Zeitung Heute : Gerontologen haben Zukunft

Walter Schmidt

Wenige Unternehmer haben aus dem Trend einer vergreisenden Gesellschaft so klare Konsequenzen gezogen wie Darius Khoschlessans. Schon vor acht Jahren hat der Mediziner in Heidelberg das erste von inzwischen 16 "Senio"-Fachgeschäften eröffnet, in denen Ältere allerlei Praktisches finden - vom Toilettenstuhl über Leselupe und Teleskop-Greifarm bis zum Einkaufswagen mit Klappsitz. Artikel wie Großtasten-Telefone und Knopfschließer stellt Senio gleich selber her. So sehr Khoschlessans von seiner Initiative profitiert, so sehr ärgert ihn ihre Notwendigkeit: "Die Ignoranz, mit der Handel und Industrie bisher den Bedürfnissen und Wünschen der Senioren begegnen, wird keiner anderen Altersgruppe zugemutet."

Khoschlessans denkt dabei nicht etwa nur an notorisch "unbedienbare High-tech Videorekorder" und Warenverpackungen, "an denen selbst kräftige Männerhände scheitern". Der Arzt meint damit auch das Problem, im hohen Alter in die Badewanne zu steigen und die Gardinen selber aufzuhängen. Für solche Sorgen sei die Wirtschaft bis heute blind. Doch der Bedarf an Fachleuten, die sich in alte Menschen und ihre Bedürfnisse einfühlen können, wird wachsen. Gerontologen werden in Zukunft gefragt sein.

Kein Wunder also, wenn immer mehr junge Leute nach vorne schauen - und die Wissenschaft des Alterns studieren. Zum Beispiel Angelika Mielke: "Eine gute Gerontologin muss genauso wenig selbst alt sein, wie eine gute Psychiaterin selber schizophren sein muss", sagt die Karlsruherin. Sie hat das Fach an der Universität der niedersächsischen Kleinstadt Vechta belegt - im bundesweit einzigen Diplom-Studiengang, der auch Abiturienten ohne fachliche Vorkenntnisse offen steht. An anderen Hochschulen, etwa in Kassel, Dortmund oder Heidelberg, kann Gerontologie nur als Aufbau- oder Zusatzstudium belegt werden.

Der Trend spricht für das Fach: Leben heute noch rund 18,5 Millionen über 60-Jährige in der Bundesrepublik, werden es im Jahr 2030 etwa 26,5 Millionen sein - jährlich 200 000 Zuwanderer schon eingerechnet. In 30 Jahren werden also acht Millionen mehr Menschen über 60 sein als derzeit und damit zu einer Altersgruppe gehören, die mindestens ein Drittel der schrumpfenden Bevölkerung stellt - heute sind es 22 Prozent.

Wie viele Gerontologie-Studierende hat auch Angelika Mielke im bereits seit längerem boomenden Heim- und Pflegebereich ihre ersten beruflichen Erfahrungen mit alten Menschen gemacht. Nach dem Abitur lernte sie Altenpflegerin in einem Karlsruher Altersheim und hat dort als solche gearbeitet. Dabei sei sie "auf große Missstände getroffen", sagt die angehende Gerontologin. "Es herrschte Pflegenotstand, eine Schwester musste ein Dutzend alte Menschen betreuen, davon etliche schwerste Pflegefälle", wobei das Personal oft unzureichend ausgebildet gewesen sei. "Alte Menschen werden von der Gesellschaft vergessen, sobald sie im Pflegeheim sind", sagt Mielke.

