Zeitung Heute : Geplantes Kraftwerk macht Anlieger wütend

Der Tagesspiegel

Reinickendorf. Die Pläne zum Bau eines mit Müll betriebenen Heizkraftwerkes auf dem Bombardier-Werksgelände im benachbarten Hennigsdorf verunsichern die Anlieger in Reinickendorf. Der vorgesehene Standort ist nur wenige hundert Meter Luftlinie von Heiligensee entfernt, das am gegenüberliegenden Ufer des Nieder-Neuendorfer-Sees liegt.

Umweltstadtrat Thomas Gaudszun (SPD) beklagt die mangelnde Information des Bezirks durch die Brandenburger Behörden und fordert die Einschaltung der Gemeinsamen Landesplanungsbehörde. Nur durch Zufall habe man von dem Vorhaben erfahren, sagt Gaudszun. Auch bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sei das Projekt nicht bekannt, so das Resultat seiner Nachfrage bei Umwelt-Staatssekretärin Margot Krautsberger. Zumindest einen inhaltlichen Informationsaustausch müsse es geben, fordert der Umweltdezernent. „Dort soll nur Müll aus Brandenburg verarbeitet werden“, hat Baustadtrat Michael Wegner (CDU) inzwischen herausgefunden. Transporte durch Reinickendorf werde es deshalb nicht geben. Er geht aber davon aus, dass der Bezirk hinsichtlich des Immissionsschutzes im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens beteiligt werden muss.

Auch in Hennigsdorf ist man nicht glücklich über das Projekt. „Wir sind nicht beteiligt und es ist auch keine zwingende Beteiligung vorgesehen“, klagt der stellvertretende Bürgermeister Martin Witt. Weil ab dem 1. Juni 2005 Müll nicht mehr unbehandelt deponiert werden darf, hatte der Landkreis Oberhavel die Restabfallentsorgung im vergangenen Jahr ausgeschrieben. Im Februar erhielt die Bietergemeinschaft HEW Entsorgung/Energos Deutschland den Zuschlag. Mit einem Durchschnittspreis von 82 Euro pro Tonne Abfall hatte sie das günstigste Angebot gemacht.

Auf dem Bombardier-Werksgelände soll eine thermische Abfallbehandlungsanlage mit mechanischer Vorbehandlung entstehen, so die Kreisverwaltung. Sie wird aus zwei Einheiten mit einer Jahreskapazität von jeweils 40 000 Tonnen bestehen. Durch die Verbrennung des Mülls wird Energie gewonnen, als Restprodukte entstehen Schlacke sowie – als verbleibende Abfälle – Filterstaub und Metalle. Auf dem Bombardiergelände ist eine Sortierstation geplant, um die angelieferten Abfälle von Schad- und Störstoffen zu trennen, so Horst-Günter Hesse, Geschäftsführer der Energos Deutschland GmbH. Mit dem Rest soll als „Sekundärbrennstoff“ ein Heizkraftwerk betrieben werden, das Wärme für die Waggonfabrik liefert und eventuell überschüssige Energie in das Hennigsdorfer Fernwärmenetz abgibt. Damit unterscheide man sich deutlich von einer Müllverbrennungsanlage, betont Hesse. Das Kraftwerk werde nach „den schärfsten Bestimmungen des Bundesimmissionsschutzgesetzes“ zugelassen.

In Norwegen betreibt die Muttergesellschaft bereits eine Reihe derartiger Kraftwerke. Auch mit der ersten deutschen Anlage in Minden habe man nachgewiesen, dass die Abgaswerte nicht schlechter sind als bei der saubersten Erdgasverbrennung, so der Geschäftsführer. Sorgen machen den Hennigsdorfern auch mehr die bis zu 50 täglich erwarteten Lastwagen, die auf ihren Lieferfahrten durch benachbarte Wohngebiete rollen werden. Laut Hesse wird es sich nur um 25 bis 30 Fahrten handeln. In Reinickendorf befürchtete Transporte auf dem Wasserweg wird es dagegen nicht geben, so der Energos-Chef.

Die Stadtverwaltung möchte das Kraftwerk auf einen Alternativstandort im Sanierungsgebiet des ehemaligen Stahlwerkgeländes nordöstlich der Stadt verlegen. „Dort befindet man sich in Autobahnnähe, würden die Lastwagen keine Siedlungsgebiete berühren“, so Vize-Bürgermeister Witt. Gespräche mit dem Investor laufen. „Wir planen nach wie vor mit dem Bombardier-Gelände“, sagt indessen Energos-Geschäftsführer Hesse. Alternativen würden mit der Stadt geprüft, das Ergebnis sei abzuwarten. „Wenn sich ein besserer Standort findet, nimmt man den auch an.“

Bleibt es beim ursprünglichen Vorhaben, haben erboste Anlieger bereits die Gründung einer Bürgerinitiative angekündigt. Diese würde sicher breiteste Unterstützung aller Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung erhalten, ist Martin Witt überzeugt. Rainer W. During

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