Zeitung Heute : Geschäftig wie keine andere

Eine Lebensader für den Bezirk: Die Berliner Straße verändert ihr Gesicht, ohne ihre Traditionen zu verleugnen

Rainer W. During

Mit den Werbefahnen auf dem Mittelstreifen hat sich der Bezirk eine neue Einnahmequelle erschlossen. Nördlich der Veitstraße verändert die Berliner Straße ihr Gesicht. Hier beginnt die Einkaufsmeile der Tegeler, die sich rund 600 Meter hinauf bis zum Hafen zieht und die Querstraßen einschließt.

Am Fahrbahnrand ist kaum ein freier Parkplatz zu finden und auf dem Gehsteig hasten Passanten vorbei an den Schaufenstern der Läden. Zwischen Filialisten und Banken finden sich immer wieder Fachgeschäfte – zum Teil mit langjähriger Tradition, auch wenn manch alteingesessenes Unternehmen angesichts der Handelsketten aufgeben musste.

Zu denen, die durchgehalten haben, zählt die 1876 gegründete Adler-Apotheke. Seit 1891 residiert sie im Haus Nummer 91, wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert und umgebaut. Die alte Registrierkasse von 1930 steht im Schaufenster, und im Hof wird der angelegte Kräutergarten mit mehr als 100 Heilpflanzen gepflegt.

In Alt-Tegel, wo einst die Straßenbahn wendete und 1976 Berlins erste Fußgängerzone eröffnet wurde, befindet sich mit der 1853 gegründeten Süßwarenhandlung von Julius Schönborn das älteste Geschäft am Platz. Seit einem knappen Jahrzehnt bewirtschaften Susanne und Detlef Bujack den letzten Laden des einst stadtweiten Pralinen-Imperiums. Der eigenen Tradition folgend legt man bei der Auswahl der Lieferanten großen Wert auf alteingesessene Berliner Firmen wie Rausch & Fassbender, Schokoladen-Walter, Sawade und Faustmann, sagt Susanne Bujack. Zu den Schwerpunkten des Ladens gehören das große Sortiment an Ingwer in allen Variationen Ronefeldt-Tees. Örtliche Spezialität ist der Tegeler Rumtopf. Die große Zahl an Stammkunden weiß das Sortiment zu schätzen, aber auch viele Passanten decken sich auf dem Weg zu den Dampferanlegestellen hier schnell noch mit einer süßen Wegzehrung ein, berichtet Ehemann Detlef.

Ein paar Schritte weiter versieht Marina Feldmann ihren Dienst im neuen Infopavillon der Reinickendorfer Touristeninformation. Weit über 1000 Besucher haben sich hier seit der Eröffnung im April schon Rat geholt. Begehrt sind die Wander- und Radfahrerkarten. Die häufigsten Fragen beziehen sich auf Ausflugsdampfer und die Restaurants. Daran mangelt es an der hinunter zum Tegeler See führenden Berliner Straße nicht. Spaziergänger haben hier die Auswahl unter rund anderthalb Dutzend Gaststätten vom Eiscafé über das Bistro bis zur Tapas-Bar. Von der gutbürgerlichen deutschen Küche über den klassischen Italiener bis zum Chinesen ist hier alles im gastronomischen Angebot. Fast überall laden Tische und Stühle auf dem Gehsteig im Schatten der Buchen auch zum Verweilen im Freien ein, so dass an warmen Tagen eine mediterrane Atmosphäre herrscht.

Auf der Ostseite der Berliner Straße ist beiderseits der Gorkistraße 1972 mit dem Tegel-Center eines der ersten Shoppingcenter Berlins entstanden. Rund 60 Fachgeschäfte laden hier auf zwei Etagen zum Einkaufsbummel ein. Gleich nebenan setzt Karstadt die Tradition des EPA-Kaufhauses aus den 30er Jahren fort. Allerdings hat der angeschlagene Handelskonzern die Filiale auf die Liste der auszugliedernden Standorte gesetzt, es wird nach einem neuen Investor gesucht. Filialleiter Michael Gosda ist sicher, dass eine Lösung gefunden wird. Schließlich zähle Tegel nach wie vor „zu den stabilsten Einkaufsgegenden“. Die nahen Hallen am Borsigturm sieht er nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung. „Wir ergänzen uns wunderbar.“

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