Zeitung Heute : Geregelte Ernährung

Cordula Eubel

Der Fall der US-Komapatientin Schiavo hat in Deutschland eine Diskussion über geplante Einschränkungen bei der künstlichen Ernährung entfacht. Was wären die Folgen, wenn die Änderungen wie geplant umgesetzt würden?

Einen ähnlichen Fall wie den der Terri Schiavo hat es auch in Deutschland schon gegeben. So wurde die künstliche Ernährung einer schwerstkranken Patienten eingestellt, obwohl sie sich vorher nicht eindeutig geäußert hatte, berichtet Eugen Brysch von der Deutschen Hospiz Stiftung. Die alte Dame war verwirrt, sie lag nach einer Hirnblutung im Koma. Nach sieben Jahren künstlicher Ernährung beantragte ihr Ehemann, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden. Auch der Hausarzt hatte die Meinung vertreten, dass die Patientin so nicht hätte weiterleben wollen.

Die Rechtslage ist in Deutschland nicht eindeutig. Die Frage, ob eine künstliche Ernährung abgebrochen wird, hat daher schon zahlreiche Vormundschaftsgerichte beschäftigt. Problematisch ist, dass nur in wenigen Fällen schriftliche Patientenverfügungen vorliegen, mit denen der Wille eindeutig nachvollziehbar ist. Zudem haben Patientenverfügungen keinen klaren rechtlichen Status. Das wollen Politiker aller Parteien jetzt mit gesetzlichen Regelungen ändern.

Nun hat der Bundesgerichtshof 2003 entschieden, dass die Ernährung von Patienten nur dann abgebrochen werden darf, wenn das Leiden einen tödlichen Verlauf angenommen hat. Wachkoma-Patienten wie Terri Schiavo können aber in der Regel über eine Magen-Darm-Sonde am Leben gehalten werden. Der Fall Schiavo hat deshalb in Deutschland nicht nur die Debatte über Sterbehilfe neu entfacht, sondern auch die Diskussion darüber, in welchen Fällen eine künstliche Ernährung von den gesetzlichen Krankenkassen – und damit von der Gesamtheit der Beitragszahler – finanziert werden soll. Völlig unstrittig dabei ist, dass Komapatienten auf diese Art und Weise ihre Nahrung erhalten. Strittig hingegen ist die künstliche Ernährung für ambulant betreute Patienten: Ärzte und Krankenkassen haben vor wenigen Wochen im Gemeinsamen Bundesausschuss (GemBa) Regeln darüber vereinbart, in welchen Fällen anhand welcher Kriterien eine künstliche Ernährung für ambulant betreute Patienten von der Krankenkasse erstattet werden soll. Jetzt hat das Gesundheitsministerium, sollte es Bedenken haben, bis Ende April Zeit, diese vorzubringen. Was sehen die Regeln konkret vor?

Eine künstliche Ernährung, bei der die Nährstoffe über Trink- oder Sondennahrung zugeführt werden, soll nur noch dann von der Kasse erstattet werden, wenn sie medizinisch notwendig ist, zum Beispiel bei mechanischen Schluckstörungen, wie sie nach einem Schlaganfall auftreten können. Der GemBA definiert daher bestimmte Krankheitsbilder. Eine Öffnungsklausel soll garantieren, dass auch seltene Erkrankungen, die nicht aufgelistet sind, berücksichtigt werden können.

Medizinisch nicht notwendig seien Sonden zum Beispiel in Fällen von Mangelernährung, sagt der GemBA-Vorsitzende Rainer Hess. Hier bestehe eher die Gefahr, „dass in Altersheimen aus Bequemlichkeit auf künstliche Ernährung umgestellt wird“. Schließlich ist es zeitaufwändiger, pflegebedürftige Senioren zu füttern als sie künstlich zu ernähren. Schon heute werden etwa 70 Prozent von den jährlich 140 000 Sonden bei Heimbewohnern gelegt. Und wenn ältere Patienten erst einmal über eine Sonde ernährt werden, behalten sie diese in der Regel auch: Ihre Kaumuskulatur bildet sich zurück, so dass sie das Schlucken erst wieder trainieren müssten.

Die betroffenen Verbände protestieren gegen die geplante Einschränkung auf bestimmte Krankheitsbilder – nicht zuletzt, weil es sich bei den Ernährungssonden mit einem Umsatz von 500 Millionen Euro im Jahr um einen lukrativen Markt handelt. Doch Patientenorganisationen halten die Vorschläge des Ausschusses für vertretbar.

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