Zeitung Heute : Geschäft mit Unbekannten

Der US-Konzern Halliburton hat im Irak gut zu tun – etwas zu gut, meinen die amerikanischen Demokraten

Matthias B. Krause[New York]

Der US-Konzern Halliburton soll für Aufträge im Irak etwa eine Milliarde Dollar zu viel berechnet haben. Welche Rolle spielt Halliburton in der amerikanischen Irakpolitik?

Zu Donald Rumsfelds Vorstellung von einem modernen Krieg gehört nicht nur eine kleine, schlagkräftige Armee, sondern auch die Auslagerung von so vielen Aufgaben wie möglich. Beides Taktiken, die den Pentagonchef im Irak Monat um Monat in Verlegenheit bringen. Neben der Dauerdiskussion, ob die USA tatsächlich genügend Truppen am Boden haben, um die Widerständler zu bekämpfen, hängt ihm ein zweiter potenzieller Missgriff an wie ein Kaugummi am Schuh: Halliburton. Schon im Wahlkampf im vergangenen Herbst hatte der texanische Öl- und Logistik-Konzern den Demokraten immer wieder Munition geliefert. Die Vorwürfe: Vetternwirtschaft, Korruption und Missmanagement. Nun legten sie eine weitere Untersuchung vor, wonach die Texaner eine Milliarde Dollar zu viel für ihre Dienste im Irak kassierten und für weitere 450 Millionen Dollar keine hinreichenden Belege präsentieren können.

Für Präsident George W. Bush sind es nicht eben erfreuliche Schlagzeilen, die Halliburton derzeit macht. Bushs Vorgehen im Irak findet im eigenen Land ohnedies immer weniger Zuspruch. Einer am Montag veröffentlichten Studie des Fernsehsenders ABC News und der Zeitung „Washington Post“ zufolge missbilligen 56 Prozent seine Irakpolitik. Erstmals ist nun auch eine Mehrheit der Überzeugung, die Regierung habe die Öffentlichkeit beim Irakkrieg bewusst in die Irre geführt. Die Kritik nimmt der Präsident zum Anlass für seine Rede, die er am Dienstagabend (Ortszeit) hält.

Bei der Vorlage der von einem Republikaner und einem Demokraten verfassten Untersuchung der Arbeitsweise von Halliburton ließ sich in Washington allerdings kein einziger Republikaner blicken. „Sie geben Halliburton schlicht einen Freibrief“, beschwerte sich daraufhin Senator Frank R. Lautenberg, Demokrat aus New Jersey. Das Pentagon habe mehrfach heftig zugunsten des von 1995 bis 2000 vom jetzigen Vizepräsidenten Dick Cheney geführten Konzerns interveniert, gab dann eine als Zeugin geladene Armeemitarbeiterin zu Protokoll, die mit der Abwicklung der Halliburton-Verträge beschäftigt war. „Das war der skrupelloseste und unmöglichste Missbrauch, den ich in meiner beruflichen Laufbahn erlebt haben“, sagte Bunnatine Greenhouse. Praktisch jeder Aspekt des Vertrages, der Halliburton mit der Versorgung der US-Soldaten im Irak beauftragte und gemäß dem bisher etwa zehn Milliarden Dollar ausgegeben wurden, sei direkt von Rumsfelds Büro gesteuert worden.

Eine Sprecherin des angegriffenen Konzerns wies die Vorwürfe zurück. Sie seien irreführend und stark übertrieben. Alle Unstimmigkeiten mit dem Pentagon habe man mittlerweile geregelt. In der Tat hatte das Verteidigungsministerium sich geweigert, 55 Millionen Dollar von einer Rechnung zu bezahlen, die insgesamt 1,2 Milliarden Dollar betrug. Dabei war es um die Verpflegung der Soldaten im Irak gegangen. Halliburton hatte versucht, an einem Standort für 20000 Mahlzeiten am Tag zu kassieren, aber nur 10000 tatsächlich ausgegeben. Die Differenz erklärte das Unternehmen damit, dass die Soldaten mehr als eine Portion gegessen hätten. Das Pentagon zahlte, nachdem es einen unabhängigen Prüfer eingeschaltet hatte, schließlich für 1,3 Portionen.

Rory Mayberry, der bei der Halliburton-Tochter Kellogg, Brown & Root (KBR) angestellt war, warf seinem ehemaligen Arbeitgeber jedoch weitere Verfehlungen vor. In einer Video-Botschaft aus dem Irak für die Anhörung sagte er, KBR habe Essen ausgegeben, die längst abgelaufen gewesen seien. Außerdem hätte die Firma ihre Mitarbeiter angewiesen, Munitionsreste und Granatensplitter aus Lieferungen herauszusammeln, die unter Feuer geraten waren. Wenn sie später mit Prüfern des Pentagon kooperierten, seien sie in gefährlichere Gegenden strafversetzt worden. Noch ein Vorwurf, den die Firma zurückweist. Mayberry arbeitet mittlerweile für einen Halliburton-Konkurrenten im Irak. Eine mangelnde Kontrolle des Verteidigungsministeriums und das „nicht hinterfragte Vertrauen in Halliburtons Versicherungen“ habe die Missbräuche möglich gemacht, schreiben der republikanische Abgeordnete Henry Waxman und der demokratische Senator Byron Dorgan in ihrem Bericht weiter. Während die Regierung ursprünglich zum Beispiel davon ausgegangen sei, dass es 1,9 Millionen Dollar monatlich kosten werde, um den Flughafen in Bagdad zu betreiben, kassierten die Texaner 12,8 Millionen Dollar.

Zu Beginn des Krieges hatte Halliburton ohne Bieterverfahren zudem den Auftrag erhalten, die Ölfelder im Irak in Stand zu halten. Dazu gehörte auch die Lieferung von Benzin, wofür der Konzern zwischen einem und 1,3 Dollar pro Gallone berechnete. Ein Konkurrent, der den Job später übernahm, gab sich dagegen mit 18 Cent zufrieden. Trotz der Mauscheleien geriet KBR im vergangenen Jahr in finanzielle Schwierigkeiten. Das Pentagon sorgte jedoch Anfang dieses Jahres dafür, dass die Halliburton-Tochter, die nun verkauft werden soll, wieder schwarze Zahlen schreibt: Es zahlte eine Erfolgsprämie in Höhe von 82,3 Millionen Dollar – für „sehr gute“ und „exzellente“ Arbeit.

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