Zeitung Heute : Georgier beobachten

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Der Neu-Berliner ist gerne Beobachter. Natürlich hat er gelernt, dass man nicht in jeder Situation nur Beobachter bleiben darf. Etwa wenn die Lebenspartnerin geküsst werden will. Wenn man Zeuge einer Prügelei wird, sollte man ebenfalls nicht Beobachter bleiben. Der Neu-Berliner ist froh, dass in solchen Situationen bislang immer Größere und Stärkere dabei waren, die statt seiner ihren Beobachterposten aufgaben.

Der Neu-Berliner sitzt an der Bar seines Lieblingsrestaurants und plaudert mit seinem Freund Florian, der heute Thekendienst hat. Florian erzählt ihm, dass er gerade Birke, die Kellnerin, in seine Wohnung einen Block weiter gebracht habe, in sein selbst gezimmertes Himmelbett. Sie habe einen menstruell bedingten Schwächeanfall gehabt. Anja sei jetzt für sie eingesprungen. Jetzt gehe es ihr schon besser, und sie schlafe selig.

Als der Neu-Berliner sich erinnert, dass Birke einen georgischen Geliebten hat, und dass die Georgier für ihre besondere Eifersucht bekannt sind, denkt er an die Geschichte von Lali Kereselidze. Das ist eine Bekannte seines Vaters, die einmal einen Eifersuchtsmord auf der Bühne des Georgischen Nationaltheaters in Tbilisi mitansehen musste. Lalis Ex-Mann, der berühmte Schauspieler Guram Chavcharadze, brachte auf offener Bühne – es wurde Hamlet gegeben – seine Geliebte um, Natela Mikaberidze, die Darstellerin Ophelias, weil er davon überzeugt war, sie hintergehe ihn. Der damalige Generalsekretär der KP, Eduard Schewardnadse, verbannte ihn in das Luxuspflegeheim Juri Gagarin am Schwarzen Meer.

Daran denkt der Neu-Berliner, als auch schon Birkes georgischer Geliebter an der Theke steht und Florian fragt, wo denn Birke sei, sie habe doch Dienst. Florian hantiert mit dem Rücken zur Theke an der Espressomaschine und antwortet geistesabwesend über die Schulter, Birke sei in seinem Bett und schlafe.

Die Beherrschung des Georgiers ist bewundernswert. Florian merkt erst, mit wem er gesprochen hat, als er sich mit den Kaffeetassen in Richtung Theke dreht. Der Georgier fixiert Florian und gibt dem Neu-Berliner ein Zeichen, sich zu entfernen. Der Neu-Berliner setzt sich ans äußerste Ende der Theke und überlegt, ob er die Polizei rufen soll. Er sieht, dass die beiden nur wenige Worte wechseln und sich dann für eine Ewigkeit ohne zu blinzeln in die Augen schauen. Schließlich reicht Florian dem Georgier ein Schlüsselbund, der darauf das Lokal verlässt.

Florian erzählt dem Neu-Berliner, dass der Georgier belanglose Fragen gestellt habe, aber ansonsten nur seinen Blick geprüft habe. Georgier seien zwar eifersüchtig, und die Tradition gebiete ihnen bisweilen den Gebrauch der berühmten georgischen Dolche. Aber die Gesetze der Männlichkeit gäben eben auch vor, an den Augen abzulesen, ob es etwas gab, das es zu bestrafen gilt. Das könne jeder georgische Mann. Der Georgier habe das getan, und er, Florian, habe ihm dann den Wohnungsschlüssel gegeben. Der Neu-Berliner bestellt einen Espresso. Er beobachtet den aufsteigenden Rauch seiner Zigarette.

Beobachten auch Sie die Liebesbräuche unserer ausländischen Mitbürger. Nirgends geht das besser als in Berlin!

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