Zeitung Heute : Geschenke einpacken

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Seit der Antike gibt es unter bestimmten Menschen die Tendenz, die Welt auf dem Weg in den Abgrund zu sehen. Gottlos, grottig, gründlich verdorben. Es sind natürlich vor allem alte Menschen, die so denken, weil sie wissen, dass der Abschied naht. Und es macht Abschiede natürlich immer leichter, wenn man sich den zu verlassenden Ort schlecht redet. Ob jemand nur alt im Herzen ist oder ob auch sein Personalausweis einen irgendwie methusalemischen Eindruck macht, spielt dabei keine Rolle. Dabei würde es reichen, die Augen ein wenig aufzureißen, um zu erkennen, dass es so furchtbar gar nicht sein kann.

Lebt man heute noch in Tonnen? Bestimmt nicht. Ein Wohnwagen ist das mindeste, wenn man es gern ein wenig ursprünglich und mobil hat. Lehren die Leute vielleicht auf Marktplätzen? Mitnichten. Dort verkaufen sie nur noch Apfelsinen. Lehren tun sie inzwischen in (trotz allem!) gepolsterten Hochschulsesseln. Besteht die Welt etwa vorwiegend aus gottlosen Heiden, nur weil sich nur noch wenige in die Kirchen trauen? Auch nicht. Die Adventszeit steckt voller Beweise.

Man muss nur mal zu einem ganz normalen Society-Termin gehen, um zu sehen, dass die Damen der Gesellschaft ihre Vorbildfunktion erfüllen wie seit Jahrhunderten, auch wenn ihr Parfüm heute etwas anders riecht als in der Antike, sich die technologischen Möglichkeiten bei der Make-up-Produktion seit der Renaissance sichtbar verbessert haben und der Klamottenschnitt sich heutzutage, anders als selbst noch zur Zeit der Aufklärung, an einem gewachsenen Bedürfnis nach schnellen Bewegungen orientiert.

Um ein auch ästhetisch schönes Beispiel zu betrachten, begeben wir uns einfach mal in das Haus mit der eindrucksvollsten Weihnachtsdekoration. Dort, in der Residenz des US-Botschafters, empfängt Marsha Ann Coats Mitglieder und Freundinnen des Diplomatenclubs „Willkommen in Berlin“, der sich übers Jahr ganz rührend um Neuankömmlinge aus Ländern kümmert, deren geographische Lage auch gebildete Mitbürger in der Regel nicht so exakt bestimmen können. Die Gastgeberin ist stolz auf ihren Baum, der riesig groß bis zur Decke ragt, 900 Lichter trägt und rote und silberne Kugeln und Sterne und Schleifen. Sehr amerikanisch und wunderschön.

Die Damen haben zum Adventskaffee über die Maßen hübsch verpackte Geschenke mitgebracht. Nicht für die Gastgeberin natürlich, die ist ja eine bescheidene Frau. Aber die U.S. Marines wollen arme Kinder in einem Wilmersdorfer Heim bescheren. Also ist eine liebevoll eingewickelte Gabe für ein unbekanntes Kind der Eintrittspreis für diesen Nachmittag. Ein ebenso vorbildliches wie spaßreiches Beispiel, das unbedingt Schule machen sollte. Die Gastgeberin hält sodann eine kurze Ansprache über die bedenkenswerte biblische Aufforderung, die Dinge möglichst immer in einem neuen Licht zu sehen.

Und dann singen die Damen, angeführt von einer echten Opernsängerin, zusammen im Chor Lieder wie „What Child Is This?“ und „O Christmas Tree“. Berlin, im Advent 2003. Es wird nicht schlechter. Solange man neue oder auch neunhundert Lichter nur ertragen kann.

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