George Tabori : Der große Spielmacher

George Tabori war Hotelboy und Geheimagent, Emigrant und Weltreisender, Greta Garbos Geliebter, Brechts Assistent und Hitchcocks Drehbuchautor. Er hat Romane geschrieben und unvergleichlich Theater gemacht. Jetzt ist er in Berlin gestorben, ein Zeuge des Jahrhunderts.

Peter Becker
George Tabori
Der Theatermacher George Tabori ist im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben. -Foto: Heinrich

BerlinMit seinem Leben, mit seinem Tod geht eine Epoche zu Ende. George Tabori war nicht nur ein Wanderer zwischen den Welten und durch die Welt. Der ungarische Jude und Freigeist mit britischem Pass, der Montagnacht in Berlin um 23 Uhr 30, im Schlaf, in seiner Wohnung am Schiffbauerdamm gleich neben dem ehemaligen Brecht-Theater mit 93 Jahren gestorben ist, er verkörperte bis zuletzt eine Brücke zwischen den Zeiten. Von der Dämmerung des österreichisch-ungarischen Habsburgerreichs über zwei Weltkriege und drei Kontinente hinweg ist er ein unvergleichlicher Zeuge gewesen. Bis in die Gegenwart.

Bis eben noch. Das letzte Mal, als wir uns an seinem Bett, das er in diesem Jahr kaum mehr verlassen konnte, sahen und er mit ausgebreiteten Armen wie dirigierend und mit seinen schönen, dünn gewordenen Händen Geschichten auch in die Luft malend sprach, da erzählte er von einem neuen Stück. Das wie so oft ein Stück Autobiographie war, in Kairo 1942 spielend, unter englischen Agenten, die heimlich den deutschen Wüstenmarschall Rommel bewunderten und zugleich die Nazis fürchteten. Der Sohn von Churchill trat wohl auch auf – und Tabori natürlich. Dichtung und Wahrheit, in kaum einer anderen Künstlerbiographie des 20. Jahrhunderts haben sie sich so vermischt, haben beide immer auf der Schneide von Schmerz und Scherz balanciert, triumphiert: über Trübsal, Humorlosigkeit, Unmenschlichkeit.

In seiner Dachstube, auf seinem Ruhelager, das doch bis zuletzt die Unruhestätte seines wunderbar lebendigen, die schwächer gewordene Stimme fast wie früher beflügelnden Geistes war, sprach George Tabori, als sei Ägypten mit der von Libyen her näherrückenden deutschen Weltkriegsfront und all den genialischen oder verrückten Agenten, Emigranten, Lebemännern und Freudendamen gerade gestern gewesen. Ebenso geisterhaft gegenwärtig konnte er auch von Hollywood erzählen, wenn sie im Haus des österreichischen Dramaturgen und Emigranten Berthold Viertel und dessen schon wegen ihrer Wiener Küche berühmten Frau Salka beim Abendessen saßen: mit Taboris Freund Charlie Chaplin und Greta Garbo (die in den smarten jungen Tabori verliebt war), mit Brecht und Helene Weigel oder auch mal Thomas Mann oder Lion Feuchtwanger. Einmal hatte ich ihn bei irgendeiner Einzelheit aus seinen Lebensgeschichten gefragt, George, wie erinnerst du das alles so genau? Da lächelte er: „Es ist doch erst 60 Jahre her!“

Sein langes, großes Leben führte ihn 1932/33 als Lehrling im gastronomischen Gewerbe, also als Küchenjunge und Hotelboy, von Budapest nach Berlin, wo er am 30. Januar ’33 den neuen Reichskanzler Adolf Hitler im Fackelschein sah. Einige Jahre später war er ein Flüchtling vor der Nazibarbarei, dem der Vater in Auschwitz geraubt wurde; als Nachrichtenoffizier des Secret Service gelangte Tabori im Zweiten Weltkrieg über Istanbul und Jerusalem, wo er erstmals heiratete, nach Kairo, wo er Rommels Fernschreiben nach Berlin dechiffrieren sollte. Auch da waren Dichtung und Dokument wohl nicht immer ganz zu unterscheiden. Bald darauf erschienen in London Taboris erste Romane, nach dem Krieg rief ihn Hollywood als Drehbuchschreiber für Hitchcock und Losey, doch das zwar glamouröse, aber oft korrupt oberflächliche Filmbusiness schreckte ihn auch ab: spätestens nach dem Versuch, mit dem Segen Thomas Manns eine Filmfassung des „Zauberberg“-Romans zu schreiben. „Sind Sie wahnsinnig“, hieß es bei Metro-Goldwyn-Mayer, „ein Film, der unter lauter Lungenkranken spielt!“.

