Zeitung Heute : George V: Kinderteller für Jaggers

Stefan Quante

Natürlich weiß der Gast, dass hier schon alle Berühmtheiten dieser Welt gewohnt haben. Die Dietrich ebenso wie die Garbo, General Eisenhower genauso wie Buster Keaton, ebenso John Wayne und Gary Cooper. Aber, dass Mick Jagger gerade von der Herrentoilette kommt, als wir die Lobby des George V betreten, überrascht dann doch ein bisschen. Der Ober-Stone hat Kinderdienst, weil die Mama des Sprosses gerade in London Theater spielt und präsidiert am großen Tisch im Restaurant "Le Cinq".

In dem Gourmet-Tempel kocht jetzt Philippe Legendre, der langjährige Küchenchef des Drei-Sterne-Restaurants "Taillevent". Und Sommelier Eric Beaumard, Herr über 20 000 Flaschen im 14 Meter tiefen NaturKalkstein-Keller, gehört zu den besten der Welt (1998 Vize-Weltmeister der Sommeliers). Das zeigt, wie ehrgeizig in der Pariser Luxushotellerie gerade um die absolute Spitze konkurriert wird.

Das "Plaza-Athenée" hat mit der Verpflichtung von Alain Ducasse, dem meistbesternten Koch aller Zeiten, neue Maßstäbe gesetzt. Und das "Meurice" an der Rue de Rivoli hat in jahrelanger Renovierungsarbeit jenseits aller Kosten-Nutzen-Fragen gewaltig Boden gut gemacht.

Aber das George V, seit 14 Jahren im Besitz des saudischen Prinzen Alwaleed, hat mitgezogen. Nach zweijähriger Renovierung (Kosten: 125 Millionen US-Dollar) ging zwar zunächst ein Aufschrei durch Paris, weil gründlich entrümpelt wurde und in einer landesweit beachteten Auktion etliche Nationalheiligtümer unter den Hammer kamen. Marlenes Schminktisch etwa, ein Miniflügel auf dem schon Duke Ellington gespielt hatte oder das Bett auf dem die Beatles 1964 eine Kissenschlacht veranstaltet hatten (was durch Fotos von Harry Benson unsterblich wurde). Aber die Radikalkur hat dem angestaubten Art-Déco-Schmuckstück an der Avenue George V gut getan.

Schon bei seiner Eröffnung im Jahr 1928 hatte das Hotel die modernsten Bäder und größten Zimmer der Stadt. Und jetzt durch großangelegte Umbauten auf den Etagen sind sie noch ein bisschen größer geworden. Eine Wohltat im kleinräumigen Paris, wo selbst düstere kleine Gelasse mit guter Adresse mehr als 1000 Mark pro Nacht kosten können. Jeder Gast bekommt im Standardzimmer mindestens 37 Quadratmeter zugebilligt. Und die Suiten variieren von 70 bis 350 Quadratmetern. Kostenloses Schuheputzen gibt es, wie in allen Four Seasons-Hotels, für jeden Gast.

Die schönsten Zimmer und Suiten im George V liegen unter dem Dach. Manche haben mehrere Terrassen mit herrlichen Ausblicken über das vornehme achte Arrondissement, den Triumphbogen und den Eiffelturm.

Aber die Qualität des Hotels erkennt der Gast vor allem am Service. 500 Menschen kümmern sich hier um die Gäste in 245 Zimmern und Suiten. Die Wagenmeister arbeiten effizient und das Gepäck kommt in wenigen Minuten aufs Zimmer. Der weibliche Page an der Drehtür begrüßt auch neue Gäste mit Namen und das Einchecken geschieht in Rekordzeit. Besonders stolz ist die Hotelleitung auf die Arbeit ihrer Floristen: Sieben Blumenkünstler dekorieren die öffentlichen Bereiche des Hotels zwei Mal täglich neu. Abends etwa sorgen Hunderte von Kerzen in kleinen Milchgläsern vor den Blumenarrangements für ganz neue Lichtstimmungen. Kein Wunder, dass das Hotel abends auch von den Parisern gern besucht wird. Isabelle Adjani etwa kann man regelmäßig an der gut bestückten Hotelbar treffen.

Wie in den neuen Häusern der kanadischen Four Seasons-Gruppe üblich, sind die Mitarbeiter erstaunlich jung. Auch das macht den Aufenthalt mit Kindern erfreulich. Kleine Gäste werden mit einem spielerischen Toiletten-Set von Bulgari und einem namens-geschmückten T-Shirt willkommen geheißen. Das macht selbst auf weitgereiste Kids Eindruck. Und im 550 Quadratmeter großen Wellness-Bereich kümmert sich Bademeister Patrick liebevoll und kindgerecht um den Nachwuchs, was auch Vater Mick einmal durchatmen lässt. Natürlich hat soviel Service seinen Preis. 50 Mark für ein Sandwich mit wenig Salat als kleiner Nachmittagssnack lösen bei Nicht-Popstars erst mal Sparreflexe aus. Und die Übernachtungen fangen auch erst bei 460 Euro an. Aber solche Preise haben sich international in Rom, Moskau oder Tokio längst durchgesetzt. Nur da kann man vor der Herrentoilette mitunter lange auf Mick Jagger warten.

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