Noch sind Alters- und Pflegeheime sowie Senioren-Zentren die wichtigsten Einsatzgebiete studierter Gerontologen. "Zwei Drittel bis drei Viertel" der bisherigen Absolventen der Voll- und Aufbaustudiengänge in Vechta hätten Stellen in diesen Bereichen gefunden, oft in leitender Funktion, berichtet Claus Schmelz, selber Gerontologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität. Schon deshalb würden im Grundstudium des neunsemestrigen Diplom-Studiengangs ausreichende Kenntnisse in Betriebswirtschaftslehre, Jura und Sozialpolitik vermittelt. Zu den Pflichtfächern gehören aber auch Kurse wie "Geriatrische Krankheitsbilder", "Psychologische Alterns-Theorien" oder "Das System der sozialen Sicherung". Im Hauptstudium entscheiden sich die Studierenden für einen der beiden Schwerpunkte "Management und Sozialplanung" oder "Rehabilitation und Altenhilfe". Das breite Kursangebot soll die Absolventen später zu Mittlern zwischen anderen Fachleuten machen, etwa wenn ein neues Pflegeheim konzipiert wird. "Rechtsanwälte, Architekten, Betreiber und Geldgeber verstehen einander in aller Regel nicht", sagt Schmelz.

Zurzeit werden in Vechta rund 140 Studierende im Voll-Studiengang ausgebildet, den es erst seit fünf Jahren gibt. Die Studierenden sind im Durchschnitt 29 Jahre alt, zwei Drittel sind Frauen. Die Zahl der Studienbewerber wächst. Neue Einsatzgebiete für die Experten des Alterns kommen ständig hinzu, etwa in der Qualitäts- und Unternehmensberatung, in Architektur und Regionalpolitik sowie im Marketing für Seniorenprodukte. So beschäftigt sich ein Diplomand in Vechta mit Möglichkeiten für Fitness-Studios, Angebote für ältere Menschen zu entwickeln. Auch haben zwei Pharma-Unternehmen die Gerontologen beauftragt, Medikamente so zu verpacken, "dass alte Menschen die Arzneien richtig einnehmen", sagt Claus Schmelz. Dazu sollen die Schrift leserlich und die Hinweise leicht verständlich sein - und nicht zuletzt muss die Verpackung sich auch mit Gichtfingern öffnen lassen.

Der Rat von Gerontologen wird künftig auch bei Architekten und Hausgeräte-Herstellern gesucht sein. Denn die Alterung der Gesellschaft wird laut Claus Schmelz bewirken, "dass wir Dinge künftig als Einschränkung des Komforts empfinden werden, die man bisher schicksalsergeben hingenommen hat". So würden extra handliche Griffleisten an Möbeln, Klingeln mit erhabenen statt versenkten Knöpfen oder barrierefreie Duschwannen nicht länger als "orthopädische Krücken" angesehen, sondern "ganz einfach als praktischer und bequemer".

Doch nicht nur beim Entwickeln altengerechter Waren und Diensten können Gerontologen wertvolle Hinweise geben, sondern auch beim psychologisch geschickten Vermarkten. Wer an 65-Jährige verkaufen will, wirbt in Reklamefilmen am Besten mit deutlich jüngeren Akteuren. Gerhard Naegele, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Dortmund, nennt als Beispiel für diese Masche "kleine oder teilbare Bier- und Sprudelkästen", die große ersetzen sollen. Typischerweise plagen sich hier junge, kräftige Männer beim Schleppen von schweren Bierkisten - gezielt werde mit solcher Werbung indes auf alte Menschen.

Wer sich neun oder mehr Semester mit den Nöten und Wünschen alter Menschen beschäftigen will, sollte sie mögen. Um das herauszufinden, sind Erfahrungen mit Senioren hilfreich, etwa aus dem Zivildienst. Miriam Benner hat vor ihrem Studienantritt in Vechta ein Soziales Jahr in einem Recklinghäuser Altenheim absolviert. Später würde die 22-Jährige gerne in einem Pflegebüro arbeiten, wie sie es in Münster kennen gelernt hat. Dort sei einmal Hilfe suchend eine alte Frau erschienen, deren Mann zum Pflegefall geworden war. Ein Pflegebüro organisiere in solchen Fällen eine "Rundum-Versorgung".

Mit ihrem Studium fühlt sich Miriam Benner mit Blick auf die vergreisende Gesellschaft goldrichtig. Kein Wunder: Nach einem halben Jahr hatte der gesamte erste Schwung Vechtaer Absolventen einen studiennahen Job manche noch schneller.

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