Zeitung Heute : Geschäftige Freundschaft

Elke Windisch[Moskau]

Der Einstieg von Altkanzler Schröder bei der deutsch-russischen Pipeline-Gesellschaft NEGPC stößt in Deutschland weiter auf Kritik. Aber weshalb ist sein Engagement auch in Russland umstritten?


Geplant war ein Mediencoup erster Güte, heraus kam allerdings ein PR-Gau: Die Ernennung von Altbundeskanzler Gerhard Schröder zum Aufsichtsratschef des Pipeline-Konsortiums NEGPC hat in den russischen Medien den eigentlichen Anlass, den Baubeginn der Gasleitung durch die Ostsee, weitgehend überlagert.

Vor allem in den Montagsausgaben der Tageszeitungen sparten die Kommentatoren nicht mit Kritik. Zuvor hatten schon Bürgerrechtler und Vertreter der Opposition am Wochenende in Interviews mit kritischen Radiosendern das Vorhaben nach allen Regeln der Kunst abgewatscht. Der Tenor: Für Schröder hätten sich nun dessen „Sehschwächen“ und „Wahrnehmungsdefizite“ in Bezug auf das Demokratieverständnis von Präsident Wladimir Putin ausgezahlt.

„Pipeline der Freundschaft“, betitelte die einflussreiche Wirtschaftszeitung „Kommersant“ ihren gestrigen Leitartikel. Damit wird auf eine gleichnamige Erdölleitung angespielt, die Moskau in den 70er Jahren für die Versorgung ihrer sozialistischen Bruderstaaten Osteuropas gebaut hatte. Die Zeitung kommt zu dem Schluss, Russland exportiere seine Kaderpolitik ohne Abstriche nach Westeuropa. Das gemeinsame europäische Gasprojekt werde nun „durch eine Figur geleitet, die das persönliche Wohlwollen des russischen Präsidenten genießt“. Schröders Ernennung sei angesichts der absehbaren Wahlniederlage der SPD schon lange vorher geplant gewesen.

Einschlägige Gerüchte hatten in Moskau tatsächlich schon kurz nach der Bundestagswahl die Runde gemacht. Eben deshalb, schreibt „Kommersant“, habe der Altkanzler schnell Interesse an anderen Beschäftigungsmöglichkeiten signalisiert, die das Blatt dann auch akribisch aufzählt. Diese seien jedoch nur ein Vorwand gewesen, um von dem geplanten Einstieg bei Gasprom abzulenken. Schröder, mutmaßt „Kommersant“, sei sich offenbar bewusst gewesen, dass sein Engagement bei dem Monopolisten nicht nur „ihn persönlich, sondern auch das Ansehen der SPD“ beschädigen könne. Außerdem sei Schröder nicht der erste und auch nicht der einzige deutsche Freund Putins, der einen lukrativen Posten bei dem Pipeline-Konsortium bekommen habe.

Kritisch gesehen wird in vielen russischen Zeitungen vor allem die mutmaßliche Berufung des Chefkoordinators der Dresdner Bank in Russland, Matthias Warnig, zum Generaldirektor der NEGPC. Dieser sei ein ehemaliger Stasi-Offizier, der Ende der 80er Jahre in der DDR die Bekanntschaft des damaligen KGB-Offiziers Putin gemacht habe, schreibt „Wedomosti“, der russische Ableger des „Wallstreet Journal“. Die Dresdner Bank, die erst kürzlich die Übernahme von Anteilen der Gasprom-Bank bekannt gegeben hatte, habe schon mehrfach russische Gasbarone bei brisanten Deals beraten. Auch seien unter der persönlichen Leitung Warnigs Gasprom-Anleihen für den umstrittenen Kauf des Ölgiganten Sibneft in Höhe von 1,75 Milliarden Euro platziert worden.

„Schröders Stil widerspricht der deutschen Unternehmenskultur“, rügt die kritische Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“: In Deutschland schließlich würden ähnlich brisante Ernennungen stets im Vorfeld durchsickern, um die öffentliche Meinung zu testen. Der frühere Regierungssprecher Bela Anda aber habe noch im Oktober auf Anfrage des Blattes Spekulationen über den Einstieg Schröders bei Gasprom vehement dementiert.

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