So galt seine neue Liebe dem Theater. Als Übersetzer Brechts, dem er kurzzeitig bei der Uraufführung des „Galileo Galilei“ 1947 in Los Angeles assistierte, machte Tabori den ersten Schritt, gründete später mit dem schwedischen Hollywoodstar Viveca Lindfors, seiner zweiten Ehefrau, in New York eine eigene Theatergruppe (einer seiner Assistenten war dort ein pickliger junger Mann namens Dustin Hoffman) – zuvor hatte am Broadway Elia Kazan bereits Taboris erstes eigenes Stück inszeniert, die biblisch-jetztzeitige „Flucht nach Ägypten“.

Der wirkliche Durchbruch, sein Aufbruch ins Welttheater und auch zurück nach Europa, nach Berlin und Deutschland sind dann 1969 Taboris wie immer zuerst englisch geschriebenen „Kannibalen“. Es ist das überhaupt erste Stück, das ganz in Auschwitz spielt. Der Hunger der Häftlinge ist darin ein mörderischer, menschlicher, vielleicht lebensrettender Koch – daher der Titel. Die „Kannibalen“ bedeuten ein Drama, das in seiner Makabrität vorausweist auf George Taboris so tief humanen wie tiefschwarzen und zugleich hoffnungshellen Humor. Es muss für ihn nicht nur Gedichte, sondern auch ein Lachen nach Auschwitz geben, denn sonst hätte der Bier- und Bluternst der Mörder ja doch gesiegt. Tabori kannte in diesem Punkt auch keine falsches, nur rührseliges Sentiment. Sein härtester Satz war: „Auschwitz ist jenseits der Tränen.“

Die Berliner Verlegerin Maria Sommer, die einst auch Günter Grass mitentdeckt hatte, brachte Tabori und die „Kannibalen“ 1969 in die Werkstatt des Berliner Schiller-Theaters, mit Michael Degen in der Hauptrolle. Man befürchtete einen Skandal und erlebte einen erschütternden Erfolg. Danach kam Tabori mit einem Stipendium wieder nach Berlin, inszenierte hier in einer Kirche – selber noch ein Außenseiter und bestenfalls Geheimtipp – die Uraufführung seines Vietnamkriegs-Musicals „Pinkville“ und in Tübingen sein Stück „Clowns“ . Erst als ihm der Intendant Peter Stoltzenberg in Bremen ein „Theaterlabor“ mit einer eigenen Gruppe von Schauspielern, Musikern und Tänzern ermöglicht, findet Tabori mit einer Mischung aus Psychodrama, Revue und Tragikomödie mehr und mehr zu seinem einzigartigen Stil.

Als er in Bremen „Hamlet“ mit einem Bett als einzigem Requisit (und seiner späteren Frau Ursula Höpfner als Ophelia) inszeniert und 1978/79 an den Münchner Kammerspielen in Kellerräumen und auf Probebühnen seine Shakespeareschen „Shylock-Variationen“ und, taborisch-familiengeschichtlich, „My Mother’s Courage“ mit Hannah Schygulla in der Titelrolle – da ist klar: Einen wie ihn hat es im deutschen Stadttheater, das er als bestes und fragwürdigstes der Welt bezeichnet, noch nie gegeben. Oft noch prägen seine Bühnenbilder allein: ein Bett oder ein Flügel. Symbole der Liebe und der Musik des Lebens, des Überlebens. Manchmal auch der Zeugung von Ungeheuern.

Kein Wunder also, dass Tabori in seiner großen Zeit in den 80er und 90er Jahren in Wien, an Claus Peymanns Burg und im eigenen kleinen Theater „Der Kreis“, auch das erste reine Hitler-Stück unter dem Titel „Mein Kampf“ geschrieben und inszeniert hat. Es wird ein Welterfolg und handelt von jenem jungen Mann, der vorm Ersten Weltkrieg (an dessen Schwelle Tabori geboren wurde) in einem Asyl ausgerechnet in der Wiener Judengasse haust und vergeblich Kunstmaler werden will. Als dieser Adolf H. zum ersten Mal das Männerheim betritt, meint sein Zimmergenosse Schlomo Herzl: „Komisch, Sie sehen gar nicht jüdisch aus.“ Ein Witz, und mehr. Und mehr als ein Witz ist es auch, dass in Taboris fabelhaft katastrophischer Weltschöpfungs- und Theaterrettungskomödie „Goldberg-Variationen“ Jesus Christus, am Kreuz hängend, auf die Frage antwortet, ob es wehtue: „Nur wenn ich lache.“

Im Moment der Nachricht, dass George Tabori gestorben ist, bleibt als erster Trost sein Werk. Die Erinnerung an so viele herzzerreißend komische, atemlos bewegende, bestürzende und beschwingende Augenblicke in seinem Theater. Wie seine Lieblingsschauspieler Gert Voss und Ignaz Kirchner sich in Wien als Othello und Jago, als Regisseur Jay (wie englisch „J.“ alias Jehova alias Gott) und dessen Assistent Goldberg oder als Ham und Clov in Becketts „Endspiel“ himmlisch-höllisch und aberwitzig virtuos duelliert haben; welche geistige und physische Existenz-Choreographie die beiden großen Schauspieler Peter Lühr und Thomas Holtzmann in München bei Taboris Version von „Warten auf Godot“ ausgespielt haben. Als Epilog hat Tabori Becketts Jahrhundertstück 2005 auch nochmals an Claus Peymanns Berliner Ensemble inszeniert. Und dann gab es schon seinen Nachruf zu Lebzeiten.

Das war in diesem Mai zuerst bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen und dann gleichsam zu seinem 93. Geburtstag Taboris letztes Stück „Gesegnete Mahlzeit“. Er konnte es selbst nicht mehr inszenieren, gab seine Ratschläge nur noch vom Bett aus – und zur Premiere ließ Peymann eine Fernsehleitung in Georges Schlaf-, Wohn- und letztes Tagtraumzimmer legen. So konnte Tabori sehen, wie in seinem Stück sein eigener Stellvertreter, ein Schriftsteller, genannt „Dirty Don“, im Bett lag und über die Kunst, die Liebe und das Ende vom Lebenslied sinnierte. Das hat Tabori durchaus gefallen, „auch wenn sie es halt auf ihre Weise gemacht haben“, was er schmunzelnd anmerkte – und hinzufügte: „Aber ich bin ja kein Kritiker.“

Eigentlich wollte er auch kein Regisseur sein. „Ich bin ein Spielmacher“, das war seine liebste Berufsbezeichnung. Nun ist sein Spiel aus. Für seine Freunde, die ihn liebten, bleiben die Erinnerungen. Vor allem seine Erinnerungen und herrlichen Anekdoten. Zum Beispiel, wie ihm ein Freund in Hollywood, der sich an einem Abend aus Versehen mit zwei Mädchen verabredet hatte, das eine, eine sehr junge blonde Schauspielerin, einquartiert hatte. George sagte, das Mädchen habe ihm von den „Brüdern Kalaschnikow“ und von Dostojewski vorgeschwärmt. Es sei aber viel mehr als nur jung und naiv gewesen. Das war Marilyn Monroe, die später Arthur Miller geheiratet hat. Miller war auch Taboris Vertrauter, der Autor, der dem Kommunistenhasser und Künstlerjäger McCarthy widerstanden hatte, das verband die beiden.

Trost, neben Untröstlichkeit. George Tabori war ein großer Künstler und ein unendlich großzügiger Freund. Wo Hegel, Fichte, Brecht und die Weigel liegen, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wird seine Urne ruhen. Ende August soll es im Berliner Ensemble die Trauerfeier geben. Bis dahin, für immer.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben