufilmen.

Warum?


Weil sonst schöne Bilder rausgekommen wären. Es mussten verunsichernde Bilder sein. Das konnte man nur, indem man herumgefuhrwerkt hat. Ganz am Ende an der Frauenbaracke stand Spiegelman mit seiner Frau. Sie schluchzte an seinem Hals. Da hat der Kameramann die Einstellung eine Minute stehen lassen, nach dieser ganzen Wackelei stand nur diese stumme Einstellung mit der Silhouette gegen das Fenster. Sie sind nicht nur Abfilmer, sondern auch Formgeber ... Noch fünf Minuten. Jetzt die entscheidende Frage.

Gibt es jemanden, den Sie nie interviewt haben, den Sie aber unbedingt treffen wollten?


Picasso.

Was hätten Sie ihn gefragt?

Macht er sich lustig über uns? Das ist viel in seinem Werk, natürlich ist alles Experiment und Spielerei mit Formen wie bei jedem Künstler. Ich glaube, ernst genommen hat er nur die klassischen Maler. Das, was er machte, ist Parodie, Variationen von vorhandenen Bildern. Er ist ein Ironiker. Warum auch nicht? Thomas Mann war ein großer Ironiker. Er sagte, die einzige mögliche Einstellung in unserer Zeit ist die Ironie. Vielleicht stimmt das. Picasso ist der größte Ironiker aller Zeiten.

Was hat Sie getrieben, tausende Interviews zu führen?

Ich stelle Fragen, damit man mir keine Fragen stellt.

Kennen Sie die Geschichte von Maupassant? Als der Eiffelturm gebaut wird, ist Maupassant dagegen. Aber später geht er dort immer essen, weil der Eiffelturm der einzige Ort in Paris ist, von wo man den Eiffelturm nicht sieht.


Gauguin hat ja behauptet, er sei ausgewandert nach Tahiti, damit er den Eiffelturm nicht sehen muss. Aber das Interview-Führen, ja, das ist natürlich auch bei mir, als Wiener Jude, eine Art Freud’sche Lust am Nachgraben. Das Geheimnis. Kinder zerreißen ihre Bücher, um zu finden, was dahinter ist. Man erforscht den Kongo, das Universum, und ich habe in meinem Buch „Paris Geheim“ das geheime Paris erforscht. Ich gehe immer in Hinterhöfe, in Passagen, die keiner kennt. Ich gucke durch Fenster, ich bin da ganz indiskret. Das ist eine Art Entdeckerfreude. Ich habe das hier mein Leben lang gehabt, es fing an, als ich 17 war.

Sie waren im Krieg auf der Flucht vor den Nazis ...


... und Paris war verdunkelt. Ausgangssperre. Ich bin rumgestiefelt in diesem total verkommenen Paris. Immer die Angst vor der deutschen Patrouille. Diese Spannung, im Finstern etwas zu entdecken, ohne selbst entdeckt zu werden – das hat etwas Romantisches. Das ist einer meiner Antriebe, zu wissen, was geht hinter den Menschen vor. Es gibt ja eigentlich keine Antworten, nur ein Herausfinden und ein Sichabfinden. Vielleicht gibt es Antworten und Lösungen in einer anderen Welt. Aber hier nicht. Aber das ist auch okay.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben