Zeitung Heute : Geprägt von der Tradition

Obwohl kaum ein Volk auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion größerem Anpassungsdruck ausgesetzt war als die Kasachen, hat sich jede Region ihre Epen und jeder Stamm seine Erzählweise bewahrt

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Von Elke Windisch Bar yeken de, yok yeken de. Vielleicht ist es wahr, vielleicht auch nicht. Vielleicht waren sie satt, vielleicht waren sie hungrig. So beginnen die alten Epen der Kasachen. Vertonte Kunstwerke, die mündlich von Generation zu Generation überliefert werden. Jede Region hat ihre Epen, jeder Stamm seine Erzählweise. Bis heute. Knapp 13 Millionen zählen die Kasachen gegenwärtig weltweit, zwei Millionen davon leben in China, mehrere Hunderttausend in der Mongolei, fast eine Million in Russland. In der Republik Kasachstan dagegen stellt die Titularnation mit knapp acht Millionen nur rund 53 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Mit 2,7 Millionen Quadratkilometern fast siebeneinhalb Mal so groß wie Deutschland, ist Kasachstan extrem dünn besiedelt. Kasachisch gehört zum nordwestlichen Zweig (Kiptschak) der türkischen Sprachfamilie und ist eng verwandt mit Kirgisisch. Beide Völker hatten bis weit in die Neuzeit eine gemeinsame Geschichte und sogar einen gemeinsamen Namen. Um Verwechslungen mit den russischen Kosaken auszuschließen, vereinnahmten sogar Forscher die Kasachen als Kirgisen. Kasachen und Türken dagegen können sich, obwohl ihre Sprachen eine gemeinsame Wurzel haben, auch bei relativ anspruchslosen Unterhaltungen nicht mehr ohne Dolmetscher verständigen. Denn ihre Schicksale trennten sich früh.

Europa wird von der Völkerwanderung an der Grenze zwischen Spätantike und frühem Mittelalter traumatisiert. In Asien beginnt das Drama schon kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung. Türkische Stämme werden von den Hunnen, die im 2. Jahrhundert aus China gen Westen aufbrechen, gnadenlos vor sich hergetrieben. Ihre Flucht kommt erst 150 Jahre später zum Stehen – im heutigen Kasachstan. Dort entsteht am Ende des 5. Jahrhunderts ein locker organisiertes Reich türkischer Steppenkrieger. 1219 sackt Dschingis Khan dessen Reste ein und heuert die Reiterei des Steppenstaates für den Schutz der Westgrenzen seines Mongolenreiches an.

Das Wort Khasaq – alttürkisch Wächter – setzt sich bald darauf als Eigenbezeichnung durch: für die Nation, die sich zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert bildet, als die mongolische Oberschicht allmählich mit den Unterworfenen verschmilzt. Und für deren erste Staatsgründung: Die Khasaq orda, die um 1400 auf den Trümmern der mongolischen Goldenen Horde entsteht. Ohne voll ausgeprägte Strukturen und eher als Interessenkartell der drei großen Stammesverbände – der Horden (zhuz). Eben diese Strukturen sind bis heute prägend, kulturelle und anthropologische Unterschiede klar erkennbar.

Zur Großen Horde, die traditionell die Eliten stellt, gehören die Stämme des Südens, zur Mittleren Horde zählen sich die Nomaden Zentral-, Nord- und Ostkasachstans, zur Kleinen Horde die Stämme der Wanderhirten zwischen Kaspi- und Aral-See.

In der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts wagen sich Emissäre des Zaren erstmalig in die Weiten jenseits des Meeres der Chasaren vor, wie die Kaspi-See damals hieß. Hundert Jahre später rufen die Große und Mittlere Horde Moskau offiziell als Schutzmacht gegen expandierende Nachbarn an. Zunächst mischt Russland sich nicht ein. Mitte des 19. Jahrhunderts ist es damit jedoch vorbei. 1873 werden das heutige Kasachstan und seine vier zentralasiatischen Nachbarn offiziell dem Russischen Reich einverleibt. Als Provinz Turkestan.

1917 bricht das Zarenreich zusammen, erneut übernehmen die alten Stammeseliten die Macht, Kasachstan ist wieder unabhängig. Alasch orda nennt sich der neue Staat, den die Bolschewiki schon 1920 wieder liquidieren. Ab 1929 mit Almaty als Hauptstadt, wird Kasachstan Autonome Republik im Bestand Sowjetrusslands. 1936 werden Kasachstan und dessen Nachbarn zu Unionsrepubliken aufgewertet und Russland damit formell im Rang gleichgestellt. Ihre Grenzen zieht Stalin mitten durch das traditionelle Siedlungsgebiet der zentralasiatischen Völker. So bekommt Usbekistan nicht nur die von Kasachen besiedelten Gebiete östlich von Taschkent, sondern auch die Region am Südufer des Aral-Sees: Karakalpakistan, dessen Urbevölkerung – heute rund 400 000 Seelen – kulturell und sprachlich mit den Kasachen sehr viel enger verwandt ist als mit den Usbeken. Mit der Teileund-Herrsche-Politik wollte Stalin die Wiederholung von Revolten unmöglich machen, mit denen die Nomaden sich gegen die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft aufgelehnt hatten.

Zwar entwickelten die roten Kommissare für Kasachisch, das bis zur Revolution 1917 arabische Schriftzeichen verwendete, ein eigenes Alphabet. Auf der Basis des kyrillischen, das mit einem Drittel der Zeichen auskommt und daher schnelle Erfolge bei der Überwindung des Analphabetentums brachte, das 1920 bei über 90 Prozent lag. Gleichzeitig aber verbannten sie Kasachisch als Relikt des Feudalismus in die Schmuddelecke. Strafexpeditionen gegen national gesinnte Intellektuelle und Zwangsansiedlung anderer Volksgruppen tun ein Übriges. Die Russlanddeutschen, die bis dato an der Wolga lebten, verbannt Stalin nach Sibirien und Kasachstan, die Tschetschenen wegen angeblicher Schützenhilfe für die Wehrmacht im Februar 1944 ebenfalls. 1957 lässt KP-Chef Nikita Chruschtschow die Tschetschenen zurück in den Kaukasus. Gleichzeitig aber werden erneut Tausende Russen nach Kasachstan zwangsumgesiedelt. Sie sollen das Grasland im Norden zur neuen Kornkammer der Sowjetunion machen.

Die kommunistische Großtat wird ein Desaster, als das Pendel der Geschichte zurückschlägt: Kasachstan, das 1991 unabhängig wird, investiert Millionen, um den Steppenboden, für Weizenanbau über längere Zeit nicht tauglich, als Weideland zu rekultivieren. Zwangsläufig kommt es dadurch zu Spannungen zwischen Urbevölkerung und den einstigen Neusiedlern. Mit 30 Prozent inzwischen zweitgrößte Volksgruppe, verfügen die Russen in den nördlichen Gebieten teilweise sogar über Mehrheiten von über 60 Prozent.

Mehr noch: Von der Zwangsvorstellung besessen, Träger einer angeblich überlegenen Kultur zu sein, beargwöhnen die Russen Bemühungen der Kasachen, ihre Kultur und ihre vergewaltigte Nationalsprache zu reanimieren, als Angriff auf die eigene Identität.

Ein Gesetz bestätigt Russisch 2005 als Verkehrssprache, macht Kasachisch jedoch zur Pflicht für den gesamten Schriftverkehr. In den letzten Jahrzehnten vor der Unabhängigkeit wurde Kasachisch nur auf dem flachen Land gesprochen, auch dort reichlich mit russischen Brocken durchsetzt. Mit der Nationalsprache, so das Kalkül der sowjetischen Kremlherrscher, sollte nämlich die kollektive Erinnerung ausgelöscht, die Kasachen zu Mankurts degradiert werden: willenlosen Sklaven.

Lange vor dem berühmteren Kirgisen Tschingis Aitmatow greifen mutige kasachische Schriftsteller das Mankurt-Motiv der Volksdichtung auf, um den Verlust nationaler Identität, Umweltzerstörung, Alkoholismus und moralischen Verfall der Gegenwart anzuprangern. Kasachische Filmschaffende prügeln sich ein paar Jahre später mit einheimischen Zensoren um jede Einstellung eines Films, der die Titelstory der Sammlung auf zwischenmenschlicher Ebene weiterspinnt. Es geht um den Leidensweg einer Kamelstute, die es immer wieder zurück zum Kaspi-See treibt und die sich letztlich mit einem Sprung in einen Abgrund ihren Verfolgern entzieht. Sprengstoff pur für das zusammenbrechende Sowjetimperium. Der Film landet im Giftschrank. Erst 2005 wird er öffentlich aufgeführt.